Ärzte Zeitung online, 18.04.2018

Arndt Striegler bloggt

Echte Briten wissen, wann der War of Roses war, oder?

Wer als Ausländer im Post-Brexit-Großbritannien bleiben will, der muss üben: Für den British Citizen Test. Eindrücke aus einem ihm fremder werdenden Land schildert Arndt Striegler, unser Blogger in London.

Von Arndt Striegler

Echte Briten wissen, wann der War of Roses war, oder?

Lebt und arbeitet seit 32 Jahren in London: Arntdt Striegler, Korrespondent für die "Ärzte Zeitung" in London.

© Privat

LONDON. Die vergangene Woche in Großbritannien hat schon mit schlechten Nachrichten begonnen. Der zurückliegende Winter war für den staatlichen britischen Gesundheitsdienst (National Health Service, NHS) "eine mittlere Katastrophe" und "der schlimmste seit Ende des Zweiten Weltkrieges". Das stellten Politiker diverser Parteien während einer Debatte im Unterhaus fest.

Für NHS-Patienten wie mich kommen Bewertungen nicht überraschend. Zwar habe ich diesen Winter glücklicherweise den Gang in eine staatliche Kliniknotaufnahme vermeiden können – dort sind Wartezeiten von zwölf Stunden und mehr keine Seltenheit gewesen. Patienten mussten regelmäßig in Notbetten auf Krankenhausfluren untergebracht werden.

Allerdings stellte mein NHS-Hausarzt kürzlich in der Sprechstunde eine Veränderung meines Blutbildes fest. Er überwies mich zur weiteren Untersuchung in das nahegelegene Guys and St. Thomas Hospital in London. "Wenn sie innerhalb von vier Wochen keinen Termin für die Untersuchung bekommen haben, empfehle ich, sich privat untersuchen zu lassen", lautete sein Rat. Die vier Wochen verstrichen, ohne das sich jemand aus der Klinik bei mir meldete. Nur ein anekdotisches Beispiel dafür, wie prekär die Versorgungslage gerade im fachärztlichen Bereich und in den staatlichen Kliniken ist.

Geldregen für den NHS?

Der Grund, warum ich Ihnen diese Episode aus meinem Leben als Patient in England schildere, liebe Leserin, lieber Leser, ist eine Meldung der BBC, die mich aufhorchen ließ. Premierministerin Theresa May versprach: "Der Brexit wird mehr Geld für den NHS bedeuten." Die glücklose Regierungschefin rechnete vor, dass nach dem EU-Austritt viele Überweisungen von London aus nach Brüssel wegfallen würden. Wie viel – darauf wollte sich May nicht festlegen. Aber es seien "erhebliche Summen", die da den staatlichen Kliniken und Arztpraxen nach März 2019 zur Verfügung stünden.

Wir erinnern uns: Während der von Lügen und Halbwahrheiten gezeichneten Brexit-Kampagne 2016 wurde von den EU-Gegnern immer wieder versprochen, wöchentlich würden mehrere hundert Millionen Pfund zusätzlich in den staatlichen britischen Kassen landen, die dann für den NHS und für Schulen ausgegeben werden könnten.

Das erwies sich zwar im Nachhinein als glatte Lüge. Dennoch spukt diese Zahl nach wie vor in den Köpfen vieler Briten. Was für die Regierung ein großes politisches Problem ist. Denn natürlich ist das eine Milchmädchen-Rechnung und die versprochenen Millionen werden aller Voraussicht nach nicht fließen. Ärzte in Großbritannien wissen das längst.

Aber die Regierung May steht politisch mit dem Rücken zur Wand und May versucht mit ihrem neuerlichen Versprechen eines warmen Geldregens, sich politisch etwas Luft zu verschaffen.

Angst vor der Isolation

Wenn ich freilich mit Ärzten oder anderen NHS-Beschäftigten spreche, merkt man schnell, wie sorgenvoll viele Mediziner in eine Zukunft blicken, in der Großbritannien nicht länger Teil der europäischen Staatengemeinschaft ist. Das gilt noch mehr für Forscher und Wissenschaftler. Die fühlen sich durch den bevorstehenden EU-Austritt quasi international isoliert. Daher haben in den vergangenen Monaten dutzende Universitäten und Forschungsstätten damit begonnen, ihre Beziehungen und Kooperationen mit anderen EU-Institutionen zu intensivieren. Es ist nachvollziehbar, dass sie sich nicht auf die Politik verlassen möchten.

Übrigens schreibe ich diesen Blog im Flieger zurück von einem Kurzurlaub in der spanischen Sonne. Seit jenem historischen Tag im Juni 2016, als die Briten überraschend für den EU-Austritt stimmten, ertappe ich mich oft dabei, mich mehr auf die Ausreise als auf die Rückkehr nach Großbritannien zu freuen. Und das nach 32 Jahren auf der Insel!

Während des Fluges nach London Stanstead übe ich für die nächste Hürde, die der britische Staat mir und rund drei Millionen anderen EU-Bürger in den Weg legt: den "British Citizen Test". Der besteht aus 24 Fragen von denen mindestens 75 Prozent richtig beantwortet werden müssen.

Jetzt heißt es Üben, üben, üben!

Fragen wie "Wie weit ist die Entfernung zwischen dem südlichsten und nördlichsten Ort im Vereinigten Königreich? Der Getestete bekommt vier mögliche Antworten, bei denen sich die richtige von der falschen um weniger als zehn Kilometer unterscheiden. Oder diese Frage: "Wann war der War of Roses?": 1458, 1455, 1474 oder 1451? Das wusste ich bis vor Kurzem auch nach mehr als drei Jahrzehnten, die ich auf der Insel lebe, nicht. Es war 1455. Und um den Test zu bestehen, hilft nur eins: Üben, üben, üben! Denn ich möchte meinen britischen Pass in der Tasche haben, bevor Großbritannien der EU endgültig Goodbye sagt.

Ich ertappe mich dabei, wie ich meine zumeist (britischen) Mitpassagiere beobachte und sie in zwei Gruppen aufteile: Die, die so aussehen, als ob sie für den Brexit gestimmt haben könnten, und solche, die so aussehen als würden sie eher europafreundlich sein. Und ich fühle Ärger und Wut in mir hoch steigen gegenüber "den Briten", die mir nach mehr als 30 Jahren braven Steuerzahlens in Großbritannien diesen nervenden Staatsbürgerschaftstest auferlegen. Und dann frage ich mich, ob ich überhaupt bleiben möchte im Post-Brexit-Großbritannien.

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