Konflikt um krankheitsbedingte Ausfälle

Krankenstand: Deutschland, der AU-Champion? Das geben vergleichende Erhebungen nicht her

Bundeskanzler Friedrich Merz moniert hohe Krankenstandszahlen und will die Tele-AU abschaffen. Wer geringere Fehlzeiten in Europa als Begründung heranziehen will, sollte die statistischen Tücken kennen.

Florian StaeckVon Florian Staeck Veröffentlicht:
Ist ein Krankenstand von durchschnittlich 14,5 Tagen im Jahr im europäischen Vergleich hoch?

Ist ein Krankenstand von durchschnittlich 14,5 Tagen im Jahr im europäischen Vergleich hoch?

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Berlin. Die Diskussion über den Krankenstand in Deutschland nimmt an Fahrt auf. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat bei verschiedenen Gelegenheit die hohe Zahl an AU-Tagen – zuletzt sind es 14,5 pro Jahr gewesen – kritisiert. Verbunden wird das von ihm und anderen mit der Forderung, die Möglichkeit zur telefonischen Krankschreibung wieder abzuschaffen.

Zur Begründung wird auf die hohe Belastung für die Wirtschaft und auf geringere Fehlzeiten in der OECD verwiesen. Doch eine vergleichende Studie des IGES-Instituts von Januar 2025 im Auftrag der DAK mahnt zur Vorsicht beim Vergleich von Krankenstandsdaten.

Tatsächlich sind die Entgeltleistungen bei krankheitsbedingten Fehlzeiten in Europa hoch unterschiedlich. Differenziert werden muss insbesondere zwischen der Lohnfortzahlung durch den Arbeitgeber und der Zahlung von Krankengeld über die Krankenkasse.

Zum ersten Schritt der Lohnfortzahlung: Hier ergeben sich nach Angaben von IGES drei Cluster von Ländern: Karenztage sind demnach etabliert in Estland, Frankreich, Irland, Italien, Lettland, Portugal, Schweden, Spanien und Zypern. Ein eingeschränkte Lohnfortzahlung von 25 bis 90 Prozent existiert in Bulgarien, Kroatien, Niederlande, Polen, Rumänien, Slowakei, Slowenien, Tschechien und Ungarn.

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Neun Staaten kennen in der ersten Phase eine 100-prozentige Lohnfortzahlung. Dazu gehören neben Deutschland Belgien, Dänemark, Finnland, Litauen, Luxemburg, Malta, Österreich und Norwegen.

Das Patchwork von länderspezifischen Regelungen setzt sich fort bei der Frage, ab wann Krankengeld gezahlt wird und in welchem Umfang dies erfolgt. Ähnlich wie bei der Lohnfortzahlung gilt auch beim Krankengeld in Deutschland eine im internationalen Vergleich großzügige Regelung – ab der 6. Woche wird Krankengeld für bis zu 72 Wochen in einer Höhe von 70 Prozent gezahlt. Ähnlich komfortable Regelungen weist der IGES-Report für Portugal, Irland, Belgien und Finnland aus.

Große Vielfalt an länderspezifischen Regelungen

Drei Beispiele aus europäischen Nachbarstaaten: Arbeitnehmer in Dänemark erhalten ab dem 31. Fehltag Krankengeld in 100-prozentiger Höhe für bis zu 22 Wochen. Polen gewährt Beschäftigten ebenfalls ab dem 31. Tag Krankengeld in Höhe von 80 Prozent der Bemessungsgrundlage. In Finnland greift das Krankengeld ab dem 10. AU-Tag und ist auf 70 Prozent des Gehalts begrenzt.

Doch es gibt noch weitere Variablen: In Portugal variiert das Krankengeld beispielsweise mit der Krankheitsdauer und nimmt mit der Dauer der Krankheitsepisode zu. In Irland wiederum hängt die Zahlungsdauer davon ab, wie lange zuvor in die Krankenkasse eingezahlt wurde und kann von einem bis zu zwei Jahren betragen.

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Noch schwieriger werden Vergleiche, wenn das Meldeverfahren für die AU berücksichtigt wird. Denn ein verbindliches elektronisches Verfahren gab es – Stand 2024 – außer in Deutschland nur in Estland, Lettland und Polen. Die IGES-Autoren gehen daher davon aus, dass die krankheitsbedingten Fehlzeiten der Krankenversicherten hierzulande „sehr vollständig“ erfasst werden.

In fast allen anderen untersuchten Ländern hingegen wird die Krankschreibung von den Arbeitnehmern an die Krankenkasse übermittelt – mithin das Verfahren wie in Deutschland vor Einführung der eAU.

Viele AU-Tage gehen nicht in die Statistik ein

Daher geht IGES für die meisten anderen Länder von einer systematischen Untererfassung des Krankenstands aus. Auch hier ist die Vielfalt der Verfahren groß: In Schweden zahlt die Krankenkasse ab dem 15. Fehltag Krankengeld. Die Meldung geht vom Arbeitgeber aus – die ersten 14 Tage gingen gar nicht in die Statistik der Krankenkasse ein, berichtet IGES.

In den Niederlanden müssen Beschäftigte nach der Krankmeldung einen Antrag bei ihrer Krankenkasse stellen, um Krankengeld zu erhalten. Auch hier vermutet IGES durch die Zeitverzögerung, dass etliche Krankentage nicht erfasst werden.

Vergleichende Statistiken über bezahlte krankheitsbedingte Fehltage pro Jahr weisen daher schwer interpretierbare Rankings auf. Deutschland steht – auf Basis der Zahlen von 2022 – mit 24,9 Tagen ganz weit vorne. Dann folgen Lettland (20,4 Tage), Tschechien (19,2) und Norwegen (18,8).

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Hieraus lässt sich nicht ableiten, dass großzügige Lohnfortzahlungsmodelle grundsätzlich den Krankenstand triggern. Denn obwohl Lettland, Tschechien, Slowenien oder Spanien über Karenztage und vergleichweise geringe Lohnfortzahlung den Arbeitnehmen Einbußen auferlegen, stehen sie weit oben in der Statistik.

Dass die Zahlen mit Vorsicht zu genießen sind, wird deutlich, wenn verglichen wird, wie viel Arbeitszeit anteilig an der Wochenarbeitszeit durch Krankheit verlorengeht. Die Datenquelle ist hier der European Labour Force Survey (EU-LFS), der jährlich in allen europäischen Ländern erhoben wird, erläutert IGES.

Entgeltfortzahlung allein erklärt Unterschiede nicht

Bei der Frage nach der verlorenen Arbeitszeit pro Woche rangiert Deutschland mit einem Wert von 6,8 Prozent im oberen Mittelfeld. Die Liste wird angeführt von Norwegen (10,7 Prozent), Finnland (10,0 Prozent) und Slowenien (9,2 Prozent). Als methodische Schwäche dieser Erhebung gilt, dass die krankheitsbedingten Fehlzeiten einmalig und nur für eine bestimmte Berichtswoche abgefragt werden.

Denn andere Länder mit einer 100-prozentigen Lohnfortzahlung wie Dänemark, Malta und Österreich weisen in dieser Abfrage vergleichweise geringe Ausfallzeiten auf. Das IGES-Institut zieht daher diese Schlussfolgerung: „Erklärungsansätze, die allein auf Systemunterschiede bei der Entgeltfortzahlung abzielen, können die Unterschiede im Krankenstand zwischen den Ländern nicht erklären.“

Dennoch darf man skeptisch sein: Der anschwellende Kampf um den Krankenstand in Deutschland wird weitergehen, als ob die Ergebnisse internationaler Vergleiche glasklar zu Tage lägen.

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