Ärzte Zeitung, 25.11.2016

Flüchtlingskinder

Große Therapie-Nachfrage

Die Nachfrage nach Plätzen in der psychotherapeutischen Spezialambulanz für Flüchtlinge in Münster ist so groß, dass das Personal nun aufgestockt wurde.

KÖLN. Die psychotherapeutische Spezialambulanz für Flüchtlingskinder am Universitätsklinikum Münster hat seit ihrem Start im August bereits über 100 Anmeldungen verzeichnet. Ihr therapeutisches Personal hat die neue Anlaufstelle wegen des großen Andrangs bereits aufgestockt, sie rechnet auch für die kommenden Jahre noch mit einer hohen Nachfrage durch traumatisierte Flüchtlinge.

"Wir sind von der Resonanz überwältigt", sagt Dr. Birgit Möller, die als Projektleiterin die neue Spezialambulanz gemeinsam mit Professor Georg Romer, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik Münster, initiiert hat. Beide hatten bereits am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf zusammengearbeitet und dort in den 90er Jahren die erste deutsche Flüchtlingsambulanz aufgebaut.

Sobald die notwendigen Ressourcen in Münster verfügbar waren, legten sie auch dort mit der Arbeit los.

Als Modellprojekt für die psychotherapeutische Erstversorgung minderjähriger Flüchtlinge wird die Ambulanz mit 104.000 Euro vom Bundesministerium für Gesundheit gefördