Ärzte Zeitung, 08.02.2007

Knochenbruch und Knorpelschaden im Wintersport

In Deutschland verletzten sich im vergangenen Winter 58 000 Skifahrer / Insulinpflichtige Typ-2-Diabetiker müssen auch abends oft Dosis anpassen

Am Fuß der Zugspitze treffen sich jedes Jahr Sportmediziner zu einer Tagung rund um die weniger schönen Seiten des Wintersports: In Deutschland verletzten sich in der letzten Saison etwa 58000 Skifahrer, 8200 mussten stationär behandelt werden. Beim diesjährigen internationalen Kongress für Wintersportmedizin ging es aber nicht nur um Knochenbrüche und Knorpelschäden. Sondern auch um die Effekte von Wintersport zum Beispiel auf Diabetes.

Gewagter Sprung eines Snowboarders ins Blaue vor großer Wintersport-Kulisse. So viel Schnee ist in diesem Winter in Deutschland bislang eine große Seltenheit. Fotos (3): LoeschHundLiepold Kommunikation, München

Von Beate Grübler

Veranstalter des Treffens in Garmisch-Partenkirchen waren wieder die Sportorthopädie der Technischen Universität München, die Berufsgenossenschaftliche Unfallklinik Murnau und der Medical Park St. Hubertus in Bad Wiessee. Ein Thema war, wann bei Clavicula-Frakturen mit einem Verband behandelt wird, und wann eine Op indiziert ist.

Operiert wird bei dislozierten Schlüsselbein-Brüchen

Bei neun von zehn Schlüsselbein-Frakturen wird mit Verbänden, etwa Rucksack-Verbänden, behandelt. Bei stark verschobenen Bruchfragmenten reicht das nicht aus. 30 Prozent der dislozierte Frakturen im mittleren Clavikuladrittel heilen ohne Operation nur schlecht bis mäßig aus, sagte Dr. Oliver Gonschorek von der Unfallklinik Murnau. Bei einer Dislokation sind die beiden Knochenteile um mindestens eine Schaftbreite gegeneinander verschoben.

Viel Metall war nötig, um diese Schulter wieder zu stabilisieren. Schulterblatt und Eckgelenk mussten fixiert werden.

Großer Knorpeldefekt im Kniegelenk nach Sturz beim Skifahren.

Erhalten Betroffene nur einen Verband, entwickeln bis zu 15 Prozent Arthrosen, und die Patienten haben dann Schmerzen. "Jüngere Patienten erwarten aber eine zügige und komplikationsfreie Heilung nach Schlüsselbeinfraktur", sagte Gonschorek. "Sportler etwa möchten sich schon bald wieder gut bewegen können".

Platten-Osteosynthesen sind eine Option

Für dislozierte Clavikula-Frakturen kommt etwa eine Platten-Osteosynthese infrage. Operiert wird auch bei offenen Brüchen, bei Perforationsgefahr und bei Nerven- oder Gefäßverletzungen. Bei mehr als 2000 Patienten mit Schlüsselbeinbrüchen war nach Op das Risiko für Pseudarthrosen signifikant geringer. Das ergab eine aktuelle Literaturanalyse, sagte Gonschorek. Jüngeren Patienten mit dislozierter Clavicula-Fraktur rät Gonschorek stets zur Osteosynthese.

Liegen die Bruchenden eng beieinander, ist dagegen keine OP nötig. Es reicht dann eine Schlinge um den Arm. Damit heilt der Bruch ebenso gut wie mit einem unbequemen Rucksackverband.

Jede dritte Skiverletzung betrifft das Kniegelenk

Häufiger als Claviculaverletzungen sind Verletzungen des Kniegelenks: Das ist jede dritte Verletzung beim alpinen Skisport. Oft wird ein Knorpelschaden oder eine osteochondrale Läsion diagnostiziert. Um eine spätere Arthrose zu verhindern, werden die Knorpeleinrisse und -fissuren mit Ersatzgewebe abgedeckt.

Chondrozytentransplantation bei größeren Knorpeldefekten

Da hyaliner Gelenkknorpel kaum nachgebildet wird, ergeben konservative Therapien bei größeren Knorpelschäden keinen Sinn. Zum Schutz vor Arthrose wird Patienten bis zu etwa 50 Jahren eine autologe Chondrozytentransplantation (ACT) oder Knorpel-Knochen-Transplantation (OATS, Osteochondrale autologe Transplantation) angeboten. Beide Verfahren sind etwa gleichwertig, sagte Dr. Stefan Vogt vom Klinikum rechts der Isar in München.

