Ärzte Zeitung, 16.04.2013

Großbritannien

Ärzte trauen ihrer Klinik nicht

LONDON. Jeder zweite Londoner Facharzt traut offenbar seinem eigenen Krankenhaus nicht, im Notfall einen Angehörigen medizinisch oder pflegerisch kompetent versorgen zu können.

Das geht aus Umfragen bei Kliniken in der britischen Hauptstadt hervor. Gesundheitspolitiker und Patienten reagierten entsetzt auf die Umfrageergebnisse.

Dutzende Londoner Kliniken des staatlichen Gesundheitsdienstes (National Health Service, NHS) befragten die bei ihnen arbeitenden Ärzte, Krankenschwestern und -pfleger nach ihrer Meinung, wie gut oder schlecht die fachärztliche Versorgung auf den Stationen sei.

In vielen Kliniken würden demnach weniger als die Hälfte aller Ärzte einen Familienangehörigen in die Obhut des eigenen Krankenhauses geben.

Die Zahlen: 53 Prozent des Medizinpersonals im Redbridge University Hospital Trust und im South London Healthcare Trust gaben zu Protokoll, im Krankheitsfall einen Angehörigen "lieber nicht" ins eigene Krankenhaus zu schicken.

Selbst große Universitätskliniken in London leiden unter extrem schlechtem Ansehen. Im North Middlesex University Hospital Trust sieht zum Beispiel jeder zweite Facharzt die Versorgung im eigenen Haus mit großer Skepsis.

Bettenabbau und abgesagte Operationen

Fachärztliche Berufsorganisationen und Patientenverbände sprachen von einem "Armutszeugnis" für die staatliche Gesundheitsversorgung.

"Wenn selbst die Ärzte den eigenen Kliniken nicht mehr vertrauen, dann ist das ein ganz schlechtes Zeichen", sagte eine Sprecherin des britischen Ärztebundes (British Medical Association, BMA) der "Ärzte Zeitung".

Die Patient Association (PA) forderte, die Zahlen ernst zu nehmen und mehr zu unternehmen, um die Krise im staatlichen stationären Sektor zu beheben.

Berufsorganisationen wie auch Patientenverbände sehen einen direkten Zusammenhang zwischen den Rationierungen von Gesundheitsleistungen als Folge der Finanz- und Wirtschaftskrise und der schlechten fachärztlichen Moral.

Zwar behauptet die Regierung unter Premierminister David Cameron, dass der Gesundheitsetat von den Sparmaßnahmen im öffentlichen Sektor nicht betroffen sei. Experten bestreiten dies.

Anekdotische Hinweise deuten auf eine Verknappung der Kapazitäten, Bettenstilllegungen und abgesagte Operationen hin. (ast)

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