Ärzte Zeitung, 05.04.2016

WINEG-Chef

"Unsere Devise: Keine Einmischung in Arbeit der Ärzte!"

Schwachstellen analysieren, Fehlentwicklungen entdecken, Modelle entwickeln und im Vertragsgeschäft beraten - der neue Chef des Wissenschaftlichen Instituts der TK, Dr. Andreas Meusch, über seine Aufgaben.

Das Interview führte Helmut Laschet

Ärzte Zeitung:Was macht das Wissenschaftliche Institut der Techniker Krankenkasse?

Andreas Meusch: Wir nehmen vorrangig die Patienten- und Versichertenperspektive in den Fokus. Einerseits durch Patientenbefragungen, zum Beispiel zusammen mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung zur Zufriedenheit mit der ambulanten ärztlichen Versorgung.

Andererseits sind wir ja Teil der Techniker Krankenkasse, in dieser Rolle beraten wir unsere Fachkollegen etwa vor dem Abschluss von Verträgen zur integrierten Versorgung.

Dr. Andreas Meusch

"Unsere Devise: Keine Einmischung in Arbeit der Ärzte!"

© David Vogt

Aktuelle Position: Seit dem 1. April Leiter des Wissenschaftlichen Instituts der TK (WINEG)

Ausbildung: Studium der Politik- und Rechtswissenschaften an der Uni Mainz, Promotion über Moral Hazard in der GKV (2011).

Karriere: Unter anderem Pressesprecher in Bundesministerien, 1993 bis 98 VdAK-Leiter in Baden-Württemberg, seit 1998 bei der TK als Leiter der Landesvertretungen.

Stichwort Patientenperspektive: Was sind hier die wichtigsten Elemente?

Meusch: Ich glaube, dass wir auf ein Jahrhundert der Patienten zugehen, weil im Moment der Patient zu der am stärksten unterschätzten Ressource im Gesundheitswesen gehört.

Wir wollen den Patienten helfen, ihre Kompetenz zu stärken. Wenn Menschen sich im Internet informieren - was wir sehr begrüßen - dann möchten wir, dass ihnen verlässliche Informationen zur Verfügung stehen.

Ein großes Thema dabei ist Lebensqualität. Wenn man genauer nachfasst, stellt sich die Datenlage als sehr unbefriedigend heraus.

Meusch: Das ist enorm wichtig. Wir können aus unseren Routinedaten über Lebensqualität sehr wenig aussagen. Darum machen wir Patientenbefragungen und versuchen, das zusammenzuführen.

Ein Beispiel: Wir haben Angehörige von Pflegebedürftigen befragt. Rund 50 Prozent der Pflegeleistungen wird von den Familien selbst erbracht - und wir wissen, dass das eine große Belastung ist. Wenn wir das mit unseren Abrechnungsdaten zusammenbringen, erhalten wir ein realistischeres Bild von der Situation.

Ein Stück Erkenntnis, das aber in Handeln umgesetzt werden muss. Was kann eine Krankenkasse tun?

Meusch: Manchmal ist der Weg kurz: Wenn wir zum Beispiel wissen, dass Familienangehörige durch Pflege stark belastet sind, können wir ihnen entsprechende Kurse anbieten.

Können Sie ein Beispiel aus dem Vertragsgeschäft mit Ärzten nennen? Da haben Sie ja auch Erfahrung.

Meusch: Den ersten Vertrag, den ich für den damaligen VdAK in Baden-Württemberg geschlossen habe, hatte eine Komponente, die man heute als "Pay for Performance" bezeichnen würde.

Es ging um ambulante OPs, bei denen sich die Höhe der Vergütung danach richtete, dass die Indikation richtig gestellt war. Das Problem der richtigen Indikationsstellung verfolgt mich eigentlich schon mein ganzes Berufsleben.

Findet bei Ihnen so etwas statt wie eine Defizitanalyse, mit der man prioritären Handlungsbedarf ermitteln könnte?

Meusch: Defizitanalyse im eigentlichen Sinne nicht. Aber wo man forscht, sieht man Licht und Schatten. Beim Handlungsbedarf müssen wir zwei Aspekte berücksichtigen.

Zum einen sind das die Fragestellungen, die es gibt, zum anderen der Datenschutz und damit die Verwendbarkeit von Daten. Und da tun sich verschiedene Welten auf.

Ein Beispiel: Ich habe ein Konzept eines Kooperationspartners vorliegen zum Thema Off Label Use bei Kindern. Ein wichtiges Thema mit riesigen Wissenslücken. Neue Erkenntnisse dazu sind sowohl für Ärzte als auch für Patienten und deren Eltern von großer Bedeutung.

Wir dürfen aber als Krankenkasse nicht direkt mit den behandelnden Ärzten oder den Betroffenen in Kontakt treten, obwohl wir sie EDV-technisch identifizieren könnten.

Wie läuft dann die Kommunikation Richtung Ärzte?

Meusch: Im WINEG schauen wir uns beispielsweise an, inwieweit bei der Arzneimitteltherapie die Empfehlungen der Leitlinien eingehalten werden. Bei der KHK haben wir gesehen, dass nicht einmal 60 Prozent der Ärzte leitliniengerecht verordnen.

