Ärzte Zeitung, 08.09.2016

Schleswig-Holstein

Mit Zweigpraxen gegen Ärztemangel im Norden

In Schleswig-Holstein gibt es über 100 Zweigpraxen. Eine Blaupause für alle unterversorgten Regionen Deutschlands?

Von Dirk Schnack

Mit Zweigpraxen gegen Ärztemangel im Norden

"Nur äußerst engagierte Hausärzte kennengelernt": Gesundheitsministerin Kristin Alheit und Dr. Thomas Maurer.

© Dirk Schnack

LECK. Wo Ärzte knapp werden, müssen die Patienten weitere Wege und wechselnde Ärzte akzeptieren. In einigen Regionen haben sich die Menschen darauf schon eingestellt, wie Schleswig-Holsteins Gesundheitsministerin Kristin Alheit (SPD) bei einem Praxisbesuch in Nordfriesland feststellen konnte.

"In der Fläche werden in Zukunft viele kleine Praxen kaum existieren können, weil trotz des großen räumlichen Einzugsgebietes nicht genügend Patienten für eine wirtschaftliche Praxisführung da sind. Deshalb müssen wir sie an größere Standorte andocken", sagte Alheit in der Praxis von Dr. Thomas Maurer in Leck.

Pensionierter Klinikarzt im Einsatz

Wie das geht, zeigen Maurer und seine Kollegen im Norden schon seit Jahren über Zweigpraxismodelle. Über 100 davon gibt es im nördlichsten Bundesland.

Maurer selbst hat vor vier Jahren eine Zweigpraxis in Neukirchen an der dänischen Grenze übernommen und dafür den pensionierten Klinikarzt Bernd Scharfe angestellt. Der praktiziert 20 Stunden in der Zweigpraxis, Maurer und seine Kollegen aus der Hauptpraxis reihum nur wenige Stunden.

Trotz begrenzter Öffnungszeiten und wenig Technik vor Ort funktioniert das Modell. Wenn Scharfe etwa ein Ultraschall benötigt, schickt er die Patienten nach Leck. Wenn er eine Frage an Kollegen hat, setzt er sich über den Computer mit den Kollegen in der Stammpraxis in Verbindung, die Antwort kommt in aller Regel innerhalb kurzer Zeit.

Scharfe kann sich in der Zweigpraxis auf die Patientenbehandlung konzentrieren, die komplette Verwaltung übernehmen die Mitarbeiter in Leck. Der mittlerweile 70-jährige Arzt - in Klinikzeiten Anästhesist, inzwischen über einen Quereinstieg Allgemeinmediziner - hält das Modell genauso wie die Ministerin auch für junge Ärzte für geeignet.

"Eigenverantwortlich arbeiten und trotzdem in ein Team eingebunden", lobte Alheit die Konstellation. Zugleich beobachtet sie mit Wohlwollen, dass die Patienten das Modell akzeptieren, bei Bedarf auch in die Hauptpraxis fahren und sich auf wechselnde Ärzte einstellen.

"Kann Modelle nicht überstülpen"

Dass dieses Modell als Blaupause für andere gelten kann, wollte sie allerdings nicht bestätigen. "Man kann nicht einfach ein Modell, das hier passt, auf andere Regionen überstülpen."

Besser gefällt ihr das Baukastenprinzip: Jede Region und die dort versorgenden Akteure sollen sich also das für ihre Bedingungen passende Modell basteln - vielfältig genug sind nach Meinung Alheits sowohl die gesetzlichen als auch die technischen Möglichkeiten. Und auch die ärztlichen Körperschaften hat sie als aufgeschlossen genug erlebt, um entsprechende Modelle zu ermöglichen.

Maurer selbst hat die zunächst aufwendige Übernahme der verwaisten Zweigpraxis nicht bereut. Sie trägt sich wirtschaftlich, weil die Organisation von Leck aus gesteuert wird, also nur Raum- und Personalkosten anfallen. Zudem hat die Gemeinde beim Umbau unterstützt.

Inzwischen lassen sich rund 600 Patienten in der Zweigpraxis behandeln, rund 3300 sind es in der Zentrale, wo der Praxisinhaber noch drei weitere Ärzte beschäftigt, insgesamt hat er 18 Angestellte. Maurer kann sich auch vorstellen, eine weitere Zweigpraxis zu integrieren. Voraussetzung: "Wir machen das nicht, um zu expandieren, sondern um die Versorgung aufrecht zu erhalten."

Deshalb berät er auch Kollegen, die Zweigpraxen übernehmen wollen. Maurer selbst empfindet seine Tätigkeit zwar nicht als strapazierend, dennoch: Mit der oft beschriebenen Work-Life-Balance scheint das nicht in Einklang zu stehen. Alheit ist davon allerdings nicht überrascht: "Ich habe bislang eigentlich nur äußerst engagierte Hausärzte kennengelernt."

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