Ärzte Zeitung online, 12.09.2013
 

Illegaler Arzneihandel boomt

Gefälschte Medikamente gefährden Leben

Arzneimittelfälschungen und ihr Vertrieb haben die Dimension des weltweiten Drogenhandels erreicht, sagen deutsche Ermittler. Die Medikamentenpanscher nehmen den Tod ihrer Kunden in Kauf.

Von Anno Fricke

Gefälschte Medikamente gefährden Leben

Immer wieder beschlagnahmt der Zoll illegale Medikamente.

© Schlierner / fotolia.com

BERLIN. Der Kauf von Medikamenten im Internet kann lebensgefährlich sein. Außer den seriösen und zertifizierten Medikamentenversandhändlern tummeln sich dort auch viele Tausend Anbieter von eher zweifelhafter Qualität.

"Jedes zweite im Internet gekaufte Medikament weltweit ist eine Fälschung", schätzt die Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Der häufig in Hinterhöfen und Garagen in Osteuropa, Südostasien, Indien, China oder Schwarzafrika zusammengepanschte Pharmaschrott gefährdet nicht nur den einzelnen Kunden.

Billigfälschungen der gängigsten Malariamittel und von Antiinfektiva erschwerten die Bekämpfung der häufigsten Tropenkrankheit oder sorgten für Resistenzen.

Der Handel mit gefälschten Medikamenten steht kurz davor, den Rauschgifthandel vom Spitzenplatz als lukrativste Schwarzmarktware zu verdrängen.

Grund seien die atemberaubend hohen Gewinnspannen von bis zu 47.000 Prozent, die sich mit gefälschten Potenzpillen, Krebsmedikamenten, Cholesterinhemmern, Bluthochdruckmitteln und Antidepressiva erzielen lassen, sagten Vertreter des deutschen Zollkriminalamtes, der ABDA, Bayer und Pfizer am Mittwoch in Berlin.

Zum Vergleich: Die Marge zwischen Herstellung und Verkauf eines Kilos Kokain liegt nach Angaben der Zollbehörden bei 2.500 Prozent.

Fälschungsjäger blicken in ein dunkles Feld

Trotz wachsender Fahndungserfolge weltweit steht für die Ermittler fest, dass sie nur an der Spitze des Eisbergs kratzen. "Das wahre Ausmaß des Dunkelfeldes ist unbekannt," sagte der stellvertretende Leiter des Zollkriminalamtes, Dr. Peter Keller, beim 2. Informationsforum Arzneimittelfälschung.

Im ersten Halbjahr 2013 haben die Fahnder in Deutschland bereits 1,4 Millionen gefälschte Tabletten, Pulver und Ampullen sichergestellt.

Das waren 15 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Ende 2012 hatte die Zahl sichergestellter Fälschungen bei 4,8 Millionen gelegen. Am größten sei der Markt für alles, was "schön, schlank und stark" zu machen verheiße, sagte Keller.

Sprich: Außer gefälschten Potenzpillen gehen Anabolika, Appetitzügler und Vitaminpräparate am besten. Damit korrelieren auch die Zahlen der Ermittlungsverfahren in Deutschland, die die Zollfahndung bereitstellt.

2012 leiteten die Behörden 1.805 Ermittlungsverfahren ein, 39 Prozent mehr als im Vorjahr. Mehr als 1.000 davon galten Dopingsündern überwiegend aus dem Breitensport.

Eine Woche Suche, 9,8 Millionen Ergebnisse

Was der schwarze Markt gefälschter Pharmaka aber tatsächlich hergibt, lässt sich am Ergebnis einer konzertierten Aktion der Ermittlungsbehörden in 103 Staaten ablesen.

Im Juni durchforsteten Polizisten und Zöllner eine Woche lang den internationalen Warenverkehr gezielt nach gefälschten Arzneimitteln. Dabei fielen ihnen 9,8 Millionen potenziell gefährliche Medikamentenfälschungen in die Hände.

Es gab 58 Festnahmen. 9.000 Internetseiten illegaler Versandhändler wurden abgeschaltet.

Über die Nachhaltigkeit ihrer Erfolge machen sich die Fahnder keine Illusionen. "Wahrscheinlich haben die die Internetseiten einen Tag später unter anderem Namen wieder ins Netz gestellt," sagte der Sprecher des Zollkriminalamtes Wolfgang Schmitz.

Die illegalen Händler bringen Krankheit und Tod

Die Fälscher und illegalen Händler nehmen Krankheit oder sogar den Tod ihrer Kunden billigend in Kauf.

Rund 32 Prozent der gefälschten Arzneien enthalte gar keinen Wirkstoff, ein Fünftel die falsche Menge, ein weiteres Fünftel völlig andere Inhaltsstoffe, als der Kunde annehme, sagte Professor Martin Schulz, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker (AMK).

Besonders fatal sind die Folgen, wenn die Fälschungen so gut gemacht sind, dass sie in die legalen Vertriebskanäle gelangen.

In den USA hätten Händler flächendeckend eine Fälschung des Krebsmedikaments Avastin ohne Wirkstoff angeboten, die in zahlreichen Arztpraxen in 22 US-Bundesstaaten verabreicht worden sei, berichtete Schulz.

2008 tauchte weltweit ein aus China stammendes, mit Chondroitinsulfat verunreinigtes Heparin auf. 81 Tote seien zu beklagen gewesen.

Auch nicht deklarierte Überdosierungen bringen Menschen in Gefahr. So wurde ein angeblich nur aus pflanzlichen Naturstoffen hergestelltes Potenzmittel mit mehr als 100 Milligramm Sildenafil angereichert, ohne darauf zu verweisen.

Üblich sind je Einheit 50 Milligramm. Das Mittel brachte seinen Käufern das gewünschte Ergebnis. Es barg aber auch die Gefahr, dass für herzkranke Nutzer der Spaß für immer enden konnte.

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