Ärzte Zeitung online, 14.10.2016

Ein neuer Typ Häftling

Gefängnismediziner nicht auf Islamisten vorbereitet

Nach dem Suizid des Terrorverdächtigen al-Bakr mahnen Experten, dass die Haftanstalten in Deutschland medizinisch nicht für IS-Terroristen als Gefangene vorbereitet sind.

Gefängnismediziner nicht auf Islamisten vorbereitet

Sind Gefängnisse auf islamistische Häftlinge vorbereitet?

© Liv Friis-larsen / fotolia.com

BADEN-BADEN. Der Suizid des mutmaßlichen IS-Terroristen Dschaber al-Bakr in einem Leipziger Gefängnis offenbart nach Ansicht von Gerichtsmedizinern und anderen Experten ein grundsätzliches Problem deutscher Haftanstalten. So sagte der Gefängnismediziner Joe Bausch im Radiosender SWR-Info, es mangele an Erfahrungen der Justiz im Umgang mit verhinderten islamistischen Attentätern. Sie seien ein neuer Typ Häftlinge in deutschen Gefängnissen.

Unterdesssen sagte Regierungssprecher Steffen Seibert, wenn es in einer Justizvollzugsanstalt zu einem Selbstmord komme, „dann ist etwas schiefgelaufen, dann sind Warnzeichen nicht frühzeitig erkannt worden, dann sind Fehleinschätzungen vorgenommen worden“. Und Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) räumte unumwunden ein:  „Der Suizid hätte verhindert werden müssen, in jedem Fall“, so Tillich.

Gerichtsmediziner Bausch wies in dem Radiointerview darauf hin:  "Keiner von uns, weder Ärzte, noch Psychologen, noch irgendwie andere Fachleute haben eigentlich eine wissenschaftlich belegte, erforschte Erfahrung im Umgang mit selbst-radikalisierten IS-Kämpfern, die letztendlich zu einem erweiterten Suizid in der Lage sind."

Das System des Umgangs mit suizidgefährdeten Gefangenen an sich verteidigte der auch im Kölner "Tatort" auftretende Rechtsmediziner. Er fügte hinzu: "Wir sind ein lernendes System, aber diese Klientel, die sich ja weder interviewen, noch erforschen lässt, die stellt uns eben, wie wir jetzt sehen, doch vor erneute Probleme."

Die Leiterin der Bundesarbeitsgruppe Suizidprävention im Justizvollzug, Katharina Bennefeld-Kersten, forderte Fortbildungen für die Bediensteten. „Es handelt sich um eine andere Qualität der Selbsttötung, die da auf uns zukommt“, sagte sie im Deutschlandradio Kultur. Die Gewerkschaften der Strafvollzugsbediensteten und der Polizei verlangten in der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ und der „Rheinischen Post“, Häftlinge per Video zu überwachen.

Die Verantwortlichen im Leipziger Gefängnis hatten bei Al-Bakr keine akute Suizidgefahr gesehen. Der zuständige sächsische Justizminister Minister Sebastian Gemkow (CDU) verteidigte die Bediensteten: „Es ist lege artis (nach allen Regeln der Kunst) gehandelt worden.“ Gemkow erklärte, die Experten in der JVA hätten nicht so wirklich gewusst, wen sie vor sich hatten. Sie hätten von den Ergebnissen der Ermittlungen über einen verhinderten islamistischen Anschlag keine Kenntnis gehabt, sondern nur aus den Medien darüber erfahren.

Der terrorverdächtigte Al-Bakr hatte sich am Mittwoch im Leipziger Gefängnis stranguliert. Weil sie keine akute Suizidgefahr sahen, hatten sich die Beamten entschieden, den Syrer zunächst alle 15 Minuten, dann alle 30 Minuten zu kontrollieren. (sts/dpa)

 

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