Ärzte Zeitung online, 01.12.2018

Witten/Herdecke

Uniambulanz für integrative Medizin

An der Uni Witten/Herdecke hat die erste Ambulanz für integrative Gesundheitsversorgung und Naturheilkunde die Arbeit aufgenommen.

Von Anne-Christin Gröger

Uniambulanz für integrative Medizin

Zentrale Säulen des Konzepts an der Uniambulanz sollen neben der Erstversorgung die Patientenaktivierung und die Selbsthilfekompetenz sein.

© Marco2811 / stock.adobe.com

KÖLN. Chronisch kranke Patienten ganzheitlich behandeln – das wollen Ärzte und Mitarbeiter an der bundesweit ersten Universitätsambulanz für Integrative Gesundheitsversorgung und Naturheilkunde an der Uni Witten/Herdecke. Dazu zählt, ihnen außer medizinischer Versorgung intensive Hilfestellung zu geben, einen gesünderen Lebensstil zu pflegen, sich besser zu ernähren, ausreichend zu bewegen und auch für Entspannung zu sorgen. Die Einrichtung hat kürzlich den Betrieb aufgenommen.

„Wir wollen mit dem Projekt ein neues Organisationsmodell für eine multiprofessionelle, teambasierte und patientenorientierte ärztliche Versorgung innerhalb der Humanmedizin erproben“, sagt Professor Tobias Esch, Leiter der Ambulanz, der „Ärzte Zeitung“.

Chronisch Kranke besonders im Blick

Der Fokus soll dabei auf einer integrativen Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Muskel- und Skeletterkrankungen, Erkrankungen des Stoffwechsels wie Diabetes sowie funktionellen Magen- und Darmproblemen liegen, berichtet Esch. Weitere Schwerpunkte seien die primärmedizinische Mitbehandlung von Depressionen und onkologischen Erkrankungen sowie die Versorgung von akuten Beschwerden wie etwa bei Atemwegserkrankungen. „Wir wollen aber vor allem bei chronischen Krankheiten den Unterschied machen“, betont er. „Zentrale Säulen werden dabei neben der Erstversorgung die Patientenaktivierung und die Selbsthilfekompetenz sein.“

Das heißt: Neben den derzeit drei behandelnden Ärzten wird Patienten ein Case Manager zur Verfügung gestellt, der mit ihnen die medizinische Behandlung aufarbeitet. Es besteht die Möglichkeit, eine Gruppentherapie zu den Themen Bewegung, Ernährung und Entspannung oder zur Verhaltensänderung zu besuchen, außerdem stellt die Ambulanz Sozialkoordinatoren zur Verfügung, die sich mit den Patienten zusammen beispielsweise um die häusliche Situation kümmern oder die Pflege koordinieren. „Diese Aufgabe übernehmen medizinische Fachangestellte mit Zusatzqualifikation“, sagt Esch.

Kostenzusage der Krankenkassen

So will der Mediziner auch die Zusatzbezeichnung der Ambulanz „für Naturheilkunde“ verstanden wissen. „Uns geht es vor allem um die Vermittlung einer Selbsthilfekompetenz für die Patienten, etwa über die klassische Ordnungstherapie, Bewegungstherapie oder Ernährungstherapie“, sagt er. „Wir legen keine Wickel auf und machen keine Homöopathie oder andere alternativmedizinische Therapien.“

Die Zahl der Ärzte soll im Verlauf noch aufgestockt werden. Da die Ambulanz seit September dieses Jahres eine Kostenzusage der Krankenkassen hat, können sich alle gesetzlich Versicherten dort behandeln lassen. Dabei will die Einrichtung niedergelassenen Medizinern in Witten keine Konkurrenz machen, betont Esch. „Unsere Universitätsambulanz zum Zweck der Lehre und Forschung ist keine Poliklinik und keine Notfallambulanz.“ Das Budget der niedergelassenen Ärzte wird von der Uniambulanz nicht belastet. Die Ambulanz will mit den Niedergelassenen zusammen arbeiten. „In Fällen, bei denen der behandelnde Arzt sein Budget bereits ausgeschöpft oder nicht genug Zeit hat, sich intensiv um einen chronisch kranken Patienten zu kümmern, kann er ihn an die Ambulanz überweisen“, sagt er.

