Ärzte Zeitung online, 06.01.2014

Ärztliche Versorgung auf dem Land

Gröhe: Leichterer Zugang zum Medizinstudium

Wer Landarzt werden will, soll eher einen Medizin-Studienplatz bekommen. Der neue Gesundheitsminister Hermann Gröhe will darüber mit den Kultusministern reden.

Von Helmut Laschet

Gröhe: Leichterer Zugang zum Medizinstudium

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe.

© Ingo Wagner / dpa

BERLIN. Der neue Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) will die ambulante ärztliche Versorgung in Deutschland spürbar verbessern.

Er bekräftigte die Absicht der Koalition, insbesondere die bei einigen Fachgruppen langen Wartezeiten spürbar zu verkürzen und dafür Termin-Servicestellen den bei den Kassenärztlichen Vereinigungen einzurichten, wie er in einem Interview der "Bild am Sonntag" sagte.

Sorge bereitet dem Bundesgesundheitsminister aber auch die künftige Sicherstellung der ärztlichen Versorgung in ländlichen Regionen.

Dazu will Gröhe den Zugang zum Medizinstudium erleichtern: "Ich will mit den Wissenschaftsministern der Länder darüber sprechen, dass junge Leute, die sich verpflichten, eine Praxis im ländlichen Raum zu übernehmen, der Zugang zum Medizinstudium erleichtert wird. Dies könnte auch für diejenigen gelten, die ein freiwilliges soziales Jahr zum Beispiel im Rettungsdienst geleistet haben." Denkbar sei auch ein Notenbonus als Anreiz. "In einigen Bundesländern und an manchen Hochschulen werden entsprechende Regelungen ja auch schon erfolgreich praktiziert."

Stipendien für neue Landärzte längst Praxis

Die Förderung von Medizinstudenten, die sich verpflichten, nach ihrer Facharzt-Weiterbildung zumindest zeitweise auf dem Land zu arbeiten, ist in einigen Bundesländern bereits realisiert.

So hat Bayern 2012 ein Stipendienprogramm für Medizinstudenten beschlossen. Es sieht eine Förderung von 300 Euro monatlich längstens für vier Jahre für Studenten vor, die sich verpflichten, mindestens fünf Jahre im ländlichen Raum zu arbeiten. Wer der Verpflichtung nicht nachkommt, muss das Stipendium zurückzahlen.

Ein ähnliches Programm gibt es für Studenten seit mehreren Jahren in Sachsen, wenn sie sich verpflichten, als künftiger Allgemeinarzt in unterversorgten Regionen zu arbeiten. Ferner wird der Studienplatz nicht mehr nur nach der Abiturnote vergeben.

Seit Einführung des Stipendiums in Thüringen vor vier Jahren haben sich inzwischen 100 Medizinstudenten (Stand August 2013) für eine anschließende vertragsärztliche Tätigkeit als Hausarzt oder Augenarzt in einer unterversorgten Region für mindestens vier Jahre verpflichtet. Die Studenten erhalten 250 Euro im Monat.

Sachsen-Anhalt fördert besonders großzügig

Teilweise viel großzügiger geht es in Sachsen-Anhalt zu: An der Uni Halle wurde neuerdings für 20 Studenten eine neue "Klasse für Allgemeinmedizin" eingerichtet. In diesem Stipendium erhalten Studenten monatlich 800 Euro während der gesamten Regelstudienzeit von sechs Jahren und drei Monaten.

So lange müssen die künftigen Ärzte dann aber auch in Sachsen-Anhalt für die vertragsärztliche Versorgung zur Verfügung stehen. Die Finanzierung haben KV und Krankenkassen in Sachsen-Anhalt übernommen.

Ein zweites Stipendienprogramm von Sachsen-Anhalt läuft bereits seit 2010. Deutschlandweit werden bis zu 50 Studenten gefördert, die sich verpflichten, nach ihrer Facharztausbildung zum Allgemeinarzt in Sachsen-Anhalt zu arbeiten.

Sachverständigenrat hat Konzept entwickelt

Bereits 2009 hatte der Sachverständigenrat zur Begutachtung des Gesundheitswesens ein umfassendes Programm zur Nachwuchsförderung vorgelegt.

Ein Element darin waren auch Stipendien für Medizinstudenten. Dies hält der Sachverständigenrat allerdings nicht für ausreichend.

Notwendig seien eine systematische Verankerung und Institutionalisierung der Allgemeinmedizin an allen Medizinfakultäten, ein Pflichtabschnitt Allgemeinmedizin im Praktischen Jahr, sichere organisatorische und finanzielle Bedingungen für allgemeinmedizinische Weiterbildung und eine Aufwertung der hausärztlichen Arbeit in der Vergütung.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Die Ideen sind frei

[06.01.2014, 11:10:54]
Thorsten Schaff 
Sowas fällt gesundheitspolitischen Greenhorns ein
Unsere Redaktion erreichte folgender Leserbrief von Dr. med. Mathias Oberhoffer:

Vielen Dank für Ihren Bericht über die beabsichtigte Förderung späterer Landärzte.

