Ärzte Zeitung, 17.10.2016
 

"Geriatrie soll ganz oben stehen"

Der Arzt und frühere Vorsitzende des Hartmannbundes Professor Kuno Winn kehrt in die Gesundheitspolitik zurück – als Gründer der "Seniorenpartei".

Von Anno Fricke

Ärzte Zeitung: Die CDU, die SPD, die Grünen und die Linke sagen alle, sie verträten die Interessen der älteren Generation. Warum also haben Sie die Seniorenpartei gegründet?

Prof. Dr. Kuno Winn: Das sagen die zwar, aber das stimmt ja nicht. Die Renten sind in den vergangenen zehn Jahren um acht Prozent abgeschmolzen worden. Dazu kommen Einbußen aufgrund der Inflation. Die Volksparteien haben für die ältere Bevölkerung nichts übrig, es sei denn sie funktioniert als solides Stimmvieh für Wahlen. Ältere wählen relativ stabil die Partei, die sie immer wählen.

Wie wollen Sie dann an Stimmenanteile kommen?

Altersarmut geht ja auch die Jüngeren an. Sie müssen heute schon einem 20-Jährigen sagen, du musst privat was für die Altersvorsorge tun. Denn wenn der ins Rentenalter kommt, dann ist die Rente, wenn es nach dem Willen der jetzigen Politik geht, auf 43 Prozent abgesenkt. Dann haben alle maximal noch die Grundsicherung.

Definieren Sie doch einmal ältere Generation?

Das sind die ab 60-Jährigen. Das sind knapp 25 Millionen Menschen in Deutschland. Wir müssen aber immer die Brücke zu den Jüngeren schlagen. Indem wir sagen: Die Seniorenpartei vertritt auch ihr Interesse, indem sie dafür eintritt, dass das Rentenniveau nicht weiter abgesenkt wird. Im Gegenteil: Ich verlange, dass jedes Jahr ein Inflationsausgleich stattfindet. Das ist das Mindeste.

Wie sieht Ihr gesundheitspolitisches Programm aus?

Geriatrie und hausärztliche Versorgung stehen ganz oben. Jeder Allgemeinmediziner sollte eine geriatrische Zusatzausbildung haben. Die Krankenhäuser sollten mehr geriatrische Zentren einrichten. Dort sollte darauf geachtet werden, dass die Versorgung von Akuterkrankungen stärker mit geriatrischen Aspekten verzahnt wird.

Geschieht dies derzeit nicht?

Nicht optimal. Es läuft alles parallel nebeneinander her. Der Schlaganfallpatient kommt erst einmal in eine Stroke Unit. Ob dort seine anderen Alterserkrankungen adäquat mitbehandelt werden, ist nicht überall gegeben. Da sollte man ansatzweise auch mehr darüber forschen.

Die Zahl der Pflegebedürftigen wird stark steigen. Ist das System darauf vorbereitet?

Ein Platz im Heim kostet im Durchschnitt 3000 Euro im Monat. Man sollte genau hinsehen, ob solche Summen gerechtfertigt sind. Da muss eine Preisbremse rein. So viel hat kein Rentenempfänger übrig. Zudem sollten alle Heime verpflichtet werden, auch Schwerstpflegebedürftige aufzunehmen und nicht Rosinenpickerei zu betreiben.

Es gibt doch einen Zuschuss aus der sozialen Pflegeversicherung…

Der reicht ja nicht aus. Auch nicht bei Stufe 3.

Hält die Hospizversorgung mit der Alterung der Gesellschaft Schritt?

Eine riesige Hilfe wäre, wenn man die Zahl der Hospizplätze verdoppelte. Es muss nicht jeder in einem Hospiz sterben. Wenn wir schon auf Menschlichkeit pochen, dann meine ich, ist das eine humanitäre Leistung ersten Grades.Eine Gesellschaft, die sich sonst alles Mögliche leistet, die sollte sich auch so etwas leisten.

Es gibt Lücken in der Palliativversorgung. Macht die Politik an dieser Stelle etwas falsch?

Das DRG-Entgeltsystem ist bei Palliativpatienten schwer anzuwenden. Man kann zum Beispiel einem Menschen mit Speiseröhrenkrebs eine Art Stent einsetzen. Das ändert nichts daran, dass er todgeweiht ist. Trotzdem werden solche Patienten, wenn sie austherapiert sind, nach Hause entlassen.

Wenn es eine Massenkarambolage gibt, werden Opfer und Angehörige sofort psychologisch betreut. Aber Palliativpatienten werden oft allein gelassen, anstatt aufgefangen zu werden. An dieser Stelle braucht man jemanden, der das Ganze sieht, zum Beispiel den Hausarzt.

Wie steht die Seniorenpartei zur Niederlassungsfreiheit?

Grundsätzlich ist die Niederlassung ein Garant, dass eine wohnortnahe Versorgung stattfinden kann. Aufgrund des Ärztemangels, der eigentlich eine Fehlverteilung besonders in ländlichen Gebieten ist, verschlechtert sich die Versorgung. Da muss die Politik gegensteuern. Sie muss dem Gemeinsamen Bundesausschuss klare Vorgaben für die Bedarfsplanung machen.

Auch Krankenhäuser nehmen an der ambulanten Versorgung teil…

Um die Notdienste mit Bagatellfällen nicht zu verstopfen, müssten Patienten eine deutlich höhere Gebühr bezahlen. Das gilt auch, wenn Patienten per Selbsteinweisung in die Notfallambulanzen der Krankenhäuser gehen. Zunächst ist der ambulante Notdienst vor Ort aufzusuchen oder anzufordern. Das müssten deutlich mehr als zehn Euro für jeden Besuch sein. Die empfindlichste Stelle des Menschen ist nun mal das Portemonnaie.

Professor

Kuno Winn (71)

- Kuno Winn ist Facharzt für Allgemeinmedizin. Von 2005 bis 2011 führte er den Hartmannbund. 2006 organisierte er die Ärzteproteste in Berlin.

- Als Gesundheitspolitiker gehörte er für die CDU von 1994 bis 2008 dem niedersächsischen Landtag an.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Tausende HPV-Tumoren pro Jahr sind vermeidbar

Viele Krebserkrankungen in Deutschland ließen sich durch einen HPV-Schutz vermeiden, so RKI-Berechnungen. Das Institut rät zum Impfen - das könnte auch bei Jungen sinnvoll sein. mehr »

Mit Kohlenhydrat-Tagen die Insulinresistenz durchbrechen

Typ-2-Diabetiker mit schwerer Insulinresistenz können vom Prinzip einer hundert Jahre alten Haferkur profitieren. Erfahrungsgemäß sprechen 70 Prozent der Betroffenen darauf an. mehr »

Kliniken in Nordrhein sind Vorreiter beim E-Arztbrief

Der Klinikbetreiber Caritas Trägergesellschaft West zählt zu den Vorreitern des elektronischen Arztbriefes über KV-Connect. Viele Niedergelassene sind bereits angeschlossen. mehr »