Ärzte Zeitung online, 08.11.2017
 

Apotheker kritisieren

Medikationsplan-Projekt funktioniert nicht

Der vor einem Jahr eingeführte bundeseinheitliche Medikationsplan für Versicherte verfehlt aus Sicht der Apotheker sein Ziel, die Sicherheit der Medikation zu erhöhen. Sie fordern nun Konsequenzen.

Medikationsplan-Projekt funktioniert nicht

Eigentlich müsste jeder dritte Patient einen Medikationsplan besitzen. In der Praxis sind es bislang offenbar viel weniger.

© Henrik Dolle / stock.adobe.com

BERLIN. Seit Oktober 2016 hat jeder Versicherte, der drei oder mehr Arzneimittel nehmen muss, Anspruch auf einen Medikationsplan durch einen Arzt. In der ersten Umsetzungsstufe wird dieser auf Papier erstellt. Von 2018 an soll er elektronisch von der Gesundheitskarte abrufbar sein.

Eigentlich müsste jeder dritte Patient einen solchen Plan besitzen. Die Auflistung der verordneten Präparate werde nach eigenen Erfahrungen bisher aber nur selten von Haus- und Fachärzten herausgegeben, sagte nun Friedemann Schmidt, Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände e. V. (ABDA) der Neuen Berliner Redaktionsgesellschaft. Dabei sei die Unterlage für die Patienten ein essenzielles Instrument, um die Therapiesicherheit zu erhöhen.

Mit Blick auf Todesfälle und Krankenhauseinweisungen aufgrund falsch oder nicht eingenommener Medikamente forderte der ABDA-Präsident rasches Handeln. Der künftige Bundesgesundheitsminister müsse das Problem schnell angehen – und bringt dabei auch die Apotheker gleich mit ins Spiel. Den für die Hausärzte sei das allein kaum zu leisten, alle Informationen zu eingenommenen Medikamenten zu überblicken. Schmidt: "Und da gibt es Zettel vom Facharzt, den Entlassbrief vom Krankenhaus. Niemand führt das zusammen."

Schmidt knüpft damit an die bereits häufig geäußerte Kritik der ABDA an, dass die Apotheker bei dem Projekt nicht ausreichend eingebunden sind. So ist beim schriftlichen Medikationsplan lediglich vorgesehen, dass in der Apotheke zusätzlich gekaufte Arzneimittel – und nur auf expliziten Wunsch des Patienten – mit erfasst werden.

Spätestens mit Einführung des elektronischen Plans müssen die Apotheker Schmidt zufolge mehr Verantwortung erhalten. Die Apotheken-Software könne die elektronisch aufgelisteten Medikamente auf unerwünschte Wechselwirkungen prüfen. "Notfalls müssen wir da eingreifen", wie Schmidt auf "apotheke adhoc" zitiert.

KBV sieht die Lage entspannter

Seitens der KBV sieht man die Dinge entspannter. „Aus unserer Sicht funktioniert die Ausstellung des Medikationsplans gut“, kommentierte KBV-Sprecher Dr. Roland Stahl die jüngste Wasserstandsmeldung aus dem Apothekerlager. Eine weitergehende Einbindung der Pharmazeuten wird abgelehnt. Stahl: „Der Arzt kennt seinen Patienten am besten. Deshalb ist es auch richtig, dass er den Medikationsplan ausstellt. Der Apotheker kann und soll diesen Plan ergänzen um frei verkäufliche Arzneimittel“. Die Arbeiten zur E-Variante des Medikationsplans würden planmäßig verlaufen. (run/cw)

Der bundeseinheitliche Medikationsplan ist als Teil des E-Health-Gesetzes zum 1. Oktober 2016 in Kraft getreten. Zunächst gibt es ihn in Papierform, mit der Einführung neuer Funktionen der elektronischen Gesundheitskarte 2018/19 soll er dort gespeichert werden.

[08.11.2017, 22:08:20]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Medikationsplan verkommt mehrheitlich zur Generika-Lotterie...
und führt eher zum Medikations-Destabilisations-Management (MDM).

Mittels r e i n e r Wirkstoffverordnung ohne Zuordnung zu einer bestimmten Hersteller- oder Markenfirma wird bewirkt, dass

– ärztliche “(non) aut-idem”-Möglichkeiten systematisch ausgehebelt,
– Patienten durch ständig wechselnde Generika-Ausgaben völlig verunsichert,
– Generika-Quoten ohne geprüfte Indikationen und Galenik gezielt erhöht,
– Verschreiben von teureren Originalpräparaten eingeschränkt bis verhindert,
– freie Apotheken-/Arztwahl durch fixe Kooperation und Beratung einschränkt
werden.
Vgl. auch http://news.doccheck.com/de/191722/rabattvertraege-das-taegliche-generika-lotto/
http://news.doccheck.com/de/133229/arzneimittelrisiken-alles-pille-palle/

