Ärzte Zeitung, 08.09.2017
 

Unabhängige Patientenberatungen

Weniger Beratungen in Bremen

Seit der Neuvergabe der Unabhängigen Patientenberatung (UPD) sinkt in Bremen die Zahl der Kontakte mit Versicherten massiv. Das ruft nun die Politik auf den Plan.

Von Christian Beneker

Weniger Beratungen in Bremen

Bricht die persönliche Patientenberatung in Bremen ein?

© Merz Tricot GbR / Hautklinik Hanau

BREMEN. Die Zahl der unabhängigen Patientenberatungen (UPD) ist in Bremen um rund 75 Prozent zurückgegangen, seit die Beratung neu ausgeschrieben und ab vergangenem Jahr an eine Tochter des Dienstleisters Sanvartis übertragen worden ist.

So wurde in Bremen im Jahr 2014 noch 5843 Mal beraten, davon 887 mal in der persönlichen Begegnung, und zwar seinerzeit durch die unabhängige Patientenberatung Bremen (UPB). Beide Zahlen sanken 2016 stark ab, seit Sanvartis das Ruder übernahm.

Im vergangenen Jahr suchten die Bremer nur 1517 mal die unabhängige Beratung und davon nur 107 mal in der persönlichen Begegnung. Diese Zahlen legte Bremens Gesundheitssenatorin Ende August auf Bitten der Grünen-Fraktion der Gesundheitsdeputation Bremens vor.

Persönliche Beratung eingebrochen?

107 Mal sind Versicherte im vergangenen Jahr im Rahmen der UPD persönlich beraten worden. Im Jahr 2014 waren es noch 887 Gespräche.

"Das Schlimmste ist, dass die persönlichen Beratungen so eingebrochen sind", sagt Kirsten Kappert-Gonther, gesundheitspolitische Sprecherin der grünen Bürgerschaftsfraktion. Auch die regierende SPD im kleinsten Bundesland hat sich seinerzeit gegen die Beratungsleistung durch Sanvartis ausgesprochen.

Schon bei der Entscheidung für die UPD und Sanvartis sei klar gewesen, dass die Beratung von allem fernmündlich laufen sollte, kritisiert die Ärztin Kappert-Gonther. "Wenn persönliche gesundheitliche Dinge fast nur noch telefonisch besprochen werden, geht Beratungsqualität verloren."

Zudem habe Sanvartis schon für die Pharmaindustrie und die Krankenkassen gearbeitet, hieß es. Für die Grünen sind dies schlechte Voraussetzungen für eine unabhängige Patientenberatung. "Jetzt haben wir leider Recht behalten."

Zudem war die UPD für die Bremer eine besonders bittere Pille, weil sie mit der UPB eine eigene, seit Jahren funktionierende Beratungsleistung anbieten konnten, gemeinsam finanziert unter anderem durch die Kassen, die Kammer und die Krankenhausgesellschaft. "Aber wir hatten nicht die Alternative, dieses bewährte System weiterzuführen", so Selzer. Die Entscheidung für die UPD und Sanvartis galt und gilt bundesweit.

Tatsächlich sind die die Leistungen auf Bundesebene gestiegen, von 80.452 im Jahr 2015 auf 93.827 im letzten Jahr. Aber trotz des Ausbaus der Beratungsstellen brach auch bundesweit die Zahlen der persönlichen Beratungen vor Ort ein: von 11.295 im Jahr 2015 auf 3472 im Jahr 2016.

Unklarheit über Entwicklung

"Warum genau sich die Zahlen in Bremen so entwickelt haben, kann ich im Einzelnen auch nicht sagen", erklärt Jann Ohlendorf, Sprecher der UPD. "Es hat auch in Bremen einige Zeit gedauert, bis die Beratungsstrukturen in der uns eingeräumten Übergangsphase 2016 aufgebaut waren. Unter Umständen sind deshalb die Zahlen zurückgegangen", sagt er.

So waren die Beratungsmobile für das persönliche Gespräch erst ab April 2016 einsatzbereit, hieß es. Außerdem verweist Ohlendorf auf die sehr kontroverse Diskussion in Bremen, als die neue Patientenberatung eingeführt wurde. "Es lässt sich nicht ausschließen, dass die Patienten deshalb weggeblieben sind", sagt Ohlendorf.

In fünf Jahren werden die Karten der Beratungsvergabe wieder neu gemischt. Und Bremen will rechtzeitig eine Evaluation: Der Ausschuss bittet daher die Gesundheitssenatorin, sich auf Bundesebene dafür einzusetzen, "dass im Jahr 2020 eine Evaluation der Beratertätigkeit der UPD vorgenommen wird, um rechtzeitig auf das Ausschreibungsverfahren im Jahr 2021 Einfluss nehmen zu können".

Nach Angaben Ohlendorfs geschieht dies bereits: "Das Prognos-Institut beobachtet die Beratungsqualität."

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