Ärzte Zeitung online, 05.04.2018

Thüringen

Gesundheitssektor sucht händeringend Personal

Sieben von zehn Betrieben des Gesundheits- und Sozialwesens in Thüringen klagen gegenwärtig über Probleme bei der Gewinnung von Fachkräften.

Von Katrin Zeiß

ERFURT. In Thüringen führen der Renteneintritt Zehntausender Beschäftigter und die boomende Wirtschaft in den nächsten Jahren zu einer enormen Nachfrage nach qualifiziertem Personal.

Nach einer kürzlich vorgestellten Studie des Instituts für Sozialforschung Halle und der Universität Jena benötigen Industrie, Dienstleistungssektor und Handwerk in dem zwei Millionen Einwohner zählenden Bundesland bis zum Jahr 2030 mehr als 344.000 neue Fachkräfte.

Gefragt sind überwiegend Beschäftigte mit einer klassischen dualen Berufsausbildung. Am höchsten ist der Bedarf im Gesundheits- und Sozialwesen, wo 80.400 Fachkräfte gesucht werden – jeder zweite davon in medizinischen und nicht-medizinischen Gesundheitsberufen.

Wachsende Branche

Beschäftigte nach Altersgruppen

Unter 25 Jahre: 8583 Beschäftigte (sieben Prozent) im Gesundheits- und Sozialwesen in Thüringen

25 bis 54 Jahre: 90.279 Beschäftigte (73 Prozent)

55 Jahre und älter: 24.176 Beschäftigte (20 Prozent)

In der Gesundheitsbranche geht es nicht nur – wie etwa im verarbeitenden Gewerbe – um den Ersatz altersbedingt ausscheidender Beschäftigter, wie Thomas Ketzmerick, einer der Studienautoren, sagte. "Im Gesundheitssektor haben wir viel Wachstum." Die Zahl der Pflegebedürftigen wie auch der Krankenhausbehandlungen steigt seit Jahren stetig.

In Thüringen werden derzeit knapp 6600 Betriebe mit rund 123.000 Beschäftigten zum Gesundheits- und Sozialwesen gezählt, dazu gehören unter anderem Krankenhäuser, Arzt- und Zahnarztpraxen, Pflegeheime und ambulante Pflegeeinrichtungen.

Etwa die Hälfte der Beschäftigten arbeitet im klassischen Gesundheitswesen, in der Altenpflege sind mehr als 25.000 Menschen tätig. Die Gesundheits- und Sozialbranche ist weiblich geprägt, fast vier Fünftel der Beschäftigten sind Frauen. Jede zweite Stelle ist ein Teilzeitjob.

Der Fachkräftemangel sei hier bereits heute stärker ausgeprägt als im Metall-, Elektro- und Automobilsektor, sagte Ketzmerick. Vor allem im Pflegebereich sei der Bedarf an qualifizierten Fachkräften hoch.

Das gilt nicht nur für die Altenpflege, wo es nach Beobachtungen der Arbeitsagenturen bereits jetzt Monate dauert, bis frei werdende Stellen wieder neu besetzt werden können.

Mitarbeiter aus dem Ausland

Auch in der Krankenpflege ist es nicht mehr so einfach, qualifiziertes Personal zu bekommen. Manche Krankenhäuser halten deshalb auch im Ausland nach geeigneten Mitarbeitern Ausschau.

Das Universitätsklinikum Jena hat soeben schon die zweite Gruppe junger Italiener zum Einsatz in der Krankenpflege geholt. Dass Thüringen seinen Fachkräftebedarf aus eigener Kraft nicht decken kann, sehen auch die Autoren der Studie so: "Selbst, wenn wir alle Arbeitslosen in Arbeit bringen und alle Teilzeit- auf Vollzeitstellen aufstocken würden", sagt Ketzmerick.

Sieben von zehn Betrieben des Gesundheits- und Sozialwesen klagen gegenwärtig über Probleme bei der Gewinnung von Fachkräften.

Bis 2030 werden insgesamt 272.000 Beschäftigte in Thüringen in Altersrente gehen. Fast jeder Fünfte der derzeit Beschäftigten ist älter als 55 Jahre. "Wir tragen jetzt den Rucksack der vergangenen Jahre", sagte Arbeits- und Gesundheitsministerin Heike Werner (Linke). Seit Anfang der 1990er Jahre seien viele junge und qualifizierte Beschäftigte abgewandert.

Das Image als Niedriglohnland, das frühere CDU-geführten Landesregierungen eifrig als Standortfaktor bewarben, wirkt weiter. Auch jetzt liegt das Lohnniveau mit 76 Prozent Angleichung noch immer unter dem Bundesniveau. Thüringer Betriebe nutzten aber inzwischen häufiger Lohnanreize zur Fachkräftegewinnung, haben die Studienautoren festgestellt.

Die Forscher hatten für ihre Untersuchungen im Auftrag des Ministeriums Daten der Arbeitsagentur und der amtlichen Statistik ausgewertet und außerdem rund 1000 Unternehmen befragt.

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