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Ärzte Zeitung, 26.08.2012

Konzepte gefragt

Wenig Erfahrung mit geistig behinderten alten Menschen

Geistig behindert und über 60 - bis jetzt waren es nur wenige Deutsche, weil viele Behinderte von 1933 bis 1945 ermordet wurden. Jetzt sind Versorgungskonzepte gefragt.

KÖLN (tau). Die Zahl geistig behinderter Menschen über 60 Jahre nimmt stark zu, deshalb müssen neue Versorgungsangebote entstehen. Das hat das Forschungsprojekt "Lebensqualität inklusive" von Wissenschaftlern der Katholischen Universität Münster und dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) ergeben.

"Weil es kaum praktische Erfahrungen mit den Bedürfnissen behinderter Senioren gibt, müssen sich alle Akteure in der Behindertenbetreuung auf diese Entwicklung vorbereiten", sagte Michael Wedershoven von der LWL-Behindertenhilfe Westfalen. Entsprechende Weiterbildungen würden noch zu selten angeboten.

Selten Partnerschaften, kaum eigene Kinder

Die Forscher haben die wissenschaftlichen Erkenntnisse darüber zusammengetragen, wie sich die Lebenssituation geistig behinderter Senioren von der alter Menschen ohne Behinderung unterscheidet. Eine Besonderheit: Geistig Behinderte leben selten in Partnerschaft und haben kaum Kinder.

Schließlich haben die Forscher 21 ambulante Wohn- und Freizeitprojekte untersucht, die vielversprechende Ansätze für die Bedürfnisse geistig behinderter Menschen über 60 bieten.

Derzeit werten die Wissenschaftler die Ergebnisse aus und formulieren Empfehlungen, wie die Gruppe ein selbstbestimmtes Leben führen kann.

Eins der Projekte: Quartierskonzept in Münster

Eines der 21 innovativen Projekte ist das Quartierskonzept des Anbieters Ambulante Dienste in Münster: Behinderte Menschen wohnen in der eigenen Wohnung rund um den Quartiersstützpunkt, in dem soziale und kulturelle Aktivitäten stattfinden und ein Mittagstisch angeboten wird.

Ein Assistententeam hilft den Bewohnern rund um die Uhr in der Pflege und im Haushalt. Unterstützung bei der Freizeitgestaltung und der Mobilität soll ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen.

Lernbedarf gibt es nicht nur für Behindertenbetreuer, sondern auch für Ärzte, sagte Wedershoven. "Ärzte sollten sich für geistig behinderte Senioren mehr Zeit als für andere Patienten nehmen und für Gespräche eine einfache Ausdrucksweise wählen."

Hilfreich seien möglicherweise auch besondere Angebote, zum Beispiel, dass Ärzte ihre geistig behinderten Patienten per Telefonanruf an anstehende Behandlungen oder Vorsorgeuntersuchungen erinnern. Eine Anlaufstelle für Ärzte zum Thema ist die Bundesarbeitsgemeinschaft Ärzte für Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung.

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