Weitere Besonderheit: Die Räumlichkeiten sind so ausgestattet, dass sie in großem Umfang auch für telemedizinische Behandlungen genutzt werden können. In jedem Behandlungsraum gibt es Kameras, mit denen beispielsweise das erste Arzt-Patient-Gespräch aufgezeichnet und in einer elektronischen Patientenakte abgelegt wird.

So kann am Ende der Behandlung nachgeprüft werden, ob Erwartungen erfüllt wurden und wo noch Probleme liegen. Auch können Beratungsgespräche in ein Nebenzimmer ausgestrahlt werden, wo Studierende der Medizin diesem im Rahmen eines Seminars beiwohnen können.

„Bei der Erstaufnahme bekommt der Patient einen Tablet-PC, mit dem er im Wartezimmer den Anamnesebogen komplett digital ausfüllen kann“, sagt Esch. Besonders stolz ist er auf das eingesetzte Programm Open Notes, das eine individuelle Patientenakte bereitstellt. Hierin sind die ärztlichen Dokumentationen für den Patienten transparent einsehbar. Sie können dabei jederzeit auf ihre digitale Patientenakte zugreifen, zudem erhalten sie Zugang zu ihrer Medikation und Befunden sowie zum Therapieplan und -verlauf.

3 Ärzte behandeln die Patienten zur Zeit. Ihre Zahl soll noch aufgestockt werden.

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[03.12.2018, 13:47:24]
Rudolf Hege 
Neid ist selten ein guter Ratgeber
Es ist typisch für den deutschen Medizinbetrieb, dass bei jeder neuen Idee zuerst einmal die Bedenkenträger aus den Löchern kommen. Und ebenso typisch ist es, dass das Geld sofort im Vordergrund steht. Wüssten die Patienten (also die eigentlichen Arbeitgeber von uns Therapeuten), wie häufig nicht danach gefragt wird, ob etwas den Patienten nützt, sondern vor allem, was es an Geld dafür gibt, dann gäbe es noch viel mehr "Diskussionsbedarf". Die Kassen sind ja im Übrigen die Interessenvertreter der Beitragszahler - und nicht der Ärzte.
 zum Beitrag »
[01.12.2018, 19:28:02]
Dr. Robert Künzel 
Als niedergelassener Hausarzt bleibt man da nur noch kopfschüttelnd zurück.
„In Fällen, bei denen der behandelnde Arzt sein Budget bereits ausgeschöpft oder nicht genug Zeit hat, sich intensiv um einen chronisch kranken Patienten zu kümmern, kann er ihn an die Ambulanz überweisen“, sagt der Leiter der Ambulanz.
Da fragt man sich doch, warum die kranken Kassen das Geld zur Versorgung der vielen chron. Kranken nicht lieber gleich dem betreuenden Hausarzt zur Verfügung stellt, denn das Busget ist doch i.d.R. schon nach max. 2 Konsultationen ausgeschöpft.
Aber Nachtigall, ick hör dir trapsen....., der Artikel geht ja noch weiter. Es dürften die begehrten Inhalte der telemed. Arztakte sein, die der arglose Patient beim nächsten "sozialmed. Beratungsgespräch" in den Räumen seiner Krankenkasse der honigsüß lächelnden SoFa vermutlich gleich via Bluetooth in Ihren Kassen-PC einspeist. Notfalls hilft ein dezenter Wink mit der "Mitwirkungspflicht nach §§ X,Y,Z" und schon fliessen die Daten.
Sicher hat der gute Professor rein formaljuristisch recht wenn er anmerkt, daß seine Ambulanz nicht aus dem Budget der Niedergelassenen bezahlt wird. Aber jeder Euro kann nur einmal ausgegeben werden, selbstverständlich fehlt dieses Geld den Kassen an anderer Stelle.
Man kann den niedergelassenen Kollegen letztlich nur raten, den Professor beim Wort zu nehmen und seine telemed. hochgerüstete Ambulanz derart mit Chronikern zu fluten, daß er und seine 3 Mitstreiter nur noch schätzungsweise gegen Mitternacht völlig fertig aus der Klinik taumeln und den Tag verfluchen, an dem sie Ihr Angebot ersonnen haben. zum Beitrag »

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