Ärzte Zeitung online, 20.12.2018

Forsa-Umfrage / GKV-Spitzenverband

Krankenkassen für mehr Sprechstunden abends und am Samstag

Wie können Patienten schneller und einfacher an Arzttermine kommen? Die Kassen sehen noch einigen Spielraum bei den Öffnungszeiten. Die KBV reagiert verärgert.

Krankenkassen für mehr Sprechstunden abends und am Samstag

Streitpunkt Sprechstundenzeiten: Wie viel Zeit muss ein Arzt seinen Patienten anbieten? Im TSVG ist für Vertagsärzte eine Ausweitung der Mindestsprechstunden auf 25 Stunden vorgesehen. Den Krankenkassen geht das nicht weit genug.

© kamasigns / stock.adobe.com

BERLIN. Kurz vor Weihnachten holt der GKV-Spitzenverband noch einmal gegen die niedergelassenen Ärzte aus. Deutlich mehr Arztpraxen sollten aus dessen Sicht auch am frühen Abend und samstags für die Patienten da sein. „Krankheiten richten sich nicht nach den Lieblingsöffnungszeiten der niedergelassenen Ärzte“, äußerte sich der Vize-Vorstandsvorsitzende des GKV-Spitzenverbands, Johann-Magnus von Stackelberg, gegenüber der Deutschen Presse-Agentur.

Und er setzt nach: Die viele Arbeit außerhalb der traditionellen Kernzeiten dürfe nicht an wenigen Ärzten hängen bleiben, die etwa schon samstags da seien. Auch Mittwoch und Freitag habe am Nachmittag der Großteil der Praxen geschlossen, abends und am Wochenende sowieso. „Kein Wunder, dass immer mehr Menschen in die Notaufnahmen der Krankenhäuser gehen“, so die provokante These des GKV-Vizevorsitzenden. Die Kassenärztlichen Vereinigungen müssten daher für patientenfreundlichere Sprechzeiten sorgen.

Forsa-Umfrage zu Sprechstundenzeiten

Stackelberg bezieht sich mit seinen Aussagen auf eine Umfrage im Auftrag des Kassen-Verbands. Befragt wurden darin 1400 niedergelassene Hausärzte, Kinderärzte sowie Augenärzte, Orthopäden, Gynäkologen und HNO-Ärzte vom Institut Forsa im Spätsommer 2018.

Danach haben zum Beispiel mittwochs zwischen 14.00 und 17.00 Uhr 20 Prozent der Praxen Sprechstunden, freitags unter 20 Prozent. Sprechstunden nach 18.00 Uhr bieten demnach montags, dienstags und donnerstags mehr als die Hälfte der Praxen an. Nach 19.00 Uhr sind es dann weniger (Montag 9 Prozent, Dienstag 10 Prozent, Donnerstag 12 Prozent). Samstags bieten laut der Umfrage ein bis zwei Prozent der Praxen zwischen 8.00 und 13.00 Sprechstunden an.

Dem Vorbild der rund zehn Prozent an Praxen, die zumindest von 19.00 bis 20.00 Uhr Sprechstunden anböten, sollten viele Ärzte folgen, fordert von Stackelberg.

Keine Privatpatienten in offizieller Sprechstunde?

Die Kassen mahnen zudem, wenn Ärzte nur die Mindestzahl von derzeit 20 Sprechstunden pro Woche anbieten, dürften sie in dieser Zeit keine Privatpatienten behandeln und keine Privatleistungen verkaufen. „Für private Zusatzgeschäfte müssen zusätzliche Termine und Sprechstunden angeboten werden“, so von Stackelberg.

Erst vor kurzen hatte er geäußert, die Mindestsprechstundenzahl von 20 auf 25 Wochenstunden zu erhöhen, sei „absolut richtig und notwendig“. Allerdings biete jeder vierte Vertragsarzt laut Forsa-Umfrage weniger als 25 Stunden Sprechzeit pro Woche an. Unter anderen diese Ausweitung sieht bekanntlich das Gesetzespaket des TSVG vor.

Die KBV hatte die Zahlen zu den Sprechstundenzeiten bereits direkt nach Bekanntwerden als „Fake news“ zurückgewiesen. Sprechstundenzeiten dürften nicht mit Behandlungszeiten für Patienten gleichgesetzt werden. Das Zi weise hier andere Zahlen auf.

