Ärzte Zeitung, 11.08.2014
 

Wolfenbüttel

Doktor-Mobil kommt aufs Abstellgleis

Mit der rollenden Arztpraxis wollte die KV Niedersachsen mit 13 Partnern den Mangel an Hausärzten rund um Wolfenbüttel in den Griff kriegen - doch die Patienten fehlen. Jetzt rollt der umgebaute VW-Bus bald in die Garage.

Von Christian Beneker

Doktor-Mobil kommt aufs Abstellgleis

Freude beim Start im August 2013: Dr. Silke Wachsmuth-Uhrner und Dr. Jürgen Bohlemann gehören zum Team der rollenden Praxis.

© Landkreis Wolfenbüttel

WOLFENBÜTTEL. Preisgekrönt aber zu teuer: Die rollende Arztpraxis, ein VW-Bus mit Hausarzt, der seit einem Jahr über die Dörfer rund um das niedersächsische Wolfenbüttel fährt, wird den Betrieb zum Jahresende einstellen.

Zwar war das im August 2013 gestartete Projekt auch nur auf anderthalb Jahre angelegt. Aber es krankt daran, dass die Versorgung auf dem Land noch nicht schlecht genug ist, um Patienten in Scharen zum Hausarzt im VW-Bus zu treiben.

"Trotzdem ist das Projekt ein Erfolg", betont Detlef Haffke, Sprecher der KV Niedersachsen. "Denn jetzt wissen wir, dass und wie wir einen Hausarzt samt praxisausgestattetem VW-Bus auf die Straße bringen können." Zudem sei das Angebot sehr gut aufgenommen worden und die Patienten außerordentlich zufrieden.

Seit August 2013 Jahres fährt die rollende Arztpraxis mit einem Kollegen an Bord kleine Gemeinden im Umkreis von Wolfenbüttel im Osten Niedersachsens nach festem Fahrplan an und parkt als mobile Hausarztpraxis an Schulen, Dorfgemeinschaftshäusern oder anderen zentralen Plätzen. Der Doktor im Cockpit der Ein-Mann-Praxis soll die abgewanderten Hausärzte ersetzen.

160.000 Euro allein für den umgerüsteten Bus

Die Warteräume stellen die Gemeinden zur Verfügung. Das Arzt-Mobil hat ein EKG ebenso an Bord wie einen Formulardrucker, ein Mini-Labor, Kartenlesegeräte und ein winziges Pulsoxymeter.

Technisch ist der Bus vernetzt mit den Hausarztpraxen der Patienten, der Datenaustausch funktioniert. Den Dienst teilen sich drei Ärzte.

Insgesamt haben sich 14 Partner an dem Projekt beteiligt, darunter die KVN, der Landkreis Wolfenbüttel, VW, Krankenkassen und Unis. 160.000 Euro hat allein der umgerüstete Bus gekostet - bezahlt von VW. Die laufenden Kosten von 75.000 Euro für das Projekt haben sich die anderen Partner geteilt. "Es hat alles sehr gut geklappt", resümiert Haffke.

Das Problem: Die Patienten fehlen. "Pro Sprechstunde sind nur fünf bis sieben Patienten erschienen", erklärt Haffke. Insgesamt sei man mit dem Bus deshalb je nach Standort nur auf 13 bis 30 Prozent der Auslastung einer Hausarztpraxis gekommen.

Das mag auch daran liegen, dass nur sieben Krankenkassen mitgemacht und die meisten Patienten eben auch noch einen - wenn auch entfernt wohnenden - Hausarzt haben.

Aber auch das Projekt selbst hat seine Grenzen. "Selbst, wenn eine MFA mitgefahren wäre und zum Beispiel Labor und Anmeldung in die provisorischen Warteräume verlegt hätte, wäre die Praxis abgesehen von den fehlenden hygienischen Voraussetzungen auch auf diese Weise nicht wirtschaftlich geworden", sagt Haffke.

Neue Idee: Taxiservice

Die KV Niedersachsen hat nachgerechnet: In 51 Wochenstunden hätte die rollende Hausarztpraxis höchstens 276 Patienten in der Woche versorgen können. Das ernährt keinen Arzt. Deshalb wird das Projekt auslaufen.

Ohnedies will die KV Niedersachsen zukünftig darauf setzen, dass die Patienten zum Arzt kommen und nicht umgekehrt. So denkt man zum Beispiel an einen Taxiservice, der die Patienten aus den Dörfern zum Arzt bringen könnte.

Dass die Praxis auf Rädern indessen kein Ausrollmodell ist, zeigt die große öffentliche Resonanz. Die Beletage aus Print, Funk und Fernsehen berichtete; selbst ein japanischer Sender drehte einen langen Bericht über den Praxis-Bus auf dem Lande, berichtet der KV Sprecher.

Zudem war sie unter den Kandidaten auf den Award der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Prämiert wurde der Doktor-Bus von der Initiative "Land der Ideen" als zukunftsweisende Idee im ländlichen Raum. Er wurde unter die 100 wegweisenden Initiativen gewählt. Leider funktioniert die wegweisende Idee in Niedersachsen auf Dauer nicht.

Haffke: "Der Druck und die Notwendigkeit ist derzeit nicht groß genug." Vielleicht ist das in Brandenburg oder manchen Landstrichen Dänemarks anders, denn von dort kommen Anfragen, den Bus zu übernehmen.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Gute Idee - wenig Resonanz

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