Dies ist unsere Unterstützungs- und Beratungsleistung für die Fachkollegen im Versorgungs- und Vertragsgeschäft. Sie arbeiten mit einer Reihe von KVen zusammen, sprechen aber Ärzte nicht direkt an. Auch, weil die TK sich in die Arbeit der Ärzte nicht unmittelbar einmischen will.

Unsere Devise ist: Nicht die Krankenkasse ist der bessere Arzt, sondern der Arzt ist der bessere Arzt. Aber Erkenntnisse müssen wir liefern und auch darauf hinweisen - in der Hoffnung, dass es Veränderungen gibt.

Offenkundig sind Defizite in der Versorgung psychisch kranker Menschen. Jüngst haben Sie Ergebnisse eines Projekts vorgelegt, mit dem vernetzte niedrigschwellige Angebote entwickelt worden sind. Oft bleibt es aber bei Insellösungen. Warum?

Meusch: Die Praktiker im Vertragsgeschäft vor Ort sind durch das operative Alltagsgeschäft oft so gebunden, dass der Blick auf Veränderungen schwerfällt.

Und aus meinen Erfahrungen im Vertragsgeschäft weiß ich, dass viele Ärzte natürlich stark vom Einzelfall geprägt sind und es nicht zu ihrem Alltag gehört, auf die Systemebene zu gehen.

Ärzte konzentrieren sich darauf - und das ist auch ihre Stärke! -, einen konkreten Fall in einem gegebenen Setting zu lösen. Und nicht zu schauen: Wie kann ich vielleicht das Setting ändern? Hinzu kommt: Anders als bei einer Krankenkasse funktionieren Top down-Ansätze in der Ärzteschaft nicht.

Dafür hat der Gesetzgeber den Kassen das Instrument der Selektivverträge gegeben. Wie nutzen Sie das, um mit einer Auswahl von Ärzten vielversprechende Modelle auf eine breitere Basis zu stellen?

Meusch: Die Rolle des WINEG ist eine beratende. Bei der psychiatrischen Versorgung sehen wir den Drehtüreffekt, weil es schwierig ist, die Patienten in der ambulanten Versorgung zu stabilisieren.

Hier haben wir auch wissenschaftlich gut fundierte Erfahrungen. Ein Beispiel ist das Netzwerk psychische Gesundheit, das auf einer multimodalen ambulanten Versorgung beruht.

Die Schwierigkeit besteht aber darin, dass es je nach Region völlig unterschiedliche ambulante Leistungsstrukturen und -realitäten gibt. Hier müssen wir genauer hinsehen - und da kommt das WINEG ins Spiel: Gibt es gute Gründe für diese Unterschiede? Und muss es nicht ein gewisses Maß an Standardisierung geben?

Meine These ist: Es könnte deutlich mehr standardisiert werden. Wahrscheinlich wird das durch die digitale Revolution, die der Medizin noch bevorsteht, beschleunigt.

Passiert das von selbst oder braucht das Druck von außen?

Meusch: Druck ist das falsche Wort. Und schon gar nicht Druck von den Krankenkassen. Tatsache ist: In den Praxen findet die digitale Revolution schon statt. Ebenso in Kliniken.

Und das ist im Interesse vor allem auch der Patienten. Und über unsere Versorgungsforschung werden wir dokumentieren, was erfolgreich ist, denn schlechte Qualität sollten die Kassen und damit die Beitragszahler nicht finanzieren.

Im April wird der Gemeinsame Bundesausschuss über erste Projekte des Innovationsfonds entscheiden. Ist das WINEG dabei auch engagiert?

Meusch: Ja klar! Wir haben ja zwei Töpfe: den großen für neue Versorgungsformen - das macht die TK. Den kleineren für die Versorgungsforschung, und daran ist das WINEG beteiligt. Wir haben eine Vielzahl von Projekten im Köcher, auch mit weiteren Partnern.

Können Sie Beispiele nennen?

Meusch: Könnte ich, mache ich aber nicht.

Können auch Ärzte daran beteiligt sein?

Meusch: Je nach Fragestellung ja, zum Beispiel Ärztenetze. In jedem Fall wird das jetzt wirklich spannend.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Abwarten schlägt Op

Zumindest in den ersten sechs Jahren nach Diagnose haben Männer mit lokalisiertem Prostata-Ca eine bessere Lebensqualität, wenn sie sich nicht unters Messer legen. mehr »

No deal-Brexit? Dieses Szenario lässt NHS-Angestellte schaudern

Je mehr Zeit in ergebnislosen Verhandlungen verrinnt, desto nervöser werden Beschäftigte vor allem im Gesundheitswesen. Ein Brexit ohne Vertrag mit der EU? Im NHS fürchtet man in diesem Fall ein Desaster. mehr »

Der reine Telearzt kommt

Fernbehandlung ohne Erstkontakt in der Praxis? Im Ländle wird dieses Modell jetzt erstmals getestet. Die Kammer dort hat gerade das erste Projekt genehmigt. mehr »