Ärzte Zeitung, 14.07.2016

Bundesweiter Vorreiter Hessen

Kinderärzte flächendeckend in Bereitschaft

Hessen bekommt einen flächendeckenden pädiatrischen Bereitschafsdienst. "Ein Plus für die Versorgung", ist sich die KV sicher. Doch bei einigen sorgt die anfallende Mehrarbeit für Ärger.

Von Jana Kötter

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© Corbis RF

FRANKFURT/MAIN. Die KV Hessen ergänzt den Ärztlichen Bereitschaftsdienst (ÄBD) um ein flächendeckendes pädiatrisches Angebot. Der neue pädiatrische Bereitschaftsdienst (PBD) wird - wie der ÄBD - durch die KV Hessen betrieben, die auch Personalplanung und Honorierung übernimmt.

Diese entspreche dem allgemeinen Bereitschaftsdienst, sagte Dr. Günter Haas, Vize-Vorstandsvorsitzender der KV Hessen, am Mittwoch bei der Vorstellung des Konzepts.

Mit dem freiwilligen Versorgungsangebot will die KV Hessen eine bundesweite Vorreiterrolle einnehmen. Zwar gebe es bisher Ansätze in Bremen, Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein. Keinem Bundesland sei es bisher jedoch gelungen, einen flächendeckenden pädiatrischen Bereitschaftsdienst einzurichten, heißt es in einer Mitteilung der KV.

Minimum 30 Stunden pro Woche

Auch in Hessen gab es bisher keine einheitliche Struktur des kinderärztlichen Bereitschaftsdienstes. Die Dienstzeiten der Anlaufstellen unterscheiden sich stark. In ländlichen Gebieten gibt es kaum Angebote.

Der neue PBD, der an die Reform des ÄBD mit seinen nunmehr 58 Zentralen in Hessen anknüpft, bedient verbindliche Kernzeiten. Geplant ist, dass die Zentralen mittwochs und freitags von 16-20 Uhr und am Wochenende von 9-20 Uhr geöffnet haben. Pro Kinder-ÄBD-Zentrale können somit 30 Sprechstunden pro Woche angeboten werden.

 Anpassungen sind durch einen Vorstandsbeschluss möglich. "Wir haben versucht, regionalen Gegebenheiten gerecht zu werden", erklärt Haas. "Die Inanspruchnahme in Bad Hersfeld ist sicher eine andere als in den städtischen Kliniken, wo etwa ein höherer Migrantenanteil herrscht."

Dass für Kinder- und Jugendärzte - analog zum ÄBD - eine Teilnahmepflicht besteht, hat nicht nur für Freude gesorgt. Zwar hätten etwa 80 Prozent der 410 Kinder- und Jugendärzte im Land nach einer ersten Information im März dieses Jahres positiv reagiert, von anderen sei jedoch kräftiger Gegenwind gekommen, so Haas. Und das trotz Befreiung vom allgemeinen ÄBD.

Eine "heftige Kontroverse" habe es mit Erich Pipa, Landrat des Main-Kinzig-Kreises, gegeben. Er hatte einen pädiatrischen Bereitschaftsdienst an den Klinik Gelnhausen gefordert (die "Ärzte Zeitung" berichtete).

Man sei mittlerweile jedoch zu einem konstruktiven Dialog zurückgekehrt und ziehe in Erwägung, in der Ambulanz der Kinderklinik Gelnhausen Räumlichkeiten für den PBD einzurichten, stellte Haas in Aussicht.

Nichtsdestotrotz: Im bevölkerungsreichsten Landkreis Hessens sitzen die "Rebellen", beobachtet auch Pädiater Alfons Fleer, Mitglied der Vertreterversammlung.

Hier hätten Kollegen bisher das Privileg genossen, dass die Kinderklinik Notfälle abgedeckt hat und der ÄBD so gut besetzt war, dass keine Dienste zu leisten waren. "Das sind Vorrechte, die man lange genossen hat - die aber kein vernünftiges Versorgungskonzept tragen", kritisiert Fleer.

Durchschnittlich 45 Minuten Dienstbelastung fallen pro Woche und Arztsitz an, berechnet die KV Hessen. Im allgemeinen ÄBD liegt das Pensum bei 53 Minuten.

"Es war eine explizite Forderung der Vertreterversammlung, dass die Belastung nicht stärker werden sollte", so Haas.Die am stärksten belastete Region Marburg - nur 22 Arztsitze teilen sich hier den PBD, sie müssen mit durchschnittlich 72 Minuten Dienstbelastung pro Woche rechnen - sei sehr kooperativ, berichtet Fleer. Mit Konsens habe man den neuen PBD begrüßt, Dienste bis Ostern seien bis auf wenige Ausnahmen bereits besetzt.

Einbindung von Assistenzärzten

Auch um die Dienstbelastung besser zu tragen, hat es die KV Hessen möglich gemacht, dass Assistenzärzte der angeschlossenen Kinderkliniken unter dem Dach der KV Dienste leisten können.

"Wir haben die dedizierte Absicht, Kooperationen mit den Krankenhäusern anzustreben und Klinikärzte einzubinden", betonte Haas in Frankfurt. Gerade für junge Ärzte, die mit der Idee einer Niederlassung spielen, biete das die Chance, neben den "Klinik-Patienten" auch andere Fälle kennenzulernen.

Gleichzeitig sei der PBD aus Nachwuchssorgen in der Fachrichtung überfällig, sieht Fleer, der in Kassel niedergelassen ist. "Junge Kollegen, die vor der Niederlassung stehen, legen Wert auf die Work-Life-Balance", beobachtet er. Gerade in der Pädiatrie werde der geregelte Bereitschaftsdienst wegen des akuten Mangels an jungen Medizinern damit zur "Basis für die Nachwuchssicherung".

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