Ärzte Zeitung, 05.12.2016

Ulrich Gottstein

Ein sanfter, aber beharrlicher Mahner

Er muss nicht laut werden, damit man ihm zuhört. Professor Ulrich Gottstein hat sich ein Leben lang für Frieden und Verständigung eingesetzt. Jetzt ist der hochgeachtete Arzt 90 Jahre alt geworden.

Von Pete Smith

Achtung, Wohlwollen und Demut prägen seine Haltung. Zornige Worte hört man von ihm nicht, wie auch seine Stimme stets sanft bleibt, egal wie schrill die anderen schreien. Tatsächlich hat es Professor Ulrich Gottstein nicht nötig, seine Stimme zu erheben, da man ihn kraft seiner Autorität vernimmt. Und weil aus ihm die Stimme der Vernunft und die Stimme des Friedens spricht, die dieser Tage allzu oft schweigt. Von daher war es konsequent, den Festakt zu Ehren seines 90. Geburtstags, zu dem die Internationalen Ärzte zur Verhütung des Atomkriegs (IPPNW) am Sonntag Freunde und Weggefährten nach Frankfurt am Main baten, unter Gottsteins Lebensmotto zu stellen: "Zur Notwendigkeit einer vorausschauenden Friedenspolitik".

Selbstloses Engagement

Vorausschauendes Handeln ist eine Eigenschaft, die Ulrich Gottstein auszeichnet. Die Katastrophe von Tschernobyl hat er nicht vorhergesagt, aber er hat inständig vor ihr gewarnt. Im Kalten Krieg verbündete er sich mit russischen Kollegen, um das Eis erst zu brechen und alsdann aufzutauen. Den Jugoslawienkrieg haben seine mahnenden Worte ebenso wenig verhindert wie den Krieg im Irak, doch durch sein selbstloses Engagement hat Gottstein das Leid der Betroffenen über viele Jahre gelindert. Angesichts der aktuellen Entwicklungen in Europa ermuntert er die Menschen, zuzuhören und miteinander zu reden statt einander zu beschimpfen und niederzuschreien.

Gottstein wird am 28. November 1926 in Stettin geboren. 1938 zieht die Familie nach Berlin, wo er und sein älterer Bruder Klaus in den Jungenkreis der Evangelischen Kirchengemeinde St. Annen eintreten, die zur Bekennenden Kirche gehört. Ein mutiger und riskanter Schritt, wurde Gemeindepfarrer Martin Niemöller doch erst wenige Wochen zuvor von den Nationalsozialisten verhaftet und als "persönlicher Gefangener" Adolf Hitlers ins Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt.

Arzt aus Leidenschaft

1944 kommt Ulrich Gottstein als Soldat der Wehrmacht nach Frankreich und gerät dort in britische Kriegsgefangenschaft, aus der man ihn zwei Jahre später entlässt. 1947 schreibt er sich an der Humboldt Universität für ein Studium der Humanmedizin ein, das er nach dem Physikum in Göttingen und Heidelberg fortsetzt, wo er 1952 sein Staatsexamen ablegt und anschließend zum Dr. med. promoviert. Seine Weiterbildung in Innerer Medizin und Neurologie absolviert er an der II. Medizinischen Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität München, seine Habilitation erfolgt 1960 ebendort. Nach einer mehrjährigen Tätigkeit als Leitender Oberarzt am Uniklinikum Kiel wechselt Gottstein schließlich nach Frankfurt am Main, wo er von 1971 bis 1991 als Chefarzt der Medizinischen Klinik des Bürgerhospitals wirkt und nach seiner Pensionierung ein Palliativzentrum aufbaut.

Er sei ein "Arzt aus Leidenschaft", hat Gottstein einmal gesagt. Diese Leidenschaft befeuert ebenso sein sozialpolitisches Engagement. Als Arzt will er nicht nur die Symptome lindern, sondern den Menschen kurieren, indem er auf die Ursachen der Krankheit schaut und damit im besten Fall auch die Seele seines Patienten heilt. Gottsteins Einsatz für Frieden und Völkerverständigung spiegelt diese Haltung wider. Gemeinsam mit dem Gießener Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter gründete Gottstein 1982 die deutsche Sektion der IPPNW. "Ich war überzeugt, dass wir uns als Ärzte gegen den drohenden Atomkrieg besonders engagieren müssen", erinnert er sich. Mit dem US-Kardiologen Bernard Lown und dessen russischen Kollegen Evgenij Chazov hatte er zwei prominente Mitstreiter an seiner Seite. Ihr unermüdlicher Einsatz wurde 1985 mit dem Friedensnobelpreis belohnt. Gottstein kam die Ehre zu, in Oslo die Dankesrede zu halten. Ein Jahr später gelang es ihm, Lown und Chazov, den sowjetischen Staatspräsidenten Michail Gorbatschow zu einem einseitigen Atomtest-Moratorium zu überreden. 1989 fällt der Eiserne Vorhang, der Rest ist Geschichte.

Geschichte aber ist ein Kontinuum, weshalb es der sanften, mahnenden Stimme Gottsteins auch künftig bedarf. Wenn er sich zu seinem 90. selbst beschenken könnte, würde er das Verteidigungsministerium abschaffen: um stattdessen ein Friedensministerium zu gründen.

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