Ärzte Zeitung online, 15.11.2018

Arndt Striegler bloggt

Zwischen Bangen und Hoffen: Das Los der Ausland-Briten

Das Ringen um einen Brexit-Vertrag geht auf die Zielgerade. Doch für EU-Bürger auf der Insel und Auslands-Briten auf dem Festland ist es eine Zeit des Wartens. Das macht Großbritannien für qualifizierte Fachkräfte nicht attraktiver, meint unser Blogger Arndt Striegler.

Von Arndt Striegler

Zwischen Bangen und Hoffen: Das Los der Ausland-Briten

Arndt Striegler bloggt für die Ärzte Zeitung regelmäßig zum Thema Brexit. Aktuell thematisiert er die Sorgen der Briten, die in anderen EU-Ländern leben und arbeiten.

© privat

LONDON. Mehr als eine Millionen Briten leben, arbeiten oder sonnen sich derzeit in Ländern der EU. Das Problem für sie: Es ist unklar, wie es nach dem Ausscheiden des Vereinigten Königreichs aus der EU im kommenden März weiter gehen wird. Was ist mit ihrer Gesundheitsversorgung? Was mit Rente? Wie steht es mit Sachen wie Steuerrecht, Reisen in andere EU-Staaten (endet zum Beispiel die EU-weite Freizügigkeit?).

Und was ist mit dem künftigen Wahlrecht beispielsweise bei Kommunalwahlen im gewählten Heimatland? Sicher ist bislang nur: Nichts wird für diese Auslands-Briten mehr so sein wie früher. Die Tatsache, dass diese Menschen am Tag des britischen Referendums im Juni 2016 gar nicht abstimmen durften, ist nur eine von so vielen Ungereimtheiten, die dieses Votum bis heute überschatten.

Der Weg in die Isolation

Wobei ich mir bis heute die Frage stelle, warum der über Brexit gestolperte ehemalige britische Premierminister David Cameron als angeblicher EU-Freund und Befürworter diese schreiende Ungerechtigkeit hat zulassen können? Geht man davon aus, dass Briten, die aus eigenen Beweggründen nicht in ihrer Heimat, sondern in einem anderen EU-Land leben, wohl mit großer Mehrheit für einen Verbleib im europäischen Staatenbund gestimmt hätten – diese rund eine Million Pro-EU-Stimmen hätten das Referendum vermutlich anders ausgehen lassen.

Cameron wird daher für mich für immer der Premierminister sein, der – sei es aus politischer Inkompetenz, sei es aus Mutwilligkeit – Großbritannien in die internationale Isolation führte. Zwar ist all dies Schnee von gestern, oder wie die Engländer zu sagen pflegen: water under the bridge. Dennoch ist das Thema „Briten in der EU“ gerade in diesen Tagen der entscheidenden Brexit-Verhandlungen zwischen Brüssel und London aktueller denn je. Denn die britische Regierung ermahnte alle Auslands-Briten, sich in ihrer gewählten europäischen Wahlheimat offiziell registrieren zu lassen. Andernfalls drohe sogar ein Entzug des Bleiberechts, sollte es tatsächlich zum Horror-Szenario eines No-Deal-Brexit kommen.

Aufruf an die Auslands-Briten

Das Londoner Außenministerium schätzt, dass etwa die Hälfte der in der EU lebenden Briten es bislang versäumt haben, sich in ihrer Wahlheimat registrieren zu lassen. Was nach dem EU-Aus Großbritanniens ernsthafte Konsequenzen für die Betroffenen haben könnte. „Im schlimmsten Fall könnte es bedeuten, dass man Probleme bekommt, weil man nicht lückenlos nachweisen kann, das man auch schon vor März 2019 rechtmäßig im Land war“, so ein Ministeriumssprecher in London.

In einigen EU-Ländern wie zum Beispiel Portugal ist es ohnehin gesetzlich vorgeschrieben, sich bei den Behörden registrieren zu lassen. Offiziell leben derzeit zwar nur rund 22.500 Briten in Portugal. Die britische Botschaft in Lissabon schätzt aber, dass es tatsächlich zwischen 45.000 und 50.000 sind. In Spanien sind es übrigens mehr als 320.000 – nur, um einen Vergleich zu nennen. Das ist also kein kleines Problem, sondern eines, welches hunderttausende Menschen betrifft.

Die Unfairness der EU?

Brexit-Befürworter wie Ex-Außenminister Boris Johnson oder auch der der wortgewaltige, erzkonservative Parlamentarier Jacob Rees-Mogg (an dessen Äußeres ich mich bis heute nicht gewöhnt habe) wiesen jüngst erneut auf die rund 3,7 Millionen in Großbritannien lebenden EU-Bürger hin. Sie monierten, wie unausgeglichen und unfair die Sache mit der EU doch sei: 1,3 Millionen Briten auf dem Kontinent, fast dreimal so viel auf der Insel.

Freilich: 3,7 Millionen Europäer in UK sind augenscheinlich immer noch nicht genug. Erst vor wenigen Tagen alarmierten Experten, dass es für den Gesundheitsdienst, für soziale Dienste und für andere Branchen zusehends schwierig werde, qualifiziertes Personal zu rekrutieren. EU-Krankenpfleger und -schwestern verlassen das Land; qualifizierte Ärzte ebenso.

Vakanzen in Kliniken nehmen zu

Konkret sieht das dann so aus: Landesweit ist die Zahl der im Gesundheitssektor unbesetzt bleibenden Stellen von unter zwei Stellen pro 100 Jobs im Jahr 2013 auf nun 3,2 unbesetzte Stellen pro 100 Jobs gestiegen. Tendenz: weiter steigend.

Und jeder meiner jüngsten Besuche im örtlichen staatlichen Londoner Krankenhaus bestätigt dies: Beim Blutabnehmen berichtete mir vor Kurzem die (bulgarische) Krankenschwester, sie sei heute ganz allein in ihrer Abteilung, da kürzlich zwei Kollegen gekündigt hätten und Ersatz bislang nicht in Sicht sei.

Das deckt sich mit vielen Gesprächen, die ich in den vergangenen gut zwei Jahren seit dem Referendum teils im Pub, teils bei Reportagen, teils auch im Freundeskreis mit meinen Landsleuten im Königreich führen konnte.

Abgesehen von einer großen Unsicherheit, was nach der Zeit in der EU kommen wird, spüre ich bei vielen hier die Sorge, Großbritannien könnte als Zielland, ob für Touristen, qualifizierte Ärzte oder für anderes Gesundheitspersonal, weniger attraktiv werden. Dass diese Sorgen ausgerechnet zu einer Zeit wachsen, in der die Arbeitslosenquote so niedrig ist wie zuletzt Anfang der 70er Jahre – das ist eine von vielen ironischen Zufällen in diesen ungewöhnlichen Zeiten.

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