Ärzte Zeitung, 23.01.2015

Folter-Opfer

Wo Betroffene das Schweigen brechen

25 psychosoziale Behandlungszentren für Folteropfer gibt es in Deutschland, eines davon in Berlin. Die Zahl der dortigen Patienten steigt mit jedem Jahr.

BERLIN. Es sind immer mehr Patienten, die Woche für Woche das Berliner Zentrum für Folteropfer (bzfo) aufsuchen.

Sie kommen aus Syrien, dem Irak, Afghanistan, Libyen oder Somalia - und haben allesamt eines gemeinsam: Sie alle sind Opfer von körperlicher oder psychischer Folter geworden, sei es durch Schlafentzug, Lärm oder Androhungen von Gewalt.

"Wir haben zehn Mal so viele Anfragen wie Plätze", berichtet Dr. Mechthild Wenk-Ansohn.

Wenk-Ansohn ist Fachärztin für Allgemeinmedizin und Psychotherapie. Sie leitet die ambulanten Abteilungen am bzfo. Jedes Jahr nimmt das Zentrum an die 500 Patienten auf. Viele von ihnen bleiben mehrere Jahre.

"Nur ein Tropfen auf heißem Stein"

Amnesty macht weltweit gegen Folter mobil

Seit Mai 2014 versucht Amnesty International, mit einer neuen Aktion Menschen in mehr als 50 Ländern für den Kampf gegen die Folter zu mobilisieren. Anlass für die vierte globale Kampagne gegen Folter ist der 30. Jahrestag der UN-Antifolterkonvention. Diese haben zwar 156 Staaten weltweit ratifiziert. Dennoch wird nach Angaben der Menschenrechtsorganisation in 79 dieser Staaten gefoltert oder misshandelt. Durch effektive Maßnahmen zur Prävention von Folter – beispielsweise den Zugang der Gefangenen zu Anwälten oder Ärzten – müssten die Staaten die Schieflage beheben, fordert Amnesty. Das Recht auf medizinische Behandlung zu jedem Zeitpunkt im Strafverfahren zählt zu den direkten Schutzmechanismen im Kampf gegen die Folter. Auch in Deutschland muss mehr gegen Folter getan werden, fordert die deutsche Sektion von Amnesty International. Die Bundesregierung setzt sich der Organisation zufolge nicht ausreichend gegen die weltweite Verbreitung von Folter ein. Außerdem ist nach Ansicht von Selmin Caliskan, der Generalsekretärin von Amnesty International in Deutschland, die Nationale Stelle zur Verhütung von Folter, die deutsche Hafteinrichtungen überprüfen soll, unterfinanziert und werde nicht in einem Verfahren besetzt, das die Unabhängigkeit der Stelle sicherstellt. Auch die Behandlungszentren für Folteropfer seien unterfinanziert. Am 26. Juni findet bundesweit der Tag zur Unterstützung von Folteropfern statt. Mehr Informationen unter www.stopfolter.de. (mam)

Ein Team aus Ärzten, psychologischen Psychotherapeuten, Sozialarbeitern und Körpertherapeuten versucht, das Unmögliche möglich zu machen. Es versucht, mit den Opfern über ihre Erlebnisse zu reden und den posttraumatischen Belastungsstörungen Herr zu werden.

Dabei, sagt Wenk-Ansohn, "sind wir nur ein Tropfen auf dem heißen Stein".

Dr. Ernst-Ludwig Iskenius hat das Behandlungszentrum für Folteropfer in Villingen-Schwenningen gegründet und aufgebaut. Wie Wenk-Ansohn kennt er die Abläufe in den Zentren. Die meisten Opfer werden an der einen oder anderen Stelle auffällig.

Häufig sind es Sozialarbeiter, die ihnen den Gang zu den Behandlungszentren nahe legen. An den Zentren erfolgt zunächst eine Art Begutachtung durch einen Arzt.

Aufgrund ihrer traumatischen Erfahrungen leiden die Patienten an vielfältigen Symptomen, beispielsweise an chronischen Schmerzzuständen, unkontrollierbaren Erinnerungen, an Schlafstörungen mit Alpträumen, psychosomatischen Beschwerden sowie schweren Depressionen.

Der Arzt legt letztlich fest, wie lange ein Patient am Zentrum bleiben muss und wie vor Ort vorgegangen werden soll. Die genaue Diagnostik kann nur unter der Anwesenheit eines Dolmetschers erfolgen.

Anschließend formuliert der Arzt eine Stellungnahme zu den eventuell bestehenden oder möglichen psychischen Folterfolgen. Diese können die Patienten über ihre Rechtsanwälte in ihr Asylklageverfahren einbringen.

Es können aber auch Stellungnahmen zu Fragen nach eventuell bestehenden, gesundheitlich bedingten Abschiebungshindernissen sein. Denkbar sind auch Atteste der Ärzte für soziale Belange.

Viele haben Selbstmordgedanken

Viele der Patienten, berichtet Wenk-Ansohn vom bzfo, haben Selbstmordgedanken. "Die Kette von Traumatisierungen, die sie erfahren mussten, ist lang", sagt die Ärztin. Dabei handelt es sich nicht nur um Erfahrungen von Gewalt und Folter im Herkunftsland.

Auch auf der Flucht erleben viele Opfer Traumatisches. Das Team am bzfo fühle sich häufig belastet, berichtet die Ärztin, vor allem, weil die personellen und finanziellen Ressourcen am Zentrum für die Masse an Menschen und Bedürfnissen nicht wirklich ausreichen.

Wünschenswert fänden Wenk-Ansohn und Iskenius, wenn sich der Zugang zum Gesundheitswesen für Folteropfer verbessern würde.

Dazu gehört für die Traumaexperten auch, dass mehr Ärzte im Bereich der Begutachtung von Traumafolgen und Traumatherapie fortgebildet sind.

Darüber hinaus müsste es mehr Dolmetscherpools für die Arbeit im Gesundheitswesen geben, auf die vor allem niedergelassene Ärzte bei Bedarf zurückgreifen können. Wenk-Ansohn zufolge steigt die Zahl der Opfer, die aus Krisengebieten kommen, stetig.

Noch gibt es keine konkreten Angaben darüber, wie viele der Menschen, die als Flüchtlinge nach Deutschland kommen, in ihrer Heimat Opfer von Folter wurden.

Insgesamt ist in Statistiken die Rede von rund 8000 traumatisierten Flüchtlingen. "Die Dunkelziffer ist allerdings hoch", glaubt Wenk-Ansohn. (mam)

Informationen zu den Behandlungszentren für Folteropfer gibt es unter www.baff-zentren.org oder www.bzfo.de

Lesen Sie dazu auch:
Folter-Opfer: Sensibilität von Ärzten ist gefragt

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