Ärzte Zeitung online, 22.06.2018

Großbritannien

Klinikskandal schockiert die Briten

Eine Allgemeinmedizinerin soll Schuld am Tod hunderter Patienten sein. Der Skandal kam erst zu spät hoch – erste Rufe nach einer Reform der ärztlichen Selbstverwaltung werden laut.

Von Arndt Striegler

Klinikskandal schockiert die Briten

James Jones, früherer Bischof von Liverpool, hat die Untersuchungskommission geleitet, die zahlreiche Todesfälle im Gosport War Memorial Hospital in der südenglischen Grafschaft Hampshire untersucht hat.

© Dominic Lipinski/ dpa

LONDON. Es ist der schockierendste und schlimmste Skandal in der Geschichte des staatlichen britischen Gesundheitsdienstes (National Health Service, NHS). Mindestens 465 Patienten eines staatlichen Krankenhauses wurden vermutlich ausgerechnet von denen, die ihnen eigentlich hätten helfen sollen, umgebracht. Wobei Experten von einer noch höheren Dunkelziffer ausgehen.

Kurz nachdem der Untersuchungsausschuss in die skandalösen Vorgänge im südenglischen Gosport War Memorial Hospital jetzt seinen Bericht vorlegte, haben ärztliche Selbstverwaltung, Berufs- und Patientenverbände und die Polizei mit der Spurensuche begonnen. Und stellen sich die Frage: wie konnte so etwas passieren? Und welche Lehren auch für die ärztliche Selbstverwaltung sollten gezogen werden?

Erinnerung an Dr. Shipman

Was noch schlimmer ist: Großbritannien und sein staatlicher Gesundheitsdienst sollten eigentlich Erfahrung haben, wie derartige Vorfälle wie jetzt in Gosport Park verhindert werden können.

Erst vor wenigen Jahren wurden der englische Hausarzt und Massenmörder Dr. Harold Shipman überführt und verurteilt, weil er mehr als 200 Patienten in seiner Hausarztpraxis in einem Vorort von Manchester durch falsch dosierte Opiate absichtlich und vorsätzlich in den Tod spritzte.

Jetzt fragen sich Ärzte und Gesundheitspolitiker in Großbritannien, wie es möglich ist, dass nach Shipman eine ebenfalls als Allgemeinmedizinerin ausgebildete Medizinerin, Dr. Jane B. offenbar jahrzehntelang ungehindert ihr Unwesen treiben konnte und damit vermutlich maßgeblich Mitschuld trägt am vorzeitigen Tod hunderter Patienten. Die Aufsichtsbehörden, die über den NHS wachen, haben hier ebenso versagt wie die örtliche Klinikverwaltung und die Gesundheitspolitiker.

Bereits vor rund 30 (!) Jahren hatten besorgte Angehörige von mysteriös und unerwartet verstorbenen Patienten in Gosport Park auf die hohe Mortatlität in der Klinik hingewiesen. Immer wieder wurden die Angehörigen entweder als "Troublemaker" abgewimmelt, oder ihre Vermutungen und Aussagen wurden von den verantwortlichen im NHS nicht ernst genommen.

"Im NHS herrscht nach wie vor eine Kultur des ‚Doctor knows best‘‘‘, so ein Londoner Klinikarzt zur "Ärzte Zeitung". Seinen Namen möchte der Mediziner lieber nicht in der Zeitung lesen – zu groß die Angst, von Kollegen als "Nestbeschmutzer" oder gar "Verräter" gebrandmarkt zu werden...

Old Boys Network

Genau da liegt das Problem, meinen Experten. Noch immer herrsche im NHS ein Old Boys Network, welches nach dem Prinzip operiere: eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus....Die jetzt des hundertfachen Mordes verdächtigte Ärztin wurde 2010 vom General Medical Council, dem wichtigsten Organ der ärztlichen Selbstverwaltung in Großbritannien, untersucht und befragt.

Der GMC hat das Recht (und die Pflicht), unseriöse Ärzte mit einem Berufsverbot zu belegen beziehungsweise ihre Zulassung ganz zu revidieren. Die Tatsache, dass dies im Fall der Dr. Jane B. nicht geschah, zeigt nach Ansicht von Beobachtern, wie unfähig die ärztliche Selbstverwaltung im Königreich tatsächlich ist.

Kurz nach der GMC-Anhörung verließ Dr. B. das Krankenhaus und beinahe über Nacht ging die Mortalität deutlich zurück.

"Wir müssen daraus lernen"

Erste Rufe seitens nicht nur der Gesundheitspolitik werden laut, die eine umfassende Reform sowohl des GMC als auch der Selbstaufsicht im britischen Medizinbetrieb fordern. Und diese Forderungen werden mit jedem Tag lauter, an dem neue, schockierende Details über das Gosport War Memorial Hospital bekannt werden.

"Wir müssen daraus lernen", so der britische Gesundheitsminister, Jeremy Hunt, kürzlich vor dem britischen Unterhaus. So schwerwiegend sind die Vorwürfe, dass sich der Minister genötigt sah, im Parlament öffentlich die Angehörigen der ermordeten Patienten um Verzeihung zu bitten.

Inzwischen hat die Kriminalpolizei die Ermittlungen aufgenommen. Wobei die Spurensuche schwierig und kompliziert werden dürfte. Und innerhalb der tief geschockten britischen Ärzteschaft hat bereits eine Diskussion darüber begonnen, wie ein derartiger Skandal zukünftig verhindert werden kann.

Wobei sich Experten bereits in einem Punkt einig sind: es darf nicht wieder 30 Jahre dauern, bis ein derartiger Skandal aufgedeckt wird. "Wir müssen lernen, Patienten besser zuzuhören und schnell zu handeln, sollte es berechtigten Grund zur Sorge geben", so eine Sprecherin des größten britischen ärztlichen Berufsverbandes (British Medical Association, BMA).

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