Bei der ACT wird zunächst gesundes Knorpelgewebe arthroskopisch entnommen und in Zellkulturen vermehrt. Die Suspension wird dann in einer zweiten Op auf den mit einem Knochenhautlappen versiegelten Defekt aufgetragen und fixiert.

Besonders hochwertiger Knorpel entsteht, wenn die Knorpelzellen zunächst auf eine resorbierbare Unterlage (Matrix) aufgetragen werden. Aber auch dieses Verfahren liefert im Wesentlichen Faserknorpel, der zwar voll funktionsfähig, aber weniger haltbar ist als hyaliner Knorpel.

Bei der Mosaikplastik wird Knochen plus Knorpel übertragen

Bei der auch als Mosaikplastik bezeichneten OATS wird der defekte Knorpelbereich dagegen mit vollwertigem Ersatzgewebe aufgefüllt. Dazu werden 10 mm kleine, zylinderförmige Knochen-Knorpel-Stücke aus der lateralen Femurkondyle gestanzt und dann übertragen.

Ein großer Defekt wird mit einer einzelnen, bis zu 3 cm großen Knochen-Knorpel-Scheibe aufgefüllt, wie Dr. Gunther Sandmann von der TU München berichtete. In München wurden bisher 33 Patienten damit behandelt. Nach durchschnittlich 5,5 Jahren seien die Ergebnisse gut, sagte Sandmann. Auch für Knorpelschäden am Sprunggelenk ist die OATS geeignet.

Faustregeln für Insulindosis beim alpinen Wintersport

Außer auf ihre Knochen müssen Diabetiker beim Wintersport vor allem auf ihre Blutzuckerkontrolle achten. Insulinpflichtige Typ-2-Diabetiker fürchten oft Hypoglykämien. Das Risiko ist aber geringer als bei Typ-1-Diabetikern, sagte Professor Martin Halle von der TU München.

Wer fit ist und sich für eine halbe Stunde auf die Bretter stellt, braucht am Insulin nichts zu ändern. Wer dagegen für mehrere Stunden auf die Piste möchte, sollte nach einer Faustregel die Insulindosis um 30 bis 50 Prozent reduzieren. "Dann wird während des Skiausflugs in halbstündigen Abständen der Blutzucker gemessen", sagte Halle. Zu niedrige Werte können durch Energieriegel ausgeglichen werden. Auch am Abend wird die Insulindosis angepasst und dürfte etwas niedriger ausfallen, weil die körperliche Anstrengung auf den Stoffwechsel nachwirkt.

Typ-1-Diabetiker müssen ihren Energieverbrauch kalkulieren

"Schwieriger ist die Insulindosierung bei Typ-1-Diabetikern", so Halle. Sport lässt ihre Blutzuckerspiegel stark schwanken und verschlechtert den HbA1c-Wert. Außerdem ist das Risiko für nächtliche Hypoglykämien erhöht. "Es konnte bisher nicht belegt werden, dass Sport bei Typ-1-Diabetikern die Morbidität senkt", sagte Halle. Um die günstigen Wirkungen von körperlicher Bewegung auf den Blutdruck nutzen zu können, sollten Typ-1-Diabetiker Energieverbrauch genau kalkulieren und den Insulinbedarf darauf abstimmen.

STICHWORT

Clavicula-Frakturen

Patienten mit Schlüsselbein-Brüchen werden operiert bei:

  • dislozierten Brüchen, wenn also die Hauptfragmente um mehr als Schaftbreite gegeneinander verschoben sind
  • offenen Frakturen
  • Nerven- oder Gefäßverletzung
  • Perforationsgefahr

Skisport und Insulin

Für skifahrende insulinpflichtige Typ-2-Diabetiker gilt:

  • eine halbe Stunde Wintersport ändert nichts an der Dosis
  • bei stundenlangen Skifahrten wird die Insulindosis um 30 bis 50 Prozent reduziert und halbstündlich die Blutglukose gemessen
  • abends muss die Insulindosis oft gesenkt werden.

Knorpelschäden

Bei größeren Knorpelschäden wird zur Arthroseprophylaxe operiert.

  • Bei der Mosaikplastik (Osteochondrale autologe Transplantation, OATS) wird der Defekt mit Knochen-Knorpel-Zylindern gefüllt.
  • Bei der autologen Chondrozytentransplantation (ACT) werden Knorpelzellen des Patienten in Kulturen angezüchtet und dann übertragen. (grue)

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