Ärzte Zeitung, 28.03.2008

Nichtraucher-Flickenteppich erzürnt Krebsexperten

Krebsforschungszentrum fordert bundeseinheitliche Lösung / Widerstand gegen Raucherklubs / 7000 schwangere Angestellte in Gaststätten

BERLIN (ble). Raucherklubs, Absauganlagen, Sonderregeln für inhabergeführte Kneipen: Die in den vergangenen Monaten in Kraft getretenen landesgesetzlichen Regelungen zum Nichtraucherschutz lassen nach Ansicht von Krebsexperten zu viele Schlupflöcher zu.

 Nichtraucher-Flickenteppich erzürnt Krebsexperten

Raucherkneipe in Rheinland-Pfalz: Krebsexperten fordern ein Ende der in verschiedenen Ländergesetzen verabschiedeten Ausnahmeregelungen.

Foto: imago

Von einem umfassenden Raucherschutz könne in Deutschland keine Rede sein, klagte der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Krebsforschungszentrums, Professor Otmar Wiestler gestern in Berlin. Dabei seien die Folgen des Rauchens eindeutig belegt. So gebe es pro Jahr in Deutschland zwischen 100 000 und 150 000 direkt auf das Rauchen zurückführbare Todesfälle. Die Zahl der Toten durch Passivrauchen bezifferte er mit 3300.

Um das zu ändern, forderte er die große Koalition zu einem erneuten Anlauf für eine bundeseinheitliche Regelung auf. Vor zwei Jahren waren Überlegungen auf Bundesebene aufgrund unterschiedlicher Auffassungen innerhalb der Regierung zurückgestellt worden.

Wiestler stützt sich bei seiner Forderung auf ein vom dkfz in Auftrag gegebenes Rechtsgutachten, das der Kölner Staatsrechtler Professor Klaus Stern vorstellte. Danach habe der Bund mit der letzten Föderalismusreform erweiterte Kompetenzen erhalten: So könne er jetzt Maßnahmen gegen gemeingefährliche Krankheiten ergreifen, ohne dass diese übertragbar sein müssen. Zudem habe er jetzt die Kompetenz über das "Recht der Gifte und Genussmittel". Dieses konkurriere nicht mit der Länderhoheit über die wirtschaftlichen Aspekte des Gaststättenwesens, sagte er. Auch beim Arbeitsschutz, so Stern, habe der Bund eine eigene Gesetzgebungskompetenz.

Für Wiestler ist eine bundeseinheitliche Regelung vor allem mit Blick auf die nach seinen Angaben weit über eine Million Angestellten in der Gastronomie dringend geboten. Anders als Beschäftigte in öffentlichen Einrichtungen und auch Gäste könnten sie sich nicht vor dem Rauch schützen, zumal viele von ihnen in prekären Arbeitsverhältnissen steckten. Auch arbeiteten regelmäßig etwa 7000 Schwangere in den Gaststätten, fügte er an.

Nach den Worten der Krebsexpertin Dr. Martina Pötschke-Langer müssen Gastwirte nicht mit langfristigen Umsatzrückgängen durch die Nichtrauchergesetze rechnen. So zeigten internationale Erfahrungen, dass sich die Einnahmen nach einer gewissen Zeit wieder stabilisierten und zu sichereren Arbeitsplätzen beitrügen. Der von den Gastwirten beklagte Umsatzrückgang sei bereits seit Jahren zu beobachten und keine Folge der Gesetze, sondern Ergebnis eines wachsenden Gesundheitsbewusstseins der Bürger. Die Leute gingen eben "nicht mehr in stinkende Kneipen, sondern sie bevorzugen lichte, luftige Bars", so Pötschke-Langer.

[28.03.2008, 09:03:54]
Dr. Sven Dillmann 
Kneipenumsatz scheint wohl das höhere Gut
Es ist wirklich unglaublich, wieso sich die Deutschen mit dem Nichtraucherschutz so schwer tun. Jeden Tag erscheinen immer neue, teilweise irrwitzige Ausnahmeregelungen. In Deutschland scheint man es eben jedem Recht machen zu wollen und so muss man sich um den Kneipenumsatz mehr kümmern als um die Prävention der schlimmen Folge. Die Einstellung vieler Nichtraucher zum Thema Rauchen in Kneipen zeigt auch ganz klar das es bei den Passivrauchern noch nicht angekommen ist, das auch sie ernstahfte Schäden davontragen können. Hier muss noch einiges an Aufklärungsarbiet geleistet werden.
Würde der Staat nicht so viel am Zigarettenkonsum verdienen wäre das alles wohl ein geringeres Problem. Es ist sehr interessant, dass in anderen Ländern kein solcher Aufstand gemacht wird und alles ohne Ausnahmen funktioniert.
 zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Dicker Hals = dickes Risiko fürs Herz

Nicht nur ein dicker Bauch spricht Bände – der Halsumfang eignet sich ebenfalls, um das kardiovaskuläre Risiko abzuschätzen. mehr »

Junge Ärzte müssen etwas zur Versorgung auf dem Land beitragen!

Politik und Verbände mühen sich ab, um junge Ärzte für die Versorgung auf dem Land zu begeistern. Blogger Dr. Jonas Hofmann-Eifler sieht die Verantwortung ein Stück weit auch bei sich und seinen Kollegen. mehr »

MDK lehnt Pflegeanträge seltener ab

Kommen die Pflegereformen bei den Versicherten an? Neuen Zahlen zufolge fallen weniger Antragssteller durchs Raster und erhalten somit Leistungen. mehr »