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Ärzte Zeitung, 16.10.2011

Hintergrund

Aus der Klinik nach Hause oder ins Heim entlassen - oft ohne Informationen

Viele Kliniken können ihr Entlassmanagement noch verbessern. Dazu müssen sich Klinik-, Hausärzte und Pflegepersonal sorgfältig absprechen. Gerade bei allein lebenden Patienten gibt es Probleme. Je älter der Patient, desto wichtiger wird das Entlassmanagement.

Von Ilse Schlingensiepen

Erfolgreiches Entlassmanagement vernetzt Ärzte aus Klinik und Praxis

Klinik- und Hausärzte sollten die Weiterversorgung absprechen.

© Mathias Ernert

Der Krankenhaus-Arzt fragt die 96-jährige Patientin vor der Entlassung, ob sie Angehörige hat. Ja - einen Sohn, den sie seit 20 Jahren pflegt. "Da hatten wir dann gleich zwei Probleme", berichtete Professor Ralf-Joachim Schulz auf der Tagung "Krankenhaus - was dann?" der Landesstelle Pflegende Angehörige Nordrhein-Westfalen und der Landesseniorenvertretung NRW in Düsseldorf.

"Der Arzt muss schon bei der Aufnahme anfangen, sich über die Entlassung Gedanken zu machen", sagte der Inhaber des Lehrstuhls für Geriatrie an der Universität Köln und Chefarzt der Klinik für Geriatrie am St. Marien-Hospital in Köln.

Keine leichte Aufgabe

Das ist keine leichte Aufgabe: Er muss die Versorgungssituation des Patienten herausfinden, Trainingsmaßnahmen für zuhause entwickeln, mit den Angehörigen sprechen und den Patienten gegebenenfalls in ein Pflegeheim überleiten.

Im Marien-Hospital hat das für das Entlassmanagement zuständige multiprofessionelle Team einen Überleitungsbogen erarbeitet. Ärzte und Pfleger finden heraus, wer den Bogen erhält und nach 48 Stunden Rückmeldung geben soll, ob die Weiterversorgung funktioniert. "Wir brauchen ein gut dokumentiertes, sichtbares System mit den wichtigsten Parametern", sagte Schulz.

Angehörige und Hausärzte brauchen Informationen für die Weiterbetreuung

Wichtig sei, dass Angehörige und Hausärzte an die für die Weiterbetreuung notwendigen Informationen kommen. Daher müssten die Kliniken flexibler werden und Arbeitsprozesse umstellen. "Wir wollen einen Spätdienst einrichten, der bis 20 Uhr erreichbar ist", sagte er.

Nicht alle Kliniken kümmern sich so um die weitere Versorgung ihrer Patienten. Die Landesseniorenvertretung NRW schätzt, dass nur jede zweite Klinik ein gutes Entlass- oder Überleitungsmanagement hat.

"Verkürztes Verständnis von Weiterversorgung"

An den Strukturen und den rechtlichen Rahmenbedingungen liegt es nicht, sagte der Pflegewissenschaftler Dr. Klaus Wingenfeld von der Universität Bielefeld. "Wir wissen, was wir tun müssen in den Krankenhäusern", sagte er. Meistens hapere es an der Umsetzung. "Manchmal gibt es ein verkürztes Verständnis von Weiterversorgung." Sie gelte in manchen Häusern als gesichert, sobald Angehörige da sind.

Beim Entlassmanagement müssten zwei Probleme auseinander gehalten werden, sagte Wingenfeld. Zum einen müssen die Versorgung und ihre Finanzierung nach der Entlassung sichergestellt sein und Hilfsmittel und weitere Leistungen rechtzeitig bereitstehen. Zum anderen sei die Frage wichtig: "Verfügen Patienten und Angehörige über die Ressourcen und Kenntnisse, um nach der Entlassung zurecht zu kommen?"

Laut Bernd Zimmer, Allgemeinmediziner aus Wuppertal und Vizepräsident der Ärztekammer Nordrhein, gewinnt ein funktionierendes Überleitungsmanagement viel, wenn sich Ärzte in Klinik und Praxis in die Rolle des anderen versetzen und überlegen, welche Informationen er benötigt.

Je älter die Patienten, desto wichtiger das Überleitungsmanagement

"Wir niedergelassene Ärzte müssen den Versorgungsumfang klar machen, der vor der Einweisung bestand." Der Hausarzt könne den Kollegen informieren, dass ein Patient allein lebt. "Woher soll der Krankenhausarzt es sonst wissen? Der Patient wird es ihm nicht sagen, weil er sich schämt", sagte Zimmer.

Je älter die Patienten werden, umso bedeutsamer werde das Überleitungsmanagement - gerade für Alleinlebende. "Für diese Menschen gilt es, das Bewusstsein der Ärzte und der Pflege zu sensibilisieren."

Beim Entlassmanagement dürfe es nicht nur um die Bedürfnisse der Patienten gehen, sagte Professor Christel Bienstein, Leiterin des Instituts für Pflegewissenschaften an der Universität Witten/Herdecke. "Die Angehörigen werden im Krankenhaus viel zu wenig in den Blick genommen." Es fehlten aber Instrumente, um die Folgen der Entlassung für die Pflegenden einschätzen zu können, sagte sie.

"In kleinen Schritten versuchen das System aufzubrechen"

Hervorragende Ideen gebe es viele, sie müssten aber Eingang in die Praxis finden, sagte die nordrhein-westfälische Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne). "Das geriatrische Assessment muss in Zukunft die Regel, nicht die Ausnahme sein", forderte sie.

Notwendig sei auch die ausreichende Finanzierung der Weiterversorgung im ambulanten Bereich, betonte Steffens. Das gelte etwa für die Hausbesuche durch niedergelassene Ärzte. "Wir werden versuchen müssen, in kleinen Schritten mit gemeinsamen Maßnahmen das System aufzubrechen."

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Entlassmanagment erfordert Einsatz

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