Ärzte Zeitung, 22.05.2013

Für Patienten und Ärzte in Hessen

Anlaufstelle für Missbrauchsfälle

Als erste Kammer hat Hessen eine Ombudsstelle für sexuellen Missbrauch in Praxis und Klinik eingerichtet - das Interesse ist rege.

Von Rebecca Beerheide

Anlaufstelle für Missbrauchsfälle

"Wir sind eine Anlaufstelle für Patienten - aber auch Ärzte, die Grenzübschreitungen erleben", sagt Ombudsmann Dr. Meinhard Korte.

© privat / dpa

HANAU/NEU-ISENBURG. Spektakulär aber dennoch selten sind die Missbrauchsfälle in Arztpraxen, die vor Gerichten landen: Ein Gynäkologe filmt seine Patientinnen heimlich, ein Therapeut begrapscht sie bei Entspannungsübungen.

Doch Missbrauch in Klinik und Praxis kann schon früher beginnen und muss nicht immer zwingend einen sexuellen Hintergrund haben: Wenn etwa der Arzt den Eindruck vermittelt, er wolle eine materielle Gegenleistung für die Behandlung verlangen oder wenn er den privaten Kontakt zu einem Patienten sucht.

Um Missbrauchsfälle zu klären, hat die Landesärztekammer Hessen im März 2013 die bundesweit erste Ombudsstelle eingerichtet.

"Wir sind eine Anlaufstelle für Patienten aber auch Ärzte, die Grenzüberschreitungen oder Missbrauch erleben", sagt Dr. Meinhard Korte, Ombudsmann der Kammer und niedergelassener Psychoanalytiker in Hanau.

Korte: Suche nach Lösungen

In den ersten Wochen der Ombudsstelle hat es bereits 29 Anrufe gegeben, alleine vier seit den Medienberichten in den vergangenen Tagen.

Unter den 29 Anrufen sind "etwa drei bis vier" Patienten, die über weit zurückliegende Missbrauchsfälle berichten. In zwei Fällen liege ein aktueller Missbrauch vor, so der Ombudsmann.

"In einem Fall werde ich nun ein Gespräch mit dem betroffenen Arzt führen", erklärt Korte im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Er werde allerdings nur dann aktiv, wenn der Patient das möchte. "Ich biete Gespräche in der Kammer an, dabei wird nicht geurteilt, sondern nach Lösungen gesucht".

Wo Missbrauch anfängt, lasse sich oft schwer definieren, aber es sei "alles, was tendenziell der Arzt-Patienten-Beziehung nicht nützt oder Vertrauen einschränkt", so Korte.

Seiner Erfahrung nach wollen viele Patienten nach einem für sie "unangenehmen" Arztbesuch ernst genommen werden. "Das Angebot der Ombudsstelle ist sehr niedrigschwellig, man muss keine offizielle Beschwerde einreichen. Zu Beginn steht das vertrauensvolle Gespräch", sagt Korte.

Die Entscheidung des Präsidiums der Kammer Hessen, eine solche Stelle einzurichten, bezeichnet Korte als "sinnvollen und mutigen Schritt". Für die Zukunft will er auch Fortbildungen organisieren, und hofft, dass auch weitere Kammern nachziehen.

"Gute Initiative"

Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Versicherte und Patienten, Wolfram-Arnim Candidus, findet die Ombudsstelle "eine gute Initiative".

Damit Ombudsstellen Patienten wirklich helfen, müssten sie aber völlig unabhängig sein: Angesiedelt bei einer nicht-ärztlichen Stelle, nicht von einem Arzt geleitet, sondern aus Steuermitteln finanziert.

Besser geeignet als Insellösungen für Missbrauchsfälle oder Behandlungsfehler hält Candidus eine Ombudsstelle "für alle Probleme in der medizinischen Versorgung", etwa, wenn man trotz akuter Beschwerden keinen Termin bekomme. (mit Material von dpa)

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