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practica Bad Orb

Primärarztsystem verpflichtend oder freiwillig?

Das berufspolitische Oktoberfest bei der practica in Bad Orb ist Tradition. Hoch her ging es auch dieses Jahr. Im Fokus: die Ausgestaltung eines Primärarztsystems. Mit einer überraschend kontroversen Debatte.

Raimund SchmidVon Raimund Schmid Veröffentlicht: | aktualisiert:
Medizin nicht im Gleichgewicht? Die Versorgung sei viel zu „diagnose- und apparatezentriert“ und zu wenig „auf den ganzen Menschen“ ausgerichtets, so die Kritik des DEGAM-Präsidenten Prof. Martin Scherer.

Medizin nicht im Gleichgewicht? Die Versorgung sei viel zu „diagnose- und apparatezentriert“ und zu wenig „auf den ganzen Menschen“ ausgerichtets, so die Kritik des DEGAM-Präsidenten Prof. Martin Scherer.

© [M] P. Atkins | lassedesignen / fotolia.com

Bad Orb. Die Stimmen in der Allgemeinmedizin nach Einführung eines Primärarztsystems werden lauter.

Unter den Hausärzten ist aber umstritten, ob ein solches verbindlich eingeführt oder auf freiwilliger Basis weiterentwickelt werden sollte, wie bei der Fortbildungsveranstaltung practica in Bad Orb deutlich wurde.

Beim traditionellen berufspolitischen Oktoberfest war daraufhin zwischen Vertretern des Deutschen Hausärzteverbands und der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin (DEGAM) eine kontroverse Debatte entbrannt.

Der neue DEGAM-Präsident Professor Martin Scherer warb in Bad Orb für ein verpflichtendes oder zumindest ein verbindlicheres Primärarztsystem, als es die derzeitige freiwillige hausarztzentrierten Versorgung (HzV) vorsieht.

Auf deutlichen Widerspruch traf er damit beim Chef des Deutschen Hausärzteverbands Ulrich Weigeldt. Auch Scherers Vorgängerin Professor Erika Baum hatte sich zuletzt in der „Ärzte Zeitung“ für ein flächendeckendes Primärarztsystem ausgesprochen. Ebenso wie der Vorstand der KBV.

„Mehr Macht und Handlungsspielräume“ gefordert

Scherer sagte, Hausärzte benötigten schlichtweg „mehr Macht und Handlungsspielräume“, um ihrer Steuerungs- und Koordinierungsfunktion besser gerecht werden zu können. Derzeit biete das System dem Patienten „vom Falschen zu viel und vom Richtigen zu wenig“. Die Versorgung sei zu diagnose- und apparatezentriert und zu wenig „auf den ganzen Menschen“ ausgerichtet. Dies führe zur Unter- und Überversorgung von Patienten.

Viele, insbesondere junge Allgemeinmediziner pflichteten Scherer in Bad Orb bei. Dr. Leonor Heinz, seit kurzem Facharzt für Allgemeinmedizin, berichtete über ihre ersten „frustrierenden“ Erfahrungen, als Hausärztin nicht ihre Kompetenzen einbringen zu können, weil Patienten etwa mit unspezifischen Rückenschmerzen lieber zum Orthopäden gingen und dann rasch in die apparativen Mühlen der gebietsärztlichen Medizin gerieten. Im derzeitigen System könne sie dies nicht verhindern, beklagte sie.

Für Hausärzteverbandschef Weigeldt wäre ein verpflichtendes Primärarztsystem hingegen nicht die Lösung des Problems. Er nannte es „politischen Selbstmord“, zu viele Schritte auf einmal machen zu wollen und die politischen Realitäten aus dem Blick zu verlieren.

Er plädierte dafür, die HzV als freiwilliges Primärarztsystem weiter behutsam auszubauen. Allerdings werde man sich gemeinsam mit der DEGAM „vehement“ gegen Versuche wehren, die HzV ins KV-System zu überführen. Weigeldt: „Die HzV kann es nur von uns mit uns geben.“

Derweil forderte am Freitag auch der NAV-Virchowbund mit Blick auf die Terminservicestellen ein System, das „Patienten schnell und treffsicher in den erforderlichen Versorgungsbereich lotst“.

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