Ärzte Zeitung online, 11.08.2014
 

Klinikreform soll es richten

Notaufnahmen unter Druck

Mehr und mehr Menschen suchen die Notaufnahmen in Krankenhäusern auf. Kliniken beklagen deren massive Unterfinanzierung. Die Regierung verweist auf die Bund-Länder-AG zur Klinikreform. Dort soll geprüft werden, ob es mehr Geld gibt.

Von Florian Staeck

Notaufnahmen unter Druck

Schnell muss es gehen: Rettungskräfte bringen bei einer Übung einen Mann in die Notaufnahme.

© dpa

BERLIN. Notaufnahmen in Kliniken ächzen unter wachsenden Patientenzahlen. Von den im Jahr 2012 knapp 18 Millionen stationär behandelten Patienten wurden fast 7,5 Millionen als Notfall aufgenommen. Das entspricht 41,5 Prozent und damit rund acht Prozentpunkte mehr als noch 2005.

Das geht aus der Antwort auf eine parlamentarische Anfrage der Links-Fraktion hervor, die der "Ärzte Zeitung" vorliegt. Im Ergebnis ist die Zahl der Notaufnahmen von 5,42 Millionen Patienten (2005) auf 7,446 Millionen (2012) gestiegen.

Krankenhäuser beklagen eine massive Unterfinanzierung ihrer Notaufnahmen. Die Linksfraktion zitiert Studien, nach denen Kliniken pro ambulantem GKV-Notfall, der nicht stationär weiterbehandelt wird, rund 30 Euro von der Krankenkasse erhalten.

Die Deutsche Gesellschaft für interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin (DGINA) kalkuliert die durchschnittlichen Kosten für einen solchen Patienten auf 129 Euro. Die Behandlung dieser Patientengruppe sei "generell unterfinanziert", erklärte die DEGINA noch im Juli. Der Fehlbetrag addiere sich jährlich bundesweit auf bis zu eine Milliarde Euro.

6000 Arbeitsstunden pro Jahr bindet eine rund um die Uhr zu besetzende Notaufnahme, die Krankenhäuser außerhalb der regulären Arbeitszeit mit Personal abdecken müssen, hat der Rat der Gesundheitsweisen in seiem neuen Gutachten errechnet.

Kommentar der Sachverständigen: die Arbeitsbelastung habe sich so vermehrt, "dass diese Zeit vor allem in Krankenhäusern der Maximalversorgung im Schichtdienst abgeleistet werden muss, was eine zusätzliche Belastung darstellt, insbesondere für ältere Arbeitnehmer und solche in der Familienphase".

"Vielschichtige Ursachen"

Mit derlei konkreten Zahlen hält sich die Parlamentarische Staatssekretärin im BMG, Annette Widmann-Mauz, zurück. Die Ursachen von "gegebenenfalls ungedeckten Kosten" seien "äußerst vielschichtig". Widmann-Mauz stellt lediglich in Aussicht, dass die Bund-Länder-AG zur Klinikreform "prüft", ob die Vorhaltekosten der Notfallversorgung ausreichend finanziert werden.

Bereits im Koalitionsvertrag von Union und FDP war 2009 versprochen worden, der Notfallversorgung solle bei der Weiterentwicklung der DRG ein "Augenmerk" gelten. Ein Versprechen, das ohne Folgen geblieben ist.

Harald Weinberg, gesundheitspolitischer Sprecher der Linksfraktion, hat kein Verständnis, dass die Bundesregierung "nicht einmal in der Lage ist, zusammenhängende Daten zu Versorgungsproblemen im Notfallbereich zu liefern."

Weinberg sagte der "Ärzte Zeitung", für eine bestmögliche Versorgung müssten "Verteilungskämpfe und Zuständigkeitsgerangel zwischen den beiden Sektoren durch eine einheitliche Bedarfsplanung beendet werden".

Er forderte, die Bund-Länder-AG müsse die Weichen dafür stellen, "dass sich die Strukturen der niedergelassenen Ärzteschaft und der Krankenhäuser (mindestens) bei der Notfallversorgung sinnvoll ergänzen".

Die Bundesregierung gibt sich derweil überzeugt, dass die Notfallversorgung in Deutschland "grundsätzlich gut organisiert und gut ausgestattet ist". Das BMG hält indes die Fallpauschalen mit Blick auf die steigenden Fallzahlen für keine relevante Größe.

 DRG nicht der maßgebliche Grund

Widmann-Mauz verweist in ihrer Antwort auf den Endbericht zur DRG-Begleitforschung, der im März 2013 erschienen ist. Nur drei Prozent der befragten Krankenhäuser, heißt es, hätten die DRG als "maßgeblichen" Grund für die Fallzahlsteigerung in Notaufnahmen angesehen.

Die Linksfraktion bezeichnet diese Argumentation als "Nebelkerze". Das BMG suggeriere, dass das Entgeltsystem in dieser Entwicklung keine Rolle spiele. Tatsächlich konstatieren die Autoren des IGES-Instituts in ihrem Gutachten, durch die Fallpauschalen hätten die Notaufnahmen wirtschaftlich an Bedeutung gewonnen - unter anderem als "Instrument der Patientengewinnung und -bindung".

Klare Worte zum Thema hat im Juni der Sachverständigenrat in seinem jüngsten Gutachten gefunden: Es entstehe ein "falscher Anreize zur stationären Aufnahme", wenn Krankenhäuser keine kostendeckende Vergütung für den Fall erhalten, dass ein als Notfall aufgenommener Patient wieder in die ambulante Versorgung entlassen wird.

Anteil der Notfallpatienten in Kliniken steigt

Entwicklung der DRG-Behandlungsfälle zwischen 2005 und 2012
BerichtsjahrVollstationäre Patienten aus dem DRG-Entgeltbereich insgesamt davon mit Aufnahmeanlass Notfall
200516.071.8465.420.277 (33,7 %)
200616.230.4075.702.142 (35,1 %)
200716.600.4725.963.137 (35,9 %)
200816.924.1806.320.950 (37,3 %)
200917.191.0636.621.561 (38,5 %)
201017.434.4006.844.022 (39,3 %)
201117.708.9107.163.214 (40,4 %)
201217.976.4477.464.171 (41,5 %)
Quelle: BMG , Tabelle: Ärzte Zeitung
[12.08.2014, 19:30:17]
Dr. Helmut Müller 
Auswirkungen des Ärztemangels
Auch wenn es die Politik und vor allem die Krankenkassen gar nicht gern hören wollen: Diese katastrophalen Zustände in den Notfallambulanzen der Kliniken sind natürlich eine Folge des bereits existenten Ärztemangels. Landauf - landab wurden aufgrund drastisch sinkender Arztzahlen von den KVen die Einsatzgebiete der notärztlichen Versorgung "reorganisiert", mit der Folge, dass die KV-Ärzte nun riesige Sprengel mit entsprechenden Fahrzeiten zu versorgen haben. Wenn ich als Notfallpatient mit entsprechenden Beschwerden höre, dass ich ein bis zwei Stunden auf den KV-Notfallarzt warten muss, würde ich auch die nächste Klinik aufsuchen. Und dass auch die Vergütung der Notfallleistungen in den Krankenhäusern mehr als schäbig ist, hat ja schließlich System.  zum Beitrag »

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