Ärzte Zeitung, 13.10.2008

"Sie müssen sich wehren, Lärm machen!"

Der CDU-Politiker Heiner Geißler plädiert im Gesundheitswesen für einen radikalen Kurswechsel

HAMBURG (di). Der Patient wird zum Kunden, der Arzt zum Fallpauschalenjongleur - diese Entwicklung im Gesundheitswesen hat der CDU-Politiker und frühere Bundesgesundheitsminister Dr. Heiner Geißler beim Gesundheitspflege-Kongress in Hamburg angeprangert.

"Sie müssen sich wehren, Lärm machen!"

Mittelknappheit? "Es gibt Geld wie Heu": CDU-Politiker Heiner Geißler.

Foto: dpa

Je weniger ein Mensch produziert und je mehr er kostet, desto wertloser wird er für die Gesellschaft - dieses rein fiskalische Menschenbild beobachtet Geißler zunehmend auch im Gesundheitswesen. Wo aber die Ökonomie zum allein entscheidenden Faktor wird und ethische Fragen in den Hintergrund treten, geraten die Beschäftigten in die Rolle von Sklaven eines von Geißler heftig kritisierten Systems.

Geißler sprach sich deshalb für eine Abkehr vom derzeitigen System aus - hin zu einer Neuordnung, bei der Solidarität und Nächstenliebe im Vordergrund stehen. "Das ist nichts, was nicht in die Zeit passt und was sich irgendwelche Gutmenschen ausgedacht haben", sagte Geißler. Er zeigt sich überzeugt, dass eine weitere Ökonomisierung des Gesundheitswesens zu Verwerfungen führen wird, die Patienten und Beschäftigte in eine Rolle drängen, die einem vergleichsweise reichen Land wie in Deutschland nicht würdig ist. Dass für einen zentralen Bereich wie das Gesundheitswesen nicht ausreichend Mittel zur Verfügung stehen sollen, lässt Geißler nicht gelten: "Es gibt Geld wie Heu." Um den ökonomischen Zwängen zu begegnen, ist nach seiner Ansicht eine Rückkehr zur sozialen Marktwirtschaft in Deutschland notwendig: "Kapitalismus ist genauso falsch wie Kommunismus. Wir brauchen einen Weg der Mitte", sagte Geißler.

Er hofft, dass bei diesem System wieder der Mensch in den Mittelpunkt rückt und das eingesetzte Kapital dem Menschen dienen kann - und nicht umgekehrt. Besonders für das Gesundheitswesen hält er diese Neuordnung für notwendig. Denn angesichts der steigenden Herausforderungen plädiert Geißler für mehr Mittel, statt weiterer Kostendämpfungen: "Es ist schiere Dummheit, das System aus ökonomischen Zwängen zu strangulieren." Nur: Auf Einsicht der Politiker sollten die Beschäftigten nicht hoffen. Nötig sei Druck von der Straße, wie ihn die Großdemonstration der Klinikmitarbeiter in Berlin erzeugt habe: "Sie müssen sich wehren, streiten, Lärm machen. Gehen Sie auf die Straße, sonst werden Sie nicht gehört".

Topics
Schlagworte
Berufspolitik (17893)
Personen
Heiner Geißler (28)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Hüpfen und Einbeinstand halten fit

Hüpfen, Treppensteigen oder auf einem Bein Zähneputzen: Mit bewussten, einfachen Übungen können alte Menschen ihre Beweglichkeit erhöhen und die Sturzgefahr senken. mehr »

Gala mit Herz und Verstand

Mit einer festlichen Gala hat Springer Medizin pharmakologische Innovationen und ehrenamtliches Engagement ausgezeichnet. Die Preisträger vermittelten Hoffnung auf Heilung und auf Hilfe, hieß es am Donnerstagabend. mehr »

Das sind die Gewinner des Galenus-von Pergamon-Preises 2017

Mit dem Galenus-von-Pergamon-Preis, der auch international große Anerkennung findet, wurden erneut Exzellenz in der deutschen pharmakologischen Grundlagenforschung und die Entwicklung innovativer Arzneimittel gekürt. mehr »