Ärzte Zeitung, 03.07.2006

HINTERGRUND

Tour de France steht im Schatten des größten Dopingskandals in der Geschichte des Radsports

Von Andreas Zellmer und Pete Smith

Der Profi-Radsport steht vor dem bisher größten Dopingskandal seiner Geschichte. Die 93. Tour de France, die am Samstag mit dem Prolog in Straßburg gestartet wurde, findet ohne ihre größten Stars statt.

Im Zuge der Dopingermittlungen gegen den spanischen Arzt Eufemiano Fuentes (die "Ärzte Zeitung" berichtete) sind sowohl die deutsche Tour-Hoffnung Jan Ullrich (Team T-Mobile) als auch der Italiener Ivan Basso (CSC) von der Frankreich-Rundfahrt ausgeschlossen worden. Statt der ursprünglich gemeldeten 198 Fahrer sind am Samstag nur 176 gestartet, von den gemeldeten 22 Teams nehmen aufgrund der Ausschlüsse nur noch 20 teil.

Radprofi Jan Ullrich steht unter Dopingverdacht: Die spanische Guardia Civil wirft ihm Blutdoping vor. Auch sein Betreuer Rudy Pevenage soll in die Affäre verwickelt sein. Foto: ddp

Einen Tag vor dem Start der 93. Tour de France hatten die Organisatoren am Freitag alle Radprofis ausgeschlossen, deren Namen im Zusammenhang mit dem in Spanien aufgedeckten Dopingskandal genannt werden. Suspendiert wurden außer Ullrich und Basso auch die Topstars Oscar Sevilla, Francisco Mancebo und Joseba Beloki.

Ullrich, dem Blutdoping und die Einnahme von Wachstumshormonen vorgeworfen wird, beteuert seine Unschuld. "Ich bin in einem absoluten Schockzustand", sagte er, "das ist das Schlimmste, was mir bisher in meiner Karriere passiert ist." Er sehe sich als Opfer und werde versuchen, seine Unschuld mit Hilfe eines Anwalts zu beweisen. Ullrich: "Ich kann nur sagen, daß ich nach wie vor nichts mit der Sache zu tun habe."

60 000 Euro und eine Kühltasche mit Dopingmitteln

Der Skandal nimmt am 23. Mai dieses Jahres in Madrid seinen Anfang: Vor einem Hotel werden zwei Männer festgenommen. Der eine ist der Arzt Dr. Eufemiano Fuentes, der seit 20 Jahren für Teams des Profi-Radsports gearbeitet hat und immer wieder mit Dopingvorwürfen in Verbindung gebracht worden ist. Der andere ist Manolo Saiz, Chef des Liberty-Teams und eines der Schwergewichte des internationalen Radsports. Er hat 60 000 Euro und eine Kühltasche mit Doping-Präparaten bei sich.

Noch am selben Tag machen die spanischen Ermittler drei weitere Verdächtige dingfest, darunter den Hämatologen Dr. José Luis Merino Batres. Er ist der Chef eines Madrider Speziallabors, das als die Operationsbasis des aufgedeckten Doping-Rings gilt. Von dort sollen Radprofis mit präparierten Blutkonserven und anderen Dopingmitteln versorgt worden sein. Merino Batres behandelte Sportler nach eigener Aussage auch in deren Hotelzimmern, allerdings - wie er betonte - stets im Auftrag von Fuentes.

Patienten-Daten waren durch geheime Codes verschlüsselt

In dem Madrider Speziallabor stellte die Polizei Blutkonserven und Unterlagen über die behandelten Radprofis sicher. Die Patienten-Daten waren durch geheime Codes verschlüsselt. Die Ermittler glauben jedoch, das "Sanskrit des Dr. Fuentes" entschlüsselt zu haben. Mit Hilfe von Überwachungskameras und abgehörten Telefonaten wollen sie über 50 mutmaßliche "Kunden" des Labors identifiziert haben, darunter sollen auch Jan Ullrich und sein Betreuer Rudy Pevenage sein. Dieser beteuert wie Ullrich seine Unschuld.

Die sportlichen Folgen für die betroffenen Fahrer dürften verheerend sein. Die eigentlichen Drahtzieher des Rings haben dagegen wenig zu befürchten. Die neue spanische Gesetzgebung, die Doping unter Strafe stellt, ist noch nicht in Kraft. Das Vergehen, das Fuentes und seinen Komplizen zur Last gelegt wird, lautet Angriff auf die öffentliche Gesundheit.

Ullrich und allen anderen im Zuge des Doping-Skandals verdächtigten Radprofis drohen im Fall nachgewiesener Schuld vierjährige Wettkampfsperren. Dies erklärte der Präsident der Internationalen Radsport-Union (UCI), Pat McQuaid, am Samstag beim Start der Tour de France in Straßburg. "Falls sie endgültig schuldig gesprochen werden und ihre Karrieren vorbei sind und sie vier Jahre bekommen, habe ich keinerlei Mitleid für sie", betonte der Ire.

Bei Erstvergehen ist eine zweijährige Sperre vorgesehen

Derartig harte Strafen sind nach Meinung des UCI-Präsidenten gerecht, da der Radsport seit Jahren mit dem Doping-Problem zu kämpfen hat. Auf die drastischen Sanktionen hätten sich alle Teams geeinigt. Im Normalfall müssen Dopingsünder bei Erstvergehen mit einer zweijährigen Wettkampfsperre rechnen.

Der deutsche Rennstall T-Mobile räumt Ullrich die Möglichkeit zur Rehabilitation ein. Christian Frommert, der Kommunikations-Leiter von T-Mobile in Plobsheim, sagte: "Selbstverständlich werden Ullrich, Sevilla und Pevenage die Möglichkeit haben, ihre Unschuld zu beweisen." Eine Möglichkeit wäre eine DNA-Analyse.

Ullrich war vor vier Jahren schon einmal gesperrt worden. Damals war er bei einer Doping-Kontrolle mit dem Stimulanzmittel Amphetamin aufgefallen. Er hatte die positive Probe mit der Einnahme von Tabletten erklärt, die er in einer Discothek erhalten hätte. In der Folge hatte Ullrich sowohl sein Team (Telekom) als auch seinen Sponsor verloren.

STICHWORT

Blutdoping

Unter Blutdoping wird vor allem die Anwendung einer autologen (Eigenbluttransfusion) oder homologen (Fremdbluttransfusion) Transfusion von Blut, roten Blutzellen oder anderen Blutzellprodukten, deren Ursprung nicht für eine medizinische Behandlung vorgesehen ist, verstanden. Darüber hinaus wird auch die Applikation von Produkten, die die Aufnahme, den Transport oder die Freisetzung von Sauerstoff erhöhen, als Blutdoping bezeichnet. Das können zum Beispiel modifizierte Hämoglobine sein. Dagegen ist die Anwendung von Erythropoetin (EPO) nicht wie oft behauptet Blutdoping, sondern Hormondoping.

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