Ärzte Zeitung online, 27.04.2017
 

Hecken: Streit ums Geld sorgt für Stillstand in der Versorgung

Die Mängel im Gesundheitssystem sind seit Jahrzehnten bekannt, doch es wird noch immer zu zögerlich reagiert. Das treibt GBA-Chef Hecken um.

Von Ilse Schlingensiepen

Hecken: Streit ums Geld sorgt für Stillstand in der Versorgung

Geldscheine zwischen Arzneimitteln: Für die Erstellung des Medikationsplans erhalten Ärzte Geld, das laut GBA-Chef Hecken fehlinvestiert ist.

© Kitty Kleist-Heinrich / dpa

KÖLN. Im Gesundheitswesen läuft zurzeit vieles in eine falsche Richtung, weil die falschen Akzente gesetzt werden. Das finden nicht nur Ärzte in Klinik und Praxis. Auch den Unparteiischen Vorsitzenden des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA) Professor Josef Hecken treiben Fehlentwicklungen um. Eine Sache mache ihn besonders krank und böse, sagte Hecken auf dem "Gesundheitskongress des Westens 2017": "Der Bedarf an sektorübergreifender Versorgung ist von Jahr zu Jahr größer geworden, und die Behandlung ist zunehmend segmentiert geworden." Die Notwendigkeit der besseren Zusammenarbeit sei seit 30 Jahren bekannt, statt wirklicher Brücken zwischen den Sektoren seien aber höchsten zwei, drei kleine Stege gebaut worden.

Wie so häufig im Gesundheitswesen scheitern die Fortschritte am Streit ums Geld. Wer sollte das besser wissen als der GBA-Chef? Er verweist auf die ambulante spezialfachärztliche Versorgung (ASV) als Paradebeispiel. Die Diskussionen zu den Inhalten der Versorgung seien relativ unumstritten, die Beschlüsse passten auf wenige Seiten. "Die Musik spielt in den Anhängen, in denen die Vergütung geregelt wird", berichtet Hecken. Beim Ringen um die Vergütung erlebe er die tollsten Urstände. Protagonisten, die der Qualitätssicherung sonst eher kritisch gegenüber stehen, würden sie gern nutzen, um Barrieren für andere aufzubauen.

Auch beim Entlassmanagement und dem Austausch über die Medikation von Patienten ist nach seiner Einschätzung noch viel zu wenig passiert. Für den von der Politik auf den Weg gebrachten Medikationsplan, den es zunächst nur in Papierform gibt, hat Hecken nur Hohn und Spott übrig. Der Plan wird sowieso nur in den Schubladen der Patienten liegen, erwartet er. Die Ärzte erhalten in diesem Jahr 163 Millionen Euro für die Erstellung und Aktualisierung des Medikationsplans. "Dieses Geld hätte man besser für den Brunnenbau in Kongo-Brazzaville ausgegeben", schimpft Hecken.

Auch seine eigene Arbeit hinterfragt der GBA-Chef kritisch, etwa was die große Bedeutung der Evidenzbasierung für die Bewertung eine Therapie angeht. "Was wir bei der generellen Betrachtung im Gesundheitswesen viel zu oft vergessen, ist ob das, was abstrakt einen generellen Nutzen hat, auch in der konkreten Behandlungssituation die angezeigte Option ist." Bei einem 91-Jährigen mit Gallenkolik sei die Operation eben nicht unbedingt das Mittel der Wahl, auch wenn sie leitliniengerecht ist.

Hecken hält es grundsätzlich für richtig, dass Ärzte künftig über das Arztinformationssystem Informationen zur Nutzenbewertung von Arzneimitteln erhalten sollen, um sinnvolle Innovationen früher in die Versorgung zu bringen. Die Umsetzung sieht er allerdings als spannende Herausforderung. In der Vergangenheit hätten die Gerichte dem GBA die Therapiehinweise zu Arzneimitteln regelmäßig wegen verkürzter Darstellung um die Ohren gehauen. "Und jetzt soll ich das mit ein, zwei Sätzen regeln."

Als "brandgefährlich" in Bezug auf die Bewertungspraxis des GBA bezeichnet Hecken die Entscheidung des Landessozialgerichts Berlin-Brandenburg, dass der Erstattungsbetrag bei nutzenbewerteten Arzneimitteln nicht per se wirtschaftlich ist. Wenn der Ausschuss bei der frühen Nutzenbewertung keinen Zusatznutzen feststellt, bedeute das nicht, dass ein Produkt schlecht sei, sondern nur, dass es noch keine Evidenz gebe. "Ich befürchte, es kommt zu einem Stillstand bei der Arzneimittel-Entwicklung", betont Hecken. Es sei wichtig, dass über diese Rechtsprechung diskutiert wird.

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