Ärzte Zeitung online, 10.11.2016
 

Nach Trumps Wahlsieg

Gesundheitsbranche in Sorge

Donald Trump wird der 45. Präsident der USA – Seine angekündigte Abschottung des US-Markts könnte auch deutsche Unternehmen treffen: 1,5 Millionen Arbeitsplätze hängen laut ifo am US-Markt. Was wird sich ändern?

Von Matthias Wallenfels, Christoph Winnat und Jana Kötter

Gesundheitsbranche in Sorge

Zäsur für die deutsch-amerikanischen Wirtschaftsbeziehungen? Donald Trump nach dem Wahlsieg.

© Cordon Press / dpa

NEU-ISENBURG. Nach dem Wahlsieg von Donald Trump sind Wirtschaftsexperten, Politikbeobachter und Wissenschaftler in Sorge. "Trump wird der erste Anti-Wissenschafts-Präsident", zitiert das internationale Wissenschaftsmagazin "Nature" Michael Lubell von der American Physical Society in Washington DC.

Die Konsequenzen sind ihm zufolge "sehr, sehr ernst". So habe Trump im Wahlkampf zwar wenig über die Rahmenbedingungen für biomedizinische Forschung gesagt, vergangenes Jahr hätte er jedoch "schreckliche" Nachrichten über die Gesundheitsbehörde US National Institutes of Health verbreitet.

Einige Wissenschaftler, heißt es in "Nature", überlegten bereits, aus den USA auszuwandern.

Auch deutsche Unternehmen besorgt

Auch in Deutschland wird die Entwicklung in den USA kritisch beobachtet. Der Verband forschender Pharmaunternehmen (vfa) erinnert auf Anfrage der "Ärzte Zeitung" an die globale Perspektive: "Das Potenzial von Wirtschaft und Wissenschaft¨– etwa bei Arzneimittelinnovationen – kommt nicht nur den USA selbst zu Gute, sondern verbessert Therapien in vielen Ländern der Welt", so Verbandssprecher Dr. Jochen Stemmler.

In den USA dürfte sich gesundheitspolitisch unter dem neuen Präsidenten einiges ändern: Trump ist deutlich gegen Abtreibungen. Er hat im März gesagt, Abtreibungen sollten illegal sein und Frauen oder die Ärzte "irgendwie" bestraft werden.

Außerdem will er die von Barack Obama eingeführte allgemeine Krankenversicherung "Obamacare" sofort abschaffen, kündigte er an. Insgesamt soll im Gesundheitswesen der freie Markt dominieren; zur Kostensenkung soll es Wettbewerb zwischen den Bundesstaaten geben.

Erster europäischer Makler zieht sich wohl vom US-Markt zurück

Nach eigenen Angaben als erster Versicherungsmakler hat das deutsch-schweizerische Unternehmen Knip als Folge dessen angekündigt, sich mit sofortiger Wirkung vom US-Markt zurückzuziehen.

"Die mit Obamacare deutlich ausgebaute Krankenversorgung stärkte den Versicherungssektor in den USA. Doch mit dem von Trump angekündigte Rückbau des Sozialsystems verliert dieser amerikanische Markt für Investoren jegliche Attraktivität", so Gründer und CEO Dennis Just.

Gleichzeitig hätte die von Trump angekündigte wirtschaftliche Abschottung auch für die deutsche Gesundheitsbranche gravierende Folgen. Für die chemisch-pharmazeutische Industrie sind die USA der mit Abstand wichtigste Exportmarkt: 11,4 Prozent aller Chemie-Ausfuhren gingen laut dem Verband der chemischen Industrie (VCI) im vergangenen Jahr in die Vereinigten Staaten; daraus resultierten 20 Milliarden Euro Umsatz.

Der Verband hofft daher, dass Trump "trotz nationalistischer und protektionistischer Positionen" als Präsident "an die engen politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der EU und den USA anknüpfen wird", hieß es am Mittwoch in einer ersten Reaktion.

"America First"?

In der deutschen Medizintechnikbranche gibt man sich indes pessimistisch. Dr Tobias Weiler, Geschäftsführer des Industrieverbandes Spectaris, äußerte sich auf Nachfrager der "Ärzte Zeitung" entsprechend: Die USA seien nach Europa der größte Handelspartner für die deutsche exportorientierte Medizintechnik.

"Der Leitspruch ‚America First‘ lässt leider erwarten, dass verstärkte protektionistische Maßnahmen den Marktzugang in die USA für unsere mittelständischen Unternehmen erschweren", befürchtet er.

"Wenn Trump die Handelsschranken durchsetzen könnte, die er angekündigt hat, wäre der Schaden groß", sieht auch Clemens Fuest, Präsident des Münchener Wirtschaftsforschungsinstituts ifo.

In Deutschland hängen laut ifo 1,5 Millionen Arbeitsplätze vom US-Geschäft ab. Daher habe man auch ein besonderes Interesse an dem neuen Handelsabkommen TTIP. Dessen Abschluss werde jetzt "deutlich schwieriger", erwartet Fuest. Ähnlich das Institut der Deutschen Wirtschaft (IDW).

Unsicherheit, was Trump tatsächlich politisch tun wird

Trump hatte unter anderem angekündigt, Freihandelsabkommen neu verhandeln zu wollen, um Arbeitsplätze ins Land zurückzuholen. Zudem will er mit Steuersenkungen Investitionen und Inlandsnachfrage ankurbeln. Nun müsse er liefern. Ob das gelingt, sei "völlig offen", kommentiert das IDW.

Beim derzeitigen Stand der Staatsverschuldung werde sich das Land Steuersenkungen nicht leisten können. Und eine einseitige Kündigung bestehender Handelsabkommen werde Arbeitsplätze kosten sowie die Verbraucherpreise in die Höhe treiben.

Zumindest dieser Punkt dürfte in der deutschen Ärzteschaft für Erleichterung sorgen. Denn BÄK-Präsident Frank Ulrich Montgomery hatte vor einer Verschlechterung der Versorgungsqualität in deutschen Krankenhäusern durch TTIP gewarnt (die "Ärzte Zeitung" berichtete) – nämlich, wenn in das Abkommen ein Investitionsschutz für Anleger aufgenommen würde.

Zurückhaltung dominiert auf Trumps Wahlerfolg

In der Politik ist man noch zurückhaltend: Weder BÄK-Präsident Professor Frank Ulrich Montgomery, der auch Vize-Vorsitzender des Weltärztebundes ist, noch das Bundesgesundheitsministerium wollten sich auf Anfrage am Mittwoch äußern.

Das Ministerium verwies auf die offizielle Stellungnahme von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die Trump an dessen künftige Verantwortung für die weltweite Entwicklung erinnerte. Für die Gesundheitspolitik in Deutschland seien, auch wenn man das Geschehen in den USA beobachte, aktuell keine direkten Auswirkungen zu befürchten.

Entwarnung gibt auch Dr. Thomas Becks vom Branchenverband VDE, der die Interessen der Elektromedizin vertritt, auf Nachfrage in puncto Zukunft der Forschungsbeziehungen. "Wir gehen davon aus, dass wir auf technisch-wissenschaftlicher Ebene weiterhin sehr gut mit den amerikanischen Kollegen zusammenarbeiten. In der Forschung wird unabhängig von politischer Couleur kooperiert. Hier zählt nur der Fortschritt."

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