Ärzte Zeitung online, 04.09.2017

Niedersachsen

"Skandalisierung verunsichert!"

Die noch amtierende niedersächsische Landesregierung will die Kliniken dazu zwingen, Stationsapotheker einzustellen. Die Krankenhausgesellschaft warnt vor einer Verunsicherung der Mitarbeiter.

Von Christian Beneker

HANNOVER. Im Streit um die geplante Pflicht, in niedersächsischen Kliniken Stationsapotheker einzustellen, haben die Niedersächsische Krankenhausgesellschaft (NKG) und die Apothekerkammer des Landes nachgelegt. Die NKG "appelliert an die künftige Landesregierung, diese Regelung nicht in dieser Form weiter zu verfolgen", heißt es. Dagegen plädierte die Apothekerkammer genau für das Gegenteil: Das Gesetz sei sinnvoll, wie internationale Erfahrungen zeigten.

Die Landesregierung und mit ihr die SPD-Gesundheitsministerin Cornelia Rundt will im Rahmen des novellierten Krankenhausgesetzes vorschreiben, dass Krankenhäuser mit mehr als 300 Betten Stationsapotheker einstellen müssen. Die Novelle soll noch vor der vorgezogenen Landtagswahl am 15. Oktober beschlossen werden. Hintergrund der geplanten Regelung sind auch die Patientenmorde durch den Krankenpfleger Niels H. in Oldenburg und Delmenhorst. Er soll über 80 Patienten mit Medikamenten vergiftet haben.

Missbrauch nicht auszuschließen

Die Klinikgesellschaft bestreitet, dass die Patientensicherheit ohne Stationsapotheker gefährdet sei. "Derartige Skandalisierungen verunsichern die Patienten und diskreditierten die Mitarbeiter in den niedersächsischen Krankenhäusern, die sich in hohem Maße für Qualität und Patientensicherheit engagieren", sagt NKG-Verbandsdirektor Helge Engelke.

Der Missbrauch von Arzneimitteln sei so nicht auszuschließen. Die neue Vorschrift würde zudem die Apotheker als Berufsgruppe bevorzugen – zu Ungunsten der anderen im Krankenhaus. Zudem sei die Finanzierung der Apotheker noch völlig offen. "Die Krankenkassen in Niedersachsen haben schon abgelehnt, die Kosten übernehmen zu wollen", so die NKG.

Deutschland hinkt hinterher

Anders die Apothekerkammer. Sie verweist auf Angaben der Europäischen Kommission, die die Kosten arzneimittelbezogener Probleme von Patienten in deutschen Krankenhäusern auf 4,94 Milliarden Euro im Jahr beziffert. Die Kammer spricht sich deshalb für Stationsapotheker aus. Eine wirtschaftlich effektive und gleichzeitig sichere Arzneimitteltherapie könne nur dann erreicht werden, "wenn Apotheker über die Arzneimittel-Logistik hinaus mit den Ärzten und Pflegekräften im Team zusammenarbeiten", sagt die Präsidentin der Landesapothekerkammer, Magdalene Linz. Wo Stationsapotheker eingesetzt würden, sei die Akzeptanz der Kooperation hoch, hieß es.

Indessen hinke Deutschland bei der Versorgung mit Stationsapothekern hinterher. Von etwa 60.000 Apothekern in Deutschland seien nur 2300 in den Krankenhäusern angestellt. Das bemängelt Dr. Matthias Bohn, Vorsitzender des Landesverbandes Niedersachsen-Bremen im Bundesverband Deutscher Krankenhausapotheker (ADKA). Während in Großbritannien im Durchschnitt 4,4 Apotheker pro 100 Betten im Krankenhaus beschäftigt sind und in den USA sogar 17,5 Apotheker, gebe es in Deutschland weniger als 0,4. In den Niederlanden, den USA oder England legten Apotheker zusammen mit Ärzten die Arzneimitteltherapie fest und seien sogar bei den Visiten dabei.

Die rot-grüne Landesregierung in Niedersachsen hat bereits im Frühjahr ihre Pläne zur Novelle des Krankenhausgesetzes vorgelegt, unter anderem, um Unregelmäßigkeiten beim Medikamentenverbrauch auf den Stationen schneller zu entdecken. Der ehemalige Krankenpfleger Niels H. hat möglicherweise mehr als 80 Patienten mit Medikamenten aus Stationsbeständen vergiftet. Niedersachsen will außerdem anonyme Meldesysteme in den Krankenhäusern einführen sowie eine erweiterte Leichenschau.

0,4 Apotheker

oder weniger sind pro 100 Betten in deutschen Krankenhäusern beschäftigt.

Dieser Wert liegt deutlich unter den Quoten in anderen Industrieländern.

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