Die Generierung eines Mehrwerts für die Arznei­mittel­-Therapie­sicherheit lässt z. B. ARMIN, ein Projekt zur angeblichen Verbesserung der Arzneimittel-Versorgung durch reine Generika Verordnungen, nicht erkennen. Ein als Beispiel gezeigter und publizierter ARMIN-Medikationsplan mit 7 verschiedenen Generika-Präparaten, einem hoffnungslos unterdosierten Antibiotikum Clarithromycin 250 mg (hoffentlich nicht bei einer Virusinfektion) und einem niemals doppelblind bzw. im “head-to-head” Vergleich geprüften Gelomyrtol mit 3×2 Dosierung verwirrt unsere Patientinnen und Patienten nur. Siehe
http://www.aerztezeitung.de/praxis_wirtschaft/rezepte/article/910704/medikationsplan-patient-redet.html

Sieben Wirkstoffverordnungen pro Quartal, morbiditäts- und leitliniengerecht bzw. angeblich evidenzbasiert für unsere GKV-Patienten verordnet, bedeuten je nach Marktlage bis zu a c h t u n d z w a n z i g verschiedene Generika-Verpackungen, -Logos, -Tabletten-Formen und -Farben, -Herstellernamen oder -Reimporte aus EU-Ländern in einem e i n z i g e n Behandlungsjahr.

Damit muss nicht nur der in wenigen Neuen Bundesländern eingeführte ARMIN-Medikationsplan bis zu 28-mal im Jahr um- und neu geschrieben werden, weil jedes mal ein anderer, geheimer Rabattvertrag bei einem zum Wirkstoff passenden Generikum greift bzw. die Hersteller gar nicht immer alles liefern können.

Auf der beratungs- und versorgungs-fernen pharmazeutischen Suche nach tagesaktuellen Medikamenten-Höchstrabatten ist dies nichts weiter als ein “Medikations-Destabilisations-Management” (MDM) mit erhöhten Arzneimittelrisiken durch Verringerung von Compliance und Adhärenz bei unseren Patientinnen und Patienten. Selbst das ewig besserwisserisch-klinikferne und pharmakologisch-theoretisierende Arzneitelegramm (AT) läuft in dieser Sache fehl! Dort formuliert man 2016 völlig unlogisch und unkritisch:
“Fälschlicherweise wird der Akzeptanzbereich für die Bio-Äquivalenz häufig so interpretiert, dass die Bioverfügbarkeit von Generikum und Original sich (im Extremfall) um 45% unterscheiden könnten. Dabei handelt es sich um ein Missverständnis. Da beide erlaubten Schwankungsbereiche nach unten bis auf 80% und nach oben bis auf 125% auf das Original bezogen sind, dessen Bioverfügbarkeit dabei als 100% gesetzt ist, ist es unsinnig, sie zu addieren.” (Zitat Ende) https://www.arznei-telegramm.de/register/C4581OO

Dabei wird von den AT-Autoren irreführend verkannt, dass Patient A mit dem Generikum X und 80% Bioverfügbarkeit sich von Patient B mit dem Generikum Y und 125% Bioverfügbarkeit in der pharmakologische Wirkstärke bzw. klinisch relevanten Performance tatsächlich um 45% unterscheiden müssen. Nur bei 100% Bioverfügbarkeit sind bei Wirksubstanz-identischen, unterschiedlichen Generika wie Originalpräparaten die klinisch-pharmazeutische bzw. pharmakologische Effizienz und Effektivität zu 100% vergleichbar. Nur dann wäre der Medikationsplan richtig gewichtet. Anderes zu behaupten, ist auch der interessengeleiteten wissenschaftlichen Irreführung (“scientific misconduct”) verdächtig.

Medikamente bzw. deren Umverpackungen mit den handschriftlichen Dosierungsempfehlungen aus der Apotheken-Offizin werden vorsorglich nicht eingenommen oder müssen kostentreibend wegen verwirrender Namens- und Hersteller-Vielfalt mehrfach verordnet werden. Doppel- und Mehrfach-Anwendungen sind möglich. Die verwirrenden Medikationspläne landen reihenweise im Haus-Müll...
Wie gut,dass die “Versorgungs-Experten” von Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV), Bundesärztekammer (BÄK) und Deutschem Apothekerverband (DAV) darüber mit den versorgungsnäheren Patienten, Apothekern und Ärzten gar nicht erst wirklich gesprochen haben?
http://www.aerztezeitung.de/praxis_wirtschaft/rezepte/article/910475/medikationsplan-aerzte-apotheker-einigen.html

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

P.S.: Eigentliche Ursache für die bundesweite Notwendigkeit der Pseudo-Innovation eines Medikationsplans ist, dass Kassen-/Vertragsarzt-Rezepte nach Muster 16 schon seit vielen Jahrzehnten dem (unmündigen?) Patienten in der Apotheke abgenommen werden, damit für ihn keinerlei formale und inhaltliche Konrolle gegenüber dem ärztlichen Verordner und dem Herausgeber in der Offizin mehr möglich ist. Rote Kassenrezepte gehören einfach wieder als Dokument in die Hände der Patienten z u r ü c k und n i c h t allein in die Fänge der Abrechnungs-Bürokratie!
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