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Neurourbanistik

Macht das Stadtleben krank?

Stadtluft kann Schizophrenie begünstigen, glauben Wissenschaftler. Ein Chefarzt der Charité fordert deshalb eine Public-Mental-Health-Strategie für urbane Räume.

Julia FrischVon Julia Frisch Veröffentlicht:
Ist eine Großstadt schlecht für die Psyche ihrer Bewohner? Das erforscht die Neurourbanistik.

Ist eine Großstadt schlecht für die Psyche ihrer Bewohner? Das erforscht die Neurourbanistik.

© Fotolia/IRStone

BERLIN. "Unser Gehirn ist offenbar nicht ideal konfiguriert für ein Leben in der Stadt", sagt der überzeugte Stadtbewohner Dr. Mazda Adli, Chefarzt an der Fliedner Klinik in Berlin, Leiter des Forschungsbereichs für Affektive Störungen an der Charité und Mitgründer der Forschergruppe Neurourbanistik. Seine Erkenntnisse, die er auch in einem Buch veröffentlicht hat: Wer in einer Stadt wohnt, hat ein höheres Risiko für Schizophrenie als Landbewohner. Und je länger man in grauen Häuserschluchten wandelt, desto größer ist die Gefahr.

"Das relative Risiko ist abhängig vom Urbanisierungsgrad und der Expositionsdauer", so Adli auf dem Kongress "Psychische Gesundheit 2030" in Berlin. Konkret heißt das: Das Schizophrenie-Risiko ist für Stadtbewohner doppelt so hoch wie für Landbewohner. Wer jedoch das Pech hat, in einer Stadt geboren zu werden und dort auch noch aufzuwachsen, für den verdreifacht sich das Risiko sogar.

Die gute Nachricht: Ziehen Stadtmenschen aufs Land, verringert sich das Risiko für Schizophrenie wieder. Geht es allerdings zurück in die Stadt, steigt es erneut an.

Migration begünstigt Schizophrenie

Auch die Größe der Stadt spielt eine Rolle. Die Prävalenz für psyotische Symptome liegt bei Städten mit mehr als einer halben Million Einwohnern bei 5,2 Prozent, in Kleinstädten mit weniger als 20.000 Bürgern dagegen bei 2,5 Prozent.

Freilich: "Das Stadtleben allein zerstört nicht unsere Psyche", beruhigt Adli. Hinzukommen müssen auch genetische, soziale, ökonomische oder persönlichkeitsbedingte Faktoren. Zum Beispiel Migrationshintergrund, er begünstigt offenbar Schizophrenie.

"Die erste Generation hat ein um das 2,7-fache erhöhtes Risiko, die zweite Generation um 4,5-fach", so Adli. Dieses Risiko steigt sogar noch, wenn Migranten unter vielen Nicht-Migranten wohnen, die Nichtzugehörigkeit also sichtbar ist. "Die soziale Isolation spielt hier eine Rolle", sagt Mazda Adli.

Auch Armut gehört zu den Risikofaktoren. Das zeigt eine Untersuchung aus Berlin-Moabit unter türkischstämmigen Bewohnern. Kurioserweise führt aber offenbar nicht die eigene Armut zu mehr psychischen Beschwerden, sondern die prekäre Lage der Umgebung. "Je ärmer die Nachbarschaft, desto mehr psychische Beschwerden gab es", berichtet Adli.

Soziale Dichte und soziale Isolation führen zu sozialem Stress, der wiederum Verhaltensveränderungen, psychische Störungen und hohe Mortalität verursacht. "Das ist aber nicht nur bei Menschen, sondern bei allen Spezien so", sagt Mazda Adli. Weil immer mehr Menschen in Städten leben (2030 rechnet die UN beispielsweise damit, dass zwei von drei Menschen auf der Welt in Städten wohnen werden), hält es der Berliner Arzt für wichtig, dass sich die Forschung mehr mit der Psyche der Stadtmenschen beschäftigt.

Bäume können helfen

"Die Unterschiede in der Stressvulnerabilität müssen besser erforscht werden, besonders bei Risikogruppen", sagt Adli. Auch gesundheitsprotektive Faktoren des Stadtlebens wie etwa besserer Zugang zu Bildung oder freiere Entfaltung der Persönlichkeit, müssten besser verstanden werden, besonders in Bezug auf das heranwachsende Gehirn.

Wichtig sei es, Erfahrungen von unkontrollierbarer Dichte zu reduzieren und Gelegenheiten zu sozialen Kontakten zu schaffen. Ein wenig könnte vielleicht schon helfen, wenn Städte und ihre Bewohner mehr Bäume pflanzen. Denn Untersuchungen haben laut Dr. Mazda Adli gezeigt: "Je dichter die Baumkronen, desto höher ist die soziale Kooperation."

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