Ärzte Zeitung online, 16.02.2017

Pharmaforschung

Experten in Sorge

Deutschland verbucht Erfolge seiner Forschungspolitik. Doch Regierungsberater weisen auf eine Ausnahme hin.

BERLIN. Regierungsberater sehen die Entwicklung der pharmazeutischen Forschung in Deutschland mit Sorge.

Die Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) hat am Mittwoch ihr Jahresgutachten an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) übergeben. Zwar hätten die Investitionen der Unternehmen in den vergangenen Jahren im In- und Ausland zugenommen. Doch in der Pharmaindustrie sind 2015 rund 58 Prozent der Forschung- und Entwicklungsausgaben ins Ausland geflossen, 2013 betrug dieser Anteil noch 52 Prozent.

Auch bei den FuE-Investments ausländischer Firmen, fast zwölf Milliarden Euro im Jahr 2013, spiegelt sich diese Entwicklung: Jeder dritte Euro entfiel auf den Fahrzeugbau, lediglich zehn Prozent auf die Pharmaindustrie. Es gelte, fordert die EFI, Deutschland "weiterhin als Standort für internationale FuE-Aktivitäten durch eine (...) forschungsfreundliche Regulierung zu stärken".

Insgesamt positive Bilanz

Die Expertenkommission zog insgesamt eine positive Bilanz der Forschungspolitik. 2015 wurde erstmals das Ziel erreicht, wonach drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf FuE-Aktivitäten entfallen sollten – 2005 hatte dieser Anteil noch bei knapp 2,5 Prozent gelegen. Der EFI forderte, Deutschland solle sich das Ziel stecken, den FuE-Anteil bis 2025 auf 3,5 Prozent zu erhöhen. Weiterhin sollten bis dahin mindestens drei deutsche Unis unter den weltweit 30 führenden Ausbildungsstätten zu finden sein, wünschen sich die Experten.

Dafür muss allerdings bei der Finanzierung der Hochschulen nachgebessert werden. Zwar ist seit 2005 die Zahl der wissenschaftlichen Beschäftigten an den 426 Hochschulen in Deutschland um 60 Prozent gestiegen. Indes hat sich das Betreuungsverhältnis verschlechtert: 59 Studierende werden zurzeit im Durchschnitt von einem Professor betreut, im Jahr 2004 waren es noch 51.

Hinzu kommt, dass die Drittmittelfinanzierung der Hochschulen im Vergleich zur Steuerfinanzierung durch die Länder immer wichtiger geworden ist: Auf einen Steuer-Euro kamen zuletzt 32 Cent Drittmittel (2005: 23 Cent). Doch aus Drittmitteln wird in der Regel Forschung finanziert, nicht aber die Lehre.

Digitaler Wandel mangelhaft

Ein schlechtes Zeugnis stellt die Expertenkommission Deutschland bei der Vorbereitung für den digitalen Wandel aus. Nicht alle kleineren und mittleren Unternehmen würden die Bedeutung der Veränderungen durch neue digitale Geschäftsmodelle wahrnehmen, warnen die Forscher. Als Folge drohe im Unternehmenssektor "eine digitale Spaltung".

"Nachholbedarf" sieht der EFI auch beim bisher begrenzten Angebot digitaler öffentlicher Dienstleistungen und bei den fragmentierten Zuständigkeiten in der Regierung für Fragen der digitalen Agenda. Dafür brachten die Regierungsberater die Gründung eines "Digitalministeriums mit weitreichender Zuständigkeit" ins Gespräch.(fst)

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