Ärzte Zeitung online, 18.07.2018

Großbritannien

Bedenkliche Wege, um freie Klinikbetten zu schaffen

Viele Krankenhausbetten in Großbritannien werden von Patienten belegt, die auch ambulant versorgt werden könnten.

LONDON. Dass die Krankenhausbetten in Großbritannien oft knapp sind, ist nichts Neues. Neu ist aber, wie britische Klinikleitungen versuchen, mehr Kapazitäten auf den überfüllten Stationen frei zu schaufeln: Angehörige von Patienten werden angeleitet, wie man zu Hause Injektionen setzt oder Wundverbände wechselt. Ziel: Patienten früher entlassen zu können.

Eines der größten Probleme im staatlichen britischen Gesundheitsdienst NHS (National Health Service) ist das sogenannte Bed Blocking. Patienten, die eigentlich fit genug wären, entlassen zu werden, können nicht entlassen werden, weil es an ambulant-medizinischen oder sozialen Angeboten fehlt.

Das Londoner Gesundheitsministerium geht davon aus, dass monatlich "zwischen 150.000 und 200.000" Nächte in Klinikbetten nur deshalb belegt sind, weil die Patienten zu Hause nicht ordentlich versorgt werden können.

Um das Problem zumindest etwas zu lindern, sind jetzt zahlreiche Kliniken vom Gesundheitsministerium ermutigt worden, Angehörige von Patienten anzuleiten, bestimmte Versorgungsmaßnahmen selbst zu Hause auszuführen. Dazu gehören das Injizieren von Arzneimitteln, was nicht nur britische Ärzte sorgt.

Doch in bestimmten Landesgegenden wie der Grafschaft Leicestershire kommt das wohl inzwischen regelmäßig vor, wie jüngst die Londoner Tageszeitung "Times" berichtete.

BMA kritisiert Praxis

"Das ist grotesk und garantiert der falsche Ansatz", kritisiert der größte britische Ärzteverband BMA (British Medical Association). Und: "Wir brauchen mehr Betten und bessere ambulante Versorgungsangebote." Dafür freilich fehlen in Zeiten des Brexit offenbar die nötigen Etatmittel.

Besonders die ambulanten sozialen Dienste sind teilweise desolat, wie britische Medien immer wieder berichten. Das Problem ist zum einen eine chronische Unterfinanzierung und zum anderen steigende Nachfrage.

Ein Besuch der "Ärzte Zeitung" im Londoner St. Thomas Hospital ergab, dass auf einer Station rund jedes dritte Bett nicht von ernstlich Kranken belegt war, sondern von Patienten, für die in sozialen Einrichtungen kein Platz gefunden werden konnte.

Dazu sagt Vicky McDermott von der Organisation "Care and Support Alliance": "Das ist ein Teufelskreis. Krankenhauspatienten können nicht entlassen werden und blockieren dringend benötigte Betten, weil für sie die ambulanten Versorgungsangebote fehlen. Und es gibt Patienten, die mangels sozialer Unterstützung leiden und krank werden und dann oft auch im Krankenhaus enden." (ast)

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