Kann nichts draus werden. Sowas fällt gesundheitspolitischen Greenhorns ein, die weit weg
sind von der Realität. Die Bundeswehr hat sich seinerzeit ähnliches überlegt und die
Laufbahn der Sanitätsoffizieranwärter eingeführt. Der seinerzeitige Mangel sollte
1992 beseitigt sein, ist er aber bis heute nicht.

Sollte der neue Gesundheitsminister hierzu Fragen haben, kann er sich an Herrn Rösler wenden, der
sich auch lange verpflichtet hatte. Dieser Pflicht ist er nach meiner Kenntnis nicht nachgekommen,
sehr zum Leidwesen mancher Wähler; aber die Bundeswehr hat vielleicht recht früh
seine Kompetenz erkannt und dadurch gefördert, dass sie ihn ziehen liess. Ein weiteres Bespiel ist
der unsägliche Herr Köhler von der KBV. Die Rate derer, die abgesprungen sind war seinerzeit recht hoch.
Ich erinnere mich noch recht gut, da ich den gleichen Weg ging und meine Pflicht erfüllt habe.

Landarzt kann man nur mit Herz sein, alles andere wird nicht funktionieren. Als Vater eines Medizinstudenten und eines
angehenden Ingenieurs kann ich Ihnen aber aus jüngst geführten Diskussionen berichten, dass es die Politik
mit einer sehr informierten Generation zu tun hat, in der angehende Leistungsträger schnell und glasklar den
politisch geschlagenen Schaum erkennen und nicht im Geringsten bereit sind, sich auf hohle Versprechungen einzulassen.
Meine Jungs sind bereits bestens im Ausland verlinkt und wissen sehr genau, welche Zukunft sie in einer alternden
Gesellschaft im Vergleich von zum Beispiel Canada erwartet. Die Politik muss endlich erfassen, dass sie in
großer Konkurrenz steht zu anderen Nationen, wenn sie die Jugend gewinnen will.

Die wesentlichen No-Go's für die Zukunft als Landarzt sind: Regelungswut und Rechtfertigungswahn, drohende Regresse
erheblichen Ausmasses sowie unkalkulierbare Finanzen aufgrund in unbekannter Höhe mit zwei bis drei Quartalen Verspätung
eintreffende Zahlungen der Kassen, die ca 25 Mrd € horten. Das entgeht keinem Medizinstudenten. Es ist so belastend, das auch ich nach vielen Jahren zum Ablauf des Jahres 2013 meine Tätigkeit als Landarzt beendet habe. In unserer Dienstgruppe fehlen nunmehr
im Vergleich zu 2013 acht (!) Ärzte in der Dienstgruppe.

Ein letztes Wort zur medizinischen Qualifikation: als jemand, der sich über Jahre mit Freude in der Medizin umgetan hat, kann ich Ihnen nur sagen, dass mein Wissen, meine Kompetenz, mein Riecher, meine Entschlusskraft in diesen Jahren auf dem Land weit mehr gefordert wurden, als in einem Schockraum oder auf einer Intensivstation einer Universitätsklinik. Man ist alleine, wenn man in einer Samstag Nacht im Februar (2013) bei Schnee und Eis mit seinem Allrad an die 30 Kilometer über drei Berge und Täler, in denen nach wie vor kein Netz vorhanden ist (Deutschland!), zu einem schwerst behinderten Patienten fährt, der lebensbedrohlich an einer Pneumonie erkrankt ist. Da reicht ein Allgemeinmedizinischer Facharzt nur sehr begrenzt, wenn man sich nicht mindestens fünf Jahre in den Akutfächern getummelt hat. Dieses Gebiet ärztlicher Arbeit so zu verramschen, dass man glaubt, jeder angebrütete Jungarzt könne es machen, zeugt nur von absoluter Realitätsferne der politischen Klasse. Gesundheitsminister kann jeder, Landarzt will von der Pieke auf über Jahre gelernt sein.
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[06.01.2014, 08:16:39]
Jörg Dähn 
Ob die Idee mit dem Plichtpraktikum Allgemeinmedizin gut ist?
Ich könnte mir vorstellen, dass die Konfrontation mit der harten Realität einige abschrecken wird. Mein Vater war Internist und als Hausarzt tätig und was ich gesehen habe hat mir persönlich gereicht, um sowas nicht zu anzustreben. Und das war in den 80igern und 90igern, wo noch ordentlich Geld im System war. Heute für 38 Euro Regelleistungvolumen pro Quartal antreten? Wohl kaum. zum Beitrag »

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