Ärzte Zeitung, 07.11.2008

Gedenken an das Verbrechen der Ärzte an Ärzten

Im September vor 70 Jahren verloren die jüdischen Ärzte in Deutschland ihre Approbation. Erst seit wenigen Jahren arbeitet die deutsche Ärzteschaft das dunkelste Kapitel ihrer Historie auf

gedenken an das verbrechen der ärzte an ärzten

KBV-Vorstand Dr. Carl-Heinz Müller zeichnet Barbara Huber für ihre Arbeit über den KZ-Zahnarzt Dr. Willy Frank aus.

Fotos: Bauchspies:

. Von Helmut Laschet

30. September 1938: An diesem Tag verlieren alle jüdischen Ärzte in Deutschland ihre Approbation. Von einem Tag auf den anderen ist ihre Existenz vernichtet. Sie sind nur noch als Krankenbehandler für ihre jüdischen Mitbürger zugelassen. Allein in der 4,5-Millionen-Metropole Berlin mit 3600 niedergelassenen Ärzten verlieren 2063 jüdische Kollegen ihren Status als Arzt.

Bereits in den Jahren zuvor hatte sich das erst 1932 etablierte System der Kassenärztlichen Vereinigungen als effizienter Handlanger des Nazi-Regimes erwiesen - sukzessive verdrängten arische Ärzte ihre jüdischen Kollegen ungeachtet ihrer Bedeutung für die Patientenversorgung aus ihren Praxissitzen. Heute weiß man, dass von den 2063 jüdischen Kassenärzten, die bislang namhaft gemacht werden konnten, rund 900 Ärzte in die Zwangsemigration gingen, und dass 400 Ärzte in Zuchthäuser und Konzentrationslager deportiert wurden, von denen nur fünf überlebten. Nur 35 jüdische Ärzte arbeiteten nach dem Kriegsende in Berlin wieder als Kassenärzte.

Wie keine andere akademische Berufsgruppe organisierten sich Ärzte schon Anfang der 30er Jahre in NS-Institutionen - eine Tatsache, die nach Kriegsende für Jahrzehnte verdrängt wurde. Die nach 1945 wiederbelebten demokratisierten Standesvertretungen glaubten, mit den Nürnberger Ärzteprozessen sei die Schuld abgearbeitet, und für Jahrzehnte sollte gelten, unmenschliches und kriminelles Verhalten sei auf wenige hundert Mediziner in den zwölf braunen Jahren beschränkt gewesen.

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23 Einzelschicksale des T 4-Euthansieprogramms haben Wissenschaftler aus München und Berlin akribisch dokumentiert: Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt und Professor Lea Rosh würdigten ihre Arbeit.

Diese historische Lüge der Nachkriegszeit wird von den offiziellen Institutionen der deutschen Ärzteschaft, insbesondere von der KBV, der KV Berlin und der Bundesärztekammer erst seit wenigen Jahren systematisch durch Forschungsarbeit aufgedeckt. Erst unter der Ägide des KBV-Vorsitzenden Dr. Manfred Richter-Reichhelm haben die Körperschaften aktiv begonnen, ihre Verstrickung in die Verbrechen des Nationalsozialismus aufzuklären. Dazu gehört auch, dass seit 2002 in einem alle zwei Jahre stattfindenden Festakt in der Neuen Synagoge in Berlin der vertriebenen und ermordeten jüdischen Ärzte gedacht wird.

Bei der Feier am Mittwochabend konstatierte die zweite Vorsitzende der KV-Berlin, Dr. Angelika Prehn: "Die deutschen Ärzte haben sich der Nazi-Diktatur in jeder Hinsicht unterworfen. Sie waren beteiligt an der Euthanasie, an industrieller Menschenvernichtung und an pseudowissenschaftlichen Menschenversuchen. Das muss uns bis heute zutiefst beschämen."

Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt wies darauf hin, dass "medizinische Forschung zu einem der schlimmsten Verbrechensinstrumente missbraucht worden ist". Daran mitbeteiligt war das Robert-Koch-Institut, das ebenfalls erst in jüngster Zeit seine Verstrickung in die Nazi-Verbrechen wissenschaftlich aufgearbeitet hat.

Auf Initiative der KBV und der KV Berlin werden seit sechs Jahren Forschungsarbeiten gefördert und Wissenschaftler ausgezeichnet, die die Beteiligung von Ärzten und ihren Institutionen an Nazi-Verbrechen aufklären. Am vergangenen Mittwochabend wurden viele dieser Arbeiten im Rahmen des Festakts in der Neuen Synagoge ausgezeichnet. "Diese Arbeiten reißen die Opfer aus ihrer Anonymität heraus und geben ihnen ihre Würde zurück", so die Laudatorin Professor Lea Rosh.

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