Stärkere Sprechstunden-Regulierung gefordert – KBV sauer

Stackelbergs Forderungen gehen nun noch weiter. Damit es wirklich genug Sprechstunden gebe, müsse zudem stärker vorgegeben werden, was in diesem Rahmen möglich ist und was nicht. Er kritisiert: Manchmal gebe es nur auf dem Papier genug Ärzte – etwa wenn Augenärzte operieren und so für einfache Erkrankungen oder Routineuntersuchungen keine Zeit haben.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung reagiert prompt – und wenig begeistert. „Der GKV-Spitzenverband hat vor einigen Tagen eine sogenannte Studie veröffentlicht, die wir bereits als fake news bezeichnet haben. Das ändert sich auch nicht dadurch, dass diese nunmehr wiederholt wird“, so der KBV-VorstandsvorsitzendeDr.Andreas Gassen auf Anfrage der "Ärzte Zeitung". Die Aussagen des GKV-Spitzenverbands seien ein Schlag ins Gesicht der niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen und zeugten von der Ferne von Krankenkassenfunktionären zur Versorgung von Patienten.

Gassen verweist darauf, dass die Niedergelassenen 52 Wochenstunden im Schnitt arbeiteten und häufig viel mehr Sprechstunden leisteten als sie müssten. Vereinbart seien mit dem GKV-Spitzenverband mindestens 20 Wochenstunden. Zu den Zeiten, an denen die Praxen geschlossen sind, gebe es den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter der Nummer 116117.

„Es ist also Unsinn, zu behaupten, zu wenige Samstagssprechstunden seien der Grund dafür, dass Menschen in die Notaufnahmen gingen“, so Gassen und feuert seinerseits auf die Krankenkassen und ihre Verweigerung einer adäquate Finanzierung. „Sie geben ein unendliches Leistungsversprechen ab und vergüten aber im Schnitt fast 15 Prozent der Leistungen nicht. Das darf nicht so weitergehen. Wir müssen endlich den Weg der Entbudgetierung beschreiten und dabei mit den Grundleistungen anfangen. Bei der ständigen Zechprellerei jetzt noch eine Serviceangebotserweiterung zu fordern, ist einfach nur dreist und frech.“

Auch BÄK kritisiert Realitätsferne

Ähnliche reagiert Bundesärztekammer-Präsident Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery zu den GKV-Äußerungen: „Die Kassenfunktionäre sollten sich dringend aus ihren Verwaltungsgebäuden heraus bemühen und einen Blick in die Praxen der niedergelassenen Ärzte werfen. Die Kollegen arbeiten am Limit und oftmals darüber hinaus. Das wissen unsere Patienten und das sollte auch ein Herr von Stackelberg wissen, wenn er sich denn wirklich für konstruktive Lösungen für die ambulante Versorgung interessieren würde.“ Statt Polemik seien vielmehr praxistaugliche Reformen erforderlich.

Montgomery fordert: „Wer Versorgungsengpässe vermeiden will, sollte sich für mehr ärztlichen Nachwuchs und attraktive Arbeitsbedingungen einsetzen. Dazu gehört auch das Ende der Budgetierung von Gesundheitsleistungen.“  (run/af/dpa)

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Terminservice-Gesetz: Ring frei für Spahns Großreform

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Stichelei des GKV-Spitzenverbands

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[21.12.2018, 13:08:03]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Wie kann man nur so mit uns Vertragsärztinnen und Vertragsärzten bzw. -Psychotherapeuten umspringen?
Das Vorstands-Personal des Spitzenverbandes Bund (SpiBu) der Gesetzlichen Krankenkassen gibt sich im Bereich der ambulanten vertragsärztlichen Versorgung in Deutschland Medizin-, Betriebswirtschafts- und Versorgungs-fremd.
https://www.gkv-spitzenverband.de/gkv_spitzenverband/der_verband/wir_ueber_uns.jsp

- Dr. Doris Pfeiffer (Vorstandsvorsitzende), Volks­wirt­schafts­lehre Uni Köln, Penn­syl­vania State Univer­sity PA/USA, MPH: Ihr Vorstandsbereich umfasst die Abteilungen Systemfragen, Telematik/IT-Management und Medizin sowie die Stabsbereiche Politik, Kommunikation, Selbstverwaltung und Justiziariat.

- Johann-Magnus Frhr. v. Stackelberg (Stellvertretender Vorstandsvorsitzender), Betriebswirtschaft (Uni Köln), WiDO, AOK-Bundesverband: Sein Vorstandsbereich umfasst den Stabsbereich Vertragsanalyse sowie die Abteilungen Ambulante Versorgung, Krankenhäuser und Arznei- und Heilmittel.

- Gernot Kiefer (Vorstand), Sozi­al­wis­sen­schaften Uni Göttingen, Sozi­al­recht, Sozi­al­po­litik, Volks­wirt­schafts­lehre, IT: Sein Vorstandsbereich umfasst die Abteilungen Gesundheit, Zentrale Dienste und die DVKA.
Bearbeitet nach https://www.gkv-spitzenverband.de/gkv_spitzenverband/der_verband/vorstand/der_vorstand.jsp

Zugleich sitzten die Gesetzlichen Krankenkassen der GKV zusammen mit den Rücklagen des Gesundheitsfonds derzeit auf 30 Milliarden(!) Euro Kapitalreserven.
https://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/pflege/article/977617/gkv-zahlen-2018-kassenpolster-waechst-waechst.html

Bei diesem geballten Wissen und Macht sind jedoch Verständnis, Kenntnisse und Empathie(?) für vertragsärztliche, -psychotherapeutische Gegebenheiten, sozio-ökonomischer Status, Professionalität, Arbeits- und Lebensbedingungen in Theorie und Praxis Mangelware. Zugleich genießen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Gesetzlichen Krankenkassen als Sozialversicherungs-Fachangestellte eine tariflich vereinbarte 39-Stunden-Woche mit 5 Tagen Arbeitszeit.

