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Die Angst der Skispringer vor dem Sprung

Von Friederike Krieger Veröffentlicht:

Die Ampel springt auf grün. Der Skispringer stößt sich von dem Balken ab, auf dem er auf das Startsignal abgewartet hat. Mit einer Geschwindigkeit von fast 100 Stundenkilometern rast er die Anlaufspur hinab auf den Schanzentisch zu. Dann der Absprung. In der Luft bricht plötzlich einer der beiden Skier weg und segelt zu Boden. Der Athlet kämpft um seine Stabilität, während der schneebedeckte Boden immer näher kommt. Die Landung wird zur Zitterpartie.

Diese Situation ist der Alptraum eines jeden Skispringers, wie die Sportpsychologin Dr. Reinhild Kemper von der Universität Jena herausgefunden hat. Sie hat 29 Springer aus dem Hochleistungssportbereich nach ihren größten Ängsten befragt. Auf einer Skala von 1 bis 7 erreichte die Furcht vor dem Skiverlust eine Durchschnittsnote von 6,51.

"Anders als bei Technikfehlern ist es den Athleten nicht mehr möglich, gegenzusteuern und den Sprung erfolgreich zu beenden", erklärt sie. Skiverluste kommen zwar selten vor, sind aber nicht völlig ausgeschlossen. Olympiasieger Jens Weißflog etwa durchlebte diese Situation zweimal in seiner Karriere.

Den höchsten psychischen Streß empfinden die Sportler kurz vor dem Start, den Flug erleben sie relativ streßfrei. Doch es ist weniger das Verletzungsrisiko, das den Springern kurz vor dem Abstoßen Sorgen bereitet. "Der Leistungsdruck ist der entscheidende Streßfaktor", sagt der Sportpsychologe Werner Mickler von der Deutschen Sporthochschule Köln, der Skispringer in Streßbewältigung geschult hat.

So haben die Springer Angst, den optimalen Punkt für den Absprung zu verpassen oder daß die Wetterbedingungen ihrem Höhenflug einen Strich durch die Rechnung machen. Auch die Vorleistungen der Konkurrenz setzen die Springer unter Druck. "Ihr könnt euch das nicht vorstellen, welche Angstgefühle einen Springer bewegen, wenn er dauernd diese Rekordweiten hört und noch oben steht", verrät Olympiasieger Dieter Thoma in seiner Internet-Kolumne.

Mentales Training soll vermeiden, daß Streß und Nervosität die Oberhand gewinnen. Dabei lernen die Athleten, ihre Sprungtechnik auf einzelne Schlagwörter zu fokussieren. "Statt vor dem Sprung noch einmal über die gesamte Technik nachdenken zu müssen, denken sie nur an einzelne Wörter wie Zehen oder Hocke", erklärt Kemper. Das hält nicht nur den Kopf frei, sondern automatisiert auch die Bewegungen.

Da die Springer meist nur wenige Trainingssprünge auf den Wettkampfschanzen absolvieren können, ist dies besonders wichtig. Die Athleten praktizieren aber auch Entspannungstechniken wie autogenes Training. "Außerdem gibt es noch sogenannte naive Bewältigungsstrategien, die die Springer für sich selbst entwickelt haben", sagt Kemper. So machen manche Skispringer vor dem Wettkampf einsame Waldspaziergänge.

Wenn sich ein Springer allerdings schon einmal sehr schwer verletzt hat, können alle psychologischen Versuche, die Angst in den Griff zu bekommen, scheitern. So erging es Marko Baacke, ehemals Weltmeister in der Nordischen Kombination. Bei einem Trainingssprung 2001 stürzte er und verlor seine Milz und eine Niere.

Seine körperliche Form erlangte er relativ schnell wieder, doch die Bilder seines Sturzes bekam er nie wieder aus dem Kopf. Ende 2004 gab er im Alter von erst 24 Jahren seinen Rückzug vom Spitzensport bekannt.

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