Ärzte Zeitung, 04.02.2010

Einig in der Diagnose, nicht bei der Therapie

Das Gesundheitswesen soll in eine neue Runde der Kostendämpfung geschickt werden, empfehlen zurzeit viele Politiker. Beim Eppendorfer Dialog wurde deutlich, dass jeder Akteur dabei woanders ansetzen will.

Von Dirk Schnack

Einig in der Diagnose, nicht bei der Therapie

"Pharma-Lobby? Ich weiß nicht, wo sie ist." Marianne Boskamp G. Pohl-Boskamp

EPPENDORF. Sparen empfehlen Politiker aller Parteien dem Gesundheitswesen wie ein Patentrezept. Unter den Akteuren wird dies differenzierter betrachtet, wie der 7. Eppendorfer Dialog zur Gesundheitspolitik zeigte.

Wenn über Verantwortliche für die steigenden Kosten im Gesundheitswesen diskutiert wird, steht die "Pharma-Lobby" häufig in der Kritik. Marianne Boskamp vom Unternehmen G. Pohl-Boskamp sucht diese Lobby bis heute. "Lobby? Ich weiß nicht, wo sie ist", sagte die Unternehmerin aus Schleswig-Holstein beim Eppendorfer Dialog. Wünschen aber würde sie sich eine Lobby für die Interessen der mittelständischen Pharmaindustrie schon. Denn Boskamp konnte mit Beispielen aus der eigenen Produktpalette deutlich machen, wie politische Rahmenbedingungen es mittelständischen Unternehmen immer schwerer machen.

Denn nicht bei jeder Produktweiterentwicklung sind die geforderten wissenschaftlichen Studien, die placebo-kontrolliert und randomisiert sein müssen und Millionenbeträge kosten, sinnvoll. Ein anderes Beispiel: Ein Produkt, das als rezeptfrei eingestuft ist, weil es als nebenwirkungsarm gilt und nicht erstattet wird, hat im Wettbewerb Nachteile gegen ein Produkt mit Nebenwirkungen - das aber verordnet werden muss und erstattungsfähig ist.

Dialog-Initiator Professor Matthias Augustin hatte es zur 7. Auflage geschafft, dass ein Aspekt aus dem Gesundheitswesen aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet wird. Dabei wurde deutlich, dass ein Aspekt - nämlich die Überregulierung - von vielen Beteiligten als Schwachstelle des deutschen Gesundheitswesens betrachtet wird.

Außer der Pharmaindustrie gilt dies auch für die Krankenkassen. Roland Dieckmann von der DAK machte deutlich, wie stark die Politik in den vergangenen Jahrzehnten mit immer neuen Gesetzen in das Gesundheitswesen eingegriffen, aber die Bedingungen nicht immer verbessert hat. Dieckmann, der selbst eine Legislaturperiode als CDU-Abgeordneter im Bundestag Gesundheitspolitik miterlebt und betrieben hat, vermisst bei all diesen Veränderungen eine, die die Finanzierungsbasis der GKV nach seiner Ansicht dauerhaft sichern könnte - nämlich die Einbeziehung anderer Einkommensquellen außer dem Arbeitslohn.

Zugleich warnte er vor der Erwartung, dass mit der Veränderung einer Stellschraube alle Probleme im Gesundheitswesen gelöst werden könnten. Dazu seien die Interessen der Versicherten zu unterschiedlich: "Junge, gesunde Menschen sind beitragsreagibel, ältere, kranke Menschen dagegen leistungsreagibel."

Dr. Klaus Meyer-Lutterloh von der Deutschen Gesellschaft für bürgerorientierte Gesundheitsversorgung zeigte, dass Patienten keineswegs immer nur fordernd auftreten, sondern auch selbstkritisch das eigene Verhalten überprüfen. Der frühere Hausarzt und langjährige Standespolitiker tritt in seiner neuen Funktion auch als Mahner auf. Meyer-Lutterloh regte mehr Eigeninitiative und Selbstverantwortung der Menschen an. Gesundheitsbewusstes Verhalten kann nach seiner Ansicht durch Gesundheitsbildung und Coaching erreicht werden.

Der Gesundheitsökonom Professor Peter Oberender hält grundsätzlich mehr Wettbewerb im System für erforderlich. Für die Krankenkassen würde dies bedeuten, dass sie sich dem Kartell- und Wettbewerbsrecht stellen müssten. Zugleich sieht Oberender dann große Chancen für die Gesundheitswirtschaft, in der nach seiner Prognose schon im Jahr 2020 6,4 Millionen Menschen arbeiten werden, weil die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen und die Zahlungsbereitschaft steigen.

Bei der Frage, was die GKV tragen kann und soll und was die Menschen aus eigener Tasche zahlen, forderte Oberender mehr Mut von politischen Entscheidungsträgern. Helfen könnte aus seiner Sicht ein Institut für Innovation als zentrale Bewertungsinstanz für die Frage, welche Maßnahme bei welcher Indikation und welchem Patienten von welchem Leistungserbringer erbracht wird. In diesem Institut sollten Hersteller, Krankenhausgesellschaft, KBV, Industrieverband, gesetzliche und private Krankenversicherungen sowie Patienten unter einem neutralen Vorsitz an einem Tisch sitzen. Für Leistungserbringer, machte Oberender deutlich, hätten diese Lösungen externe Zertifizierungen zur Folge.

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