Und dann sollen etwa Forderungen nach grenzenloser Mehrarbeit Abends und am Wochenende bei den freiberuflich tätigen ca. 172.000 Vertragsärzten und -Vertragspsychotherapeuten zur Sicherstellung der ambulanten ärztlichen/psychotherapeutischen Versorgung nicht deren "Sozialverträgliches Frühableben" befördern? Damit die Krankenkassen der GKV Mittel, Material und Menschen "einsparen" können?

Meine wöchentliche Gesamt-Arbeitszeit liegt bei 35 offiziellen Wochensprechstunden-Zeiten plus deren Vor- und Nachlauf inklusive einer Sprechstunde Donnerstags von 11 bis 20 Uhr seit Praxisgründung als Haus- und Familienarzt bzw. Facharzt für Allgemeinmedizin 1992 in der Dortmunder City schon immer bei deutlich über 50 Stunden pro Woche. Die Mittwochs-Hausbesuchs-Tour geht wie gestern oft bis 15 Uhr und fließt in diese Berechnungen extra nicht mit ein, weil es auch mal ruhigere Tage gibt.

Und dann, mit Verlaub, kommt auch ein alternder, studierter Betriebswirtschaftler her, um mir meine Betriebsorganisation, in der selbstverständlich Privat- und Kassenpatienten gleich behandelt werden, umzukrempeln? Vielleicht noch mit Extra-Eingang, Extra-Wartezimmer und Extra-Zeiten? Wieviel weitere Privilegien hätten's denn gern, Freiherr von Stackelberg?

Ganz ehrlich, der gesamte SpiBu-Vorstand kann doch froh sein, dass wir diese ganze Kärrnerarbeit überhaupt noch machen und Ihm das nicht alles vor die Füße werfen. Stattdessen wird konfabuliert: "Krankheiten richteten sich nicht nach Lieblingsöffnungszeiten", offensichtlich ohne über den geregelten ambulanten vertragsärztlichen Notdienst (ZND) an 365 Tagen im Jahr informiert zu sein? Und kommt da bloß nicht nochmal mit Trennung von Kasse und Privat im ZND. Das hätte uns gerade noch gefehlt!

Unterdessen schlage ich vor, dass alle Kolleginnen und ich Ihnen ein persönliches Foto unserer Praxisschilder per E-Mail schicken an: 
kontakt@gkv-spitzenverband.de

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
 zum Beitrag »
[20.12.2018, 17:11:10]
Dr.med. Henning Fischer 
ist doch alles kein Problem: statt 62% ab jetzt 100% bezahlen und für Samstag 50% Aufschlag

und die Sache läuft!

mit 40% Zwangsrabatt wird das nichts. Und der Nachwuchs sieht, wie Kassen und Politik mit uns umgehen (und bleibt fern)
 zum Beitrag »
[20.12.2018, 13:32:08]
karen hendrix 
längere Öffnungszeiten - mehr Arbeit
Natürlich nach der GOÄ von 1996. Herr von Stackelberg in Ehren, aber ich kann mir nicht vorstellen, auf Geheiß der Krankenkassen unter den derzeitigen Bedingungen auch noch abends und an den Wochenenden zu arbeiten. Da gibt es den Hausärztlichen Notdienst mit Praxis für. Ich bin mir auch nicht sicher, daß die immer weiter ausufernden Ansprüche der GKV dazu beitragen werden, den Ärztemangel gerade im ländlichen Raum zu beheben. Ich bin wirklich gerne Arzt, aber es muß weder in einer Praxis noch in D sein.  zum Beitrag »
[20.12.2018, 12:04:47]
Jutta Schewe-Zimmermann 
Realitätsferne Unverschämtheit
Ich bin froh, daß ich nach Facharztausbildung mit reichlich familienfeindlichen Arbeitszeiten endlich in der Praxis bin, so lange meine Kinder mich noch brauchen, werde ich keine abendliche Sprechstunde anbieten. Die Durchschnittspatientin kommt ein bis zweimal im Jahr, die kann das notfalls mit Urlaubstag passend machen, ich kann das, aktuell zumindest, nicht täglich oder wöchentlich leisten. Sollen doch die Krankenkassenfunktionäre erst mal abendliche Sprechzeiten anbieten....
Auch Ärzte sind Menschen und haben Recht auf ein Familienleben ! zum Beitrag »

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