Ärzte Zeitung online, 15.12.2017

Hartmannbund

Wie die Versorgung sich in Zukunft verändert

Ärzte haben bislang Dr. Google als Patientenflüsterer gefürchtet. Riesige Datenbanken und schnelle Algorithmen könnten ihnen bald weitere ärztliche Aufgaben abnehmen. Diese Experten-Prognose setzt den Hartmannbund unter Druck, seine Positionen in der Berufspolitik zu hinterfragen.

Von Susanne Werner

BERLIN. Unternehmen wie Microsoft, Apple oder Amazon investieren Milliarden in die Gesundheitsforschung. Wenn diese Geschäftsmodelle aufgehen, wären die richtige Diagnose und die passende Therapie in Zukunft vor allem Rechenaufgaben. Die Datenbanken könnten weltweit vernetzt sein und es Algorithmen ermöglichen, die Ursachen von Krankheiten zu "scannen".

Professor Dr. Boris Augurzky vom RWI-Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen sieht die künstliche Intelligenz und die Robotertechnologie als treibende Kräfte für Innovationen in der Medizin. Für ihn sind die Weichen gestellt. "Die Innovationsdichte war noch nie so hoch wie heute, der Veränderungsdruck ist immens, das Umdenken findet bereits statt", sagte er bei der Hauptversammlung des Hartmannbundes in Berlin. Mit seiner Prognose setzte er die versammelte Ärzteschaft auch unter Druck, bisherige Positionen in der Berufspolitik zu hinterfragen.

Anna Constantia auf Demenzstation

Manche Szenarien mögen wie krude Verheißungen daherkommen, andere Entwicklungen haben längst ihren Platz im Hier und Jetzt. Anna Constantia beispielsweise. Der Pflegeroboter ist ein weiterer Prototyp von der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Dresden. Hans-Joachim Böhme, Professor für Künstliche Intelligenz, hatte ihn im Gepäck. In der Praxis wird Anna Constantia bereits als Sitzwache auf Demenzstationen getestet. Da sie sich Gesichter und Namen merken kann, kann sie sofort melden, wenn ein Bewohner nachts durch die Gänge streift.

"Ich passe auf die Patienten auf, damit diese nicht stürzen", antwortet Roboter Anna Constantia auf die Frage nach ihrer Aufgabe. Böhme beteuert, dass sein Dienst nicht die Therapeuten und Fachkräfte ersetzen, sondern deren Arbeit ergänzen werde. Für Augurzky gehört die Debatte um Delegation oder Substitution ärztlicher Leistungen zur Welt von gestern. Dringend nötig aber sei es, das Vergütungssystem neu zu ordnen – zum Beispiel über Pauschalen für Patienten. Wenn dieser Umbau nicht gelinge, würden kluge Innovationen als Insellösungen versauern.

Ärztin kann Zeit besser einteilen

Dr. Irmgard Landgraf, Internistin aus Berlin, ist beispielsweise ihrer Zeit voraus, denn sie nutzt seit Jahren die elektronische Patientenakte. Ihre Hausarztpraxis ist darüber mit einem Pflegeheim vernetzt. Zwei Mal pro Tag wählt sie sich ein und ruft die neuen Informationen ab, die die Pflegekräfte eingegeben haben. "Ich kann schnell das Notwendige verordnen, anstehende Aufgabe delegieren und meine Zeit besser einteilen", sagt sie. Die rund 100 Bewohner des Pflegeheimes betreut sie neben ihrer Hausarztpraxis – zu einem hohen Preis. Die digitale Arbeit macht zwar ihre ärztlichen Leistungen effektiver, aber wird bislang nicht honoriert.

Auf eine umfassende organisatorische Vernetzung setzt auch Dr. Hans-Joachim Helming. Der frühere KV-Vorsitzende in Brandenburg hat im Auftrag der Sana Kliniken ein ambulant-stationäres Zentrum in der ländlichen Uckermark aufgebaut. Rund 30.000 Menschen werden darüber erreicht. Außer dem privaten Klinikbetreiber sind darin die KV, mehrere Krankenkassen sowie Kommunalverwaltungen eingebunden. Angesichts des demografischen Wandels sollen die Versorgungsstrukturen rund um Templin bedarfsorientiert umgebaut werden. Stationäre und ambulante Bereiche sind dazu eng miteinander verzahnt.

"Wir müssen uns fragen, was sinnvoll ist. Das muss die Denke sein. Denn entweder wir gestalten das System oder wir werden gestaltet", mahnte der Vorsitzende des Sachverständigenrats, Professor Dr. Ferdinand M. Gerlach. Schließlich lasse sich am Beispiel Digitalisierung absehen, dass neue Player auf den Markt kommen, die anders über Versorgung denken. Warum sollte das von Amazon entwickelte Audiogerät "Alexa" künftig Menschen nicht auch in Gesundheitsfragen beraten? Wie Augurzky empfahl Gerlach, über ein neues Vergütungssystem nachzudenken. Denkbar sei beispielsweise, alle Leistungen gleich zu bepreisen, egal ob sie ambulant oder stationär erbracht werden. Mit den jetzigen Strukturen jedenfalls, so Gerlach, könne die alternde Baby-BoomerGeneration nicht gut versorgt werden.

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