Ärzte Zeitung online, 19.06.2018

DGIIN

Intensivmediziner wollen spezialisierte Zentren

Um Intensivmedizin richtig gut zu machen, braucht es Menschen, Zeit und Kommunikation, meint die DGIIN mit Blick auf die Personalsituation auf den Stationen.

Von Ilse Schlingensiepen

Intensivmediziner wollen spezialisierte Zentren

Intensivstation: Im internationalen Vergleich hinkt Deutschland bei der personellen Besetzung hinterher.

© obs / BVMed Bundesverband Med

KÖLN. Aufwändige intensivmedizinische Verfahren wie die extrakorporale Membranoxygenierung (ECMO) und andere Organersatzverfahren sollten spezialisierten Zentren vorbehalten bleiben, die Erfahrung damit haben. Dafür spricht sich die Deutsche Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN) aus.

"Man muss es kritisch sehen, wenn diese Therapien zu breit eingesetzt werden", sagte Professor Stefan John, Präsident elect der DGIIN, anlässlich der 50. Gemeinsamen Jahrestagung der DGIIN und der österreichischen Schwestergesellschaft ÖGIAIN in Köln.

Die Indikation für solche Verfahren müsse sehr genau gestellt werden, benötigt würden erfahrene Intensivmediziner und sehr gut ausgebildetes Pflegepersonal. John nannte ein weiteres Argument für die Konzentration an besonders qualifizierten Zentren: "Wir wollen, dass die Verfahren unter wissenschaftlicher Beobachtung eingesetzt werden." Bislang sei die Studienlage noch unklar, die Vorteile von ECMO-Therapien seien nicht eindeutig belegt. "Deshalb ist es wichtig, dass die Patientengruppen definiert werden, die davon profitieren."

Nach Angaben von Professor Christian Karagiannidis vom wissenschaftlichen Beirat der Gesellschaft gibt es in Deutschland drei Einsätze von Lungenersatzverfahren pro 100.000 Patienten im Jahr, im internationalen Durchschnitt ist es nur einer. Die Zahlen würden rasant ansteigen. "Ein extrem schwieriges technisches Verfahren wird immer häufiger bei immer knapper werdendem Personal eingesetzt", charakterisierte Karagiannidis die Situation.

Eigenes Fachgebiet schaffen?

John schätzt, dass mehr Ärzte für die Intensivmedizin gewonnen werden könnten, wenn sie zusammen mit der Notfallmedizin ein eigenes Fachgebiet wäre. "In der Ausbildung fehlt uns der Weg in die eigenständige Intensivmedizin."

Wenn die Kapazitäten nicht reichen und die Intensivstation mit Minimalbesetzung läuft, dann können Sie nicht das optimale Ergebnis erzielen.

Professor Reimer Riessen

DGIIN-Präsident

Die wichtigste Voraussetzung für eine qualitativ hochwertige Notfall- und Intensivmedizin ist die ausreichende Ausstattung mit dafür qualifizierten Ärzten und Pflegekräften, betonte DGIIN-Präsident Professor Reimer Riessen. "Wenn die Kapazitäten nicht reichen und die Intensivstation mit Minimalbesetzung läuft, dann können Sie nicht das optimale Ergebnis erzielen."

Das Ziel, dass auf Intensivstationen pro Schicht eine Pflegekraft pro zwei Patienten präsent ist, werde in Deutschland nicht erreicht, sagte er. In anderen Ländern wie Skandinavien, der Schweiz und zum Teil auch Großbritannien würden die Stationen dagegen mit einem Verhältnis von eins zu eins arbeiten.

Riessen begrüßte den Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses zur gestuften Notfallversorgung. Es komme in großen Teilen den Forderungen der DGIIN nahe. Jetzt sei es wichtig, dass die Leistungen der Kliniken in der Vergütung adäquat abgebildet werden, betonte er. "Der Aufwand muss erfasst werden, das Abrechnungssystem muss weiter optimiert werden."

Intensivstationen sollten immer ein freies Bett zur Verfügung haben, auch wenn die Klinikverwaltungen das häufig anders sähen, sagte Riessen. Wenn bei Ankunft schwerstkranker Patienten erst freie Betten gesucht und andere Patienten verlegt werden müssten, führe das häufig zu schwierigen Situationen. Man verliere wertvolle Zeit, Ärzte seien nur mit Organisationsarbeit beschäftigt.

Intensivmedizin erfordert viel Zeit und Empathie

"Um Intensivmedizin richtig gut zu machen, brauchen wir Menschen, Zeit und Kommunikation", sagte DGIIN-Generalsekretär Professor Uwe Janssens. Der Personalmangel auf den Intensivstationen beeinträchtige nicht nur die medizinische Versorgung, sondern auch die wichtige Betreuung der Angehörigen.

Ein Gespräch mit Angehörigen der Patienten mit lebensbedrohlichen Zuständen dauere oft eine Stunde. "Die Kommunikation ist das A und O, da müssen wir noch besser werden", räumte er ein.

Das Gespräch mit Angehörigen und Patienten sei wichtig, um gemeinsam ein Therapieziel zu formulieren. Für Janssens spielt das Therapieziel auch in der Intensivmedizin eine zentrale Bedeutung. "Es wird aber häufig aus dem Auge verloren." Das könne dazu führen, dass technische Verfahren zur Anwendung kommen, nur weil sie verfügbar sind. "Wir setzen häufig Verfahren ein, ohne das Therapieziel definiert zu haben."

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