Ärzte Zeitung, 20.05.2015

Bayern

Kammer bei Online-Therapie skeptisch

Die Psychotherapeutenkammer Bayern sieht angesichts der Wartezeiten den Trend zu Therapieangeboten im Netz mit Sorge.

MÜNCHEN. Angesichts oftmals langer Wartezeiten für eine psychotherapeutische Behandlung "konsultieren" immer mehr Menschen das Internet.

"Beratungs- oder Therapieangebote über das Internet können den persönlichen Kontakt zum Psychotherapeuten nicht ersetzen", betonte denn auch der Präsident der Psychotherapeutenkammer (PTK) Bayern, Dr. Nikolaus Melcop, vor der Presse in München.

Anlass war der 6. Bayerische Landespsychotherapeutentag, der sich ausführlich mit dem Thema beschäftigte. Internetangebote könnten den persönlichen Kontakt allerdings in besonderen Fällen ergänzen, so Melcop.

Nach neuen Erhebungen muss ein Drittel der Patienten länger als ein halbes Jahr und jeder zweite zwischen einem und drei Monate auf eine Psychotherapie warten.

Risiken und Gefahren von internetbasierten psychotherapeutischen Beratungs- und Behandlungsangeboten ergeben sich nach Melcops Angaben insbesondere aus der Schwierigkeit, den Grad des Schutzes von persönlichen Daten bei einer Kommunikation über das Internet einzuschätzen.

Kriseninterventionen erschwert

Ein Risiko seien auch die eingeschränkten diagnostischen Möglichkeiten. Bei asynchronen Kommunikationsformen etwa per E-Mail seien kurzfristig notwendig werdende Kriseninterventionen erschwert.

Internetangebote für psychisch Kranke könnten jedoch für bestimmte Personengruppen mit erheblichem Leidensdruck von Vorteil sein, wenn ein persönlicher Kontakt nicht oder noch nicht möglich ist, erklärte Melcop.

Für manche Patienten könne das Internet den Weg in die Psychotherapie auch ebnen. Auch seien Internettherapien bei Angststörungen, posttraumatischen Belastungsstörungen, leichteren Depressionen und einigen körperbezogenen Störungen zumindest kurzfristig wirksam.

Von Internettherapien, deren Basis strukturierte, online-basierte Programme sind, unterscheiden sich nach Angaben von Dr. Bruno Waldvogel, Vizepräsident der PTK Bayern, andere Onlineangebote wie Beratungen, Einzel- und Gruppenchats oder internetgestützte Selbsthilfe- und Präventionsprogramme.

Nur in begründeten Ausnahmefällen

Für Laien sei es bei diesen Angeboten oft schwierig dubiose von seriösen Angeboten zu unterscheiden, so Waldvogel.

Nach der Berufsordnung der Kammer werden psychotherapeutische Behandlungen im unmittelbaren persönlichen Kontakt erbracht. Nur in begründeten Ausnahmefällen ist eine briefliche oder elektronische Kommunikation zulässig, erläuterte Melcop.

Daher fordere die Psychotherapeutenkammer Bayern, dass die Internetangebote fachgerecht erstellt, kontrolliert und begleitet werden. "Für internetbasierte Interventionen müssen die gleichen Qualitätsstandards gelten wie bei der konventionellen Psychotherapie.

Online-Angebote sollte es nur unter Anleitung von Psychotherapeuten geben und nicht in die Hände von Laien oder Unternehmen fallen, die mit ihren Programmen kommerzielle Ziele verfolgen", so Melcop. (sto)

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Wenn Kokain auf Brust und Herz schlägt

Down nach dem High: Ein junger Mann kommt mit Brustschmerzen in die Notaufnahme, er hat am Tag zuvor Kokain konsumiert. Die Diagnostik ergibt einen überraschenden Befund. mehr »

Immer mehr BU-Fälle durch die Psyche

Der lange Arm der Leistungsgesellschaft oder einfach bessere Diagnose? Eine sprunghaft steigende Anzahl von Arbeitnehmern scheidet wegen psychischer Probleme vorzeitig aus dem Berufsleben aus. mehr »

Fehlerquelle Entlassbriefe

Unbekannte Abkürzungen und Therapieempfehlungen, die nicht zum Befund passen: Eine Umfrage unter Hausärzten deckt Verbesserungspotenzial in Entlassbriefen auf. mehr »