Ärzte Zeitung, 24.08.2017
 

Boomender Arbeitsmarkt

Für die Kassen eine Reise ins Glück

Deutschland eilt von Beschäftigungs- zu Einnahmerekorden. Der GKV-Überschuss von 1,4 Milliarden Euro wird die strukturellen Disparitäten zwischen den Kassen nur vorübergehend zuschütten können.

Von Florian Staeck

Für die Kassen eine Reise ins Glück

Die GKV-Einnahmen steigen und steigen: Ein schnell verebender Trend?

© bonezboyz / stock.adobe.com

BERLIN. Der Überschuss der gesetzlichen Krankenkassen im ersten Halbjahr ist mit rund 1,4 Milliarden Euro auch für viele Fachleute überraschend hoch ausgefallen. Im Vergleich zum ersten Quartal hat er sich mehr als verdoppelt (612 Millionen Euro).

Die AOK-Gemeinschaft setzt ihre finanzielle Erfolgs- geschichte fort.

Dr. Kai Behrens,

Sprecher des AOK-Bundesverbands, zu den Finanzergebnissen der AOK im ersten Halbjahr

Dazu beigetragen hat, dass die Reformgesetze der Koalition bislang offenbar weniger finanzwirksam geworden sind, als angenommen wurde. Der boomende Arbeitsmarkt beschert den Kassen zusätzliche Beitragsgelder. Damit steigen die Rücklagen der Kassen auf 17,5 Milliarden Euro.

Die unterschiedlichen Kassentypen im Vergleich

Gleichwohl sind die Überschüsse stark unterschiedlich verteilt:

» #032;AOK: Der größte Brocken entfällt dabei –  wie in den vergangenen Quartalen –  mit 650 Millionen Euro auf die AOK-Familie. Im ersten Quartal war das Plus mit 361 Millionen Euro deutlich geringer ausgefallen. "Die AOK-Gemeinschaft setzt ihre finanzielle Erfolgsgeschichte fort", kommentierte Kai Behrens, Sprecher des AOK-Bundesverbands.

AOK-Vorstandschef Manfred Litsch nennt dafür zwei Gründe: Zum einen seien die Leistungsausgaben mit rund einem Prozent pro Kopf stark unterdurchschnittlich gestiegen. Zum anderen hätten die Ortskassen mit 3,4 Prozent überdurchschnittlich viele Versicherte hinzugewonnen, und zwar vor allem Junge.

Zum Vergleich: Beim Branchenprimus Techniker Kasse sind im ersten Halbjahr 159.000 Versicherte hinzugekommen, das entspricht einem Plus von 1,6 Prozent.

» Ersatzkassen: Mit 456 Millionen Euro hat sich das Plus bei den Ersatzkassen im Vergleich zum ersten Quartal (155 Millionen Euro) verdreifacht. Davon entfallen allein 226 Millionen Euro auf die Techniker Kasse. Die Einnahmen der Ersatzkassen haben um 3,8 Prozent je Versichertem zugenommen, die Leistungsausgaben um 3,6 Prozent.

Bei der TK liegen die Ausgaben mit plus 3,3 Prozent unter dem Durchschnitt der vdek-Kassen. Für die Barmer, mit 9,4 Millionen Versicherten zweitgrößte Kasse, fällt der Überschuss mit 44 Millionen Euro geringer aus. Die Leistungsausgaben wuchsen um 3,19 Prozent

 Die Kasse hat im ersten Halbjahr 75.000 Versicherten verloren. Der Schätzerkreis beim Bundesversicherungsamt war im Herbst vergangenen Jahres noch von einer Zunahme der Ausgaben von 3,9 Prozent im laufenden Jahr ausgegangen.

Innungskassen steigern stark

» #032;Innungskrankenkassen: Mit knapp 93 Millionen Euro fällt der Einnahmeüberschuss bei den Innungskassen um ein Vielfaches höher aus, als noch im ersten Quartal (17 Millionen Euro). Im vergangenen Jahr hatte die IKK-Familie sogar noch ein Defizit von 33 Millionen Euro aufgewiesen.

» Betriebskrankenkassen: In vergleichbaren Dimensionen bewegt sich der Überschuss der Betriebskassen mit 111 Millionen Euro. Sie hatten im ersten Quartal ein Plus von nur 27 Millionen Euro ausgewiesen.

Die Kassen versuchen, die Höhe der Überschüsse einzuordnen: 17,5 Milliarden Euro entsprechen dem Wert von nicht einmal einer Monatsausgabe der GKV, die sich auf etwa 19 Milliarden Euro beläuft, hieß es.

Der vdek rechnete vor: Ein Versichertenzuwachs von einem Prozent und ein Plus von 3,9 Prozent bei den Leistungsausgaben addiert sich auf Mehrausgaben von über zehn Milliarden Euro im Jahr in der Gesamt-GKV.

Viel höher als von den Experten geschätzt fällt die Zunahme der Versichertenzahl aus. Für das ganze Jahr 2017 war man ursprünglich von einem Zuwachs von 700.000 Versicherten ausgegangen. Tatsächlich sind es bereits bis Juni 870.000 mehr Versicherte gewesen. Das Gros der neuen Versicherten entfällt auf Arbeitsmigranten, nicht auf Flüchtlinge, hieß es. Da es sich dabei – gemessen am Altersdurchschnitt aller GKV-Versicherten – überwiegend um jüngere Menschen handelt, dämpft auch dies den Anstieg der Leistungsausgaben.

Indes boomt der Arbeitsmarkt und füllt die Sozialkassen. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit sind im Mai bundesweit 32,14 Millionen Menschen sozialversicherungspflichtig beschäftigt gewesen, 744.000 mehr als im Mai 2016. Das Bruttoinlandsprodukt ist seit Jahresbeginn schon um 1,3 Prozent gestiegen, meldet die Bundesbank.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Kassen-Überschuss: Geblendet von guten Zahlen

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