Ärzte Zeitung online, 13.09.2019

Patientensicherheit

Aktionsbündnis macht sich für Nationalen Sepsis-Plan stark

Im Kampf gegen Sepsis hinkt Deutschland hinterher. Das war das Fazit einer Fachveranstaltung des Aktionsbündnisses Patientensicherheit (APS) im Vorfeld des ersten „Welttags der Patientensicherheit“.

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Alles Augenmerk auf die Patientensicherheit – auch im OP.

© Patrick Pleul

BERLIN. „Wir sind der Auffassung, dass wir sehr viel tun müssen, um eine Kultur der Sicherheit in Deutschland voranzubringen“, sagte die Vorsitzende des Aktionsbündnisses, Hedwig François-Kettner, zum Auftakt einer Fachveranstaltung in Berlin.

Nach ihren Angaben zählt Deutschland zu den Ländern mit der höchsten Sepsis-Sterblichkeit. Deshalb plant das APS nun komplexe Mehrfachaktionen gegen Sepsis. „Das APS setzt sich für einen Nationalen Sepsis-Plan ein“, kündigte François-Kettner an.

Die Anästhesistin und Krankenschwester Dr. Ruth Hecker, stellvertretende Vorsitzende des Bündnisses, hält es für wichtig, dass Bewusstsein dafür geschaffen wird, dass Sepsis ein Notfall ist. „Sepsis ist nicht nur ein zeitkritischer Notfall für den Patienten, sondern auch ein Notfall für die Gesellschaft in Deutschland, bei dem wir gemeinsam aktiv werden müssen“, sagte Hecker.

Hecker verwies auf das Beispiel Großbritannien, wo die Sepsissterblichkeit „beträchtlich geringer“ sei als in Deutschland. Hierzulande sterben nach ihren Angaben rund 70.000 Menschen pro Jahr an Sepsis. Davon gelten 15.000 Todesfälle als vermeidbar.

Mangelndes Engagement?

Mehr Unterstützung von der Politik im Kampf gegen Sepsis in Deutschland forderte der Vorsitzende der Sepsis-Stiftung, Professor Konrad Reinhart. Er würdigte zwar, dass Deutschland sich bei der WHO für den Welt-Sepsis-Tag eingesetzt habe, der jährlich am 13. September begangen wird.

Doch Reinhart warf Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zugleich mangelndes Engagement im eigenen Land vor. „Wir haben einen kompletten Stillstand“, beklagte Reinhart. Er bedauerte, dass Sepsis keine Lobby habe, und warnte: „Wenn wir nicht die Politik hinter die Sache kriegen, dann reden wir in fünf Jahren über die gleiche Anzahl vermeidbarer Todesfälle.“

Die Patientenorganisation Deutsche Sepsis-Hilfe appelliert an Ärzte, bei diffusen Symptomen immer auch eine mögliche Sepsis in Betracht zu ziehen. „Es muss normaler werden, dass die Frage aufkommt: Könnte es Sepsis sein?!“, forderte Arne Trumann, der vor sieben Jahren selbst einen septischen Schock erlitten und ihn dank einer schnellen Diagnose und Behandlung unbeschadet überlebt hat.

Mehr Bewusstsein schaffen

Die WHO begeht am Dienstag (17. September) erstmals den „Welttag der Patientensicherheit“. Ziel ist es, das Thema stärker in das öffentliche Bewusstsein zu rücken. Zudem sollen Kräfte mobilisiert werden, um Fehler und Schäden in Medizin und Pflege zu vermeiden, bevor Patienten betroffen sind. Vorbild für die WHO-Initiative sind die seit 2015 jährlich stattfindenden Aktionstage des deutschen APS. Unter anderem sollen weltweit Gebäude und Wahrzeichen orange angestrahlt werden.

Die OECD schätzt, dass selbst in hoch entwickelten Ländern wie Deutschland 15 Prozent aller Aktivitäten und damit auch Kosten im Krankenhaus auf die Behandlung der Folgen unzureichender Patientensicherheit zurückgehen. Die WHO schätzt, dass vier von zehn Patienten im Zuge ihrer ambulanten ärztlichen Versorgung zu Schaden kommen – 80 Prozent der Schäden wären vermeidbar.

„Seit fast fünfzehn Jahren ist es der alleinige Zweck des APS, für Verbesserungen bei der Patientensicherheit zu werben, und Wissen für erfolgreiche Handlungsansätze zu bündeln und zu verbreiten“, sagte die APS-Vorsitzende François-Kettner. „Daher ist es ein riesiger Erfolg, dass der vom APS vorgeschlagene Tag der Patientensicherheit nun weltweit begangen wird. Das zeigt, was mit Engagement möglich ist.“

„Selbst wenn man nur ein Teilthema der Patientensicherheit, wie etwa die bessere Versorgung bei Sepsis herausgreift, wird schnell deutlich, dass jedes Jahr viele Tausend Patientenleben durch mehr Patientensicherheit gerettet werden können“, ergänzte APS-Vize Hecker. Als „second victim“ seien auch Beschäftigte im Gesundheitswesen von unzureichender Patientensicherheit betroffen. Sie profitierten von echter Sicherheitskultur also genauso wie die Patienten.

BÄK: „Ansporn und Verpflichtung“

APS-Generalsekretär Hardy Müller betonte, der Ausbau der Patientensicherheit sei nicht allein Aufgabe und Verpflichtung einzelner Berufsgruppen, sondern erfordere das Engagement und Zusammenwirken aller Verantwortlichen im Gesundheitssystem. „

Der Welttag der Patientensicherheit bietet nun die Chance, ein strahlendes Bekenntnis zur Patientensicherheit abgeben zu können.“Auch der Präsident der Bundesärztekammer, Dr. Klaus Reinhardt, rief dazu auf, der Patientensicherheit oberste Priorität im Gesundheitswesen einzuräumen.

Für Ärzte sei das Wohl des Patienten „Ansporn und Verpflichtung“, sagte Reinhardt am Freitag in Berlin. Gleiches erwarte die Ärzteschaft aber auch von Politik und Kostenträgern. Qualität und Sicherheit müssten die Treiber im Gesundheitswesen sein. „Nicht Wettbewerb und Kostendruck“, betonte Reinhardt.

Vertreter der Arzneimittelindustrie betonten, die Hersteller unternähmen große Anstrengungen, um Risiken früh zu erkennen und geeignete Wege zu finden, diese so weit wie möglich zu reduzieren. Arzneimittelsicherheit sei ein gemeinsames Anliegen von Ärzten, Apothekern, Behörden und pharmazeutischen Unternehmen, teilten die Verbände BAH, BPI und vfa anlässlich des bevorstehenden „Welttags der Patientensicherheit“ mit. (ami/hom)

Wir haben den Beitrag aktualisiert am 13.09.2019 um 17:23 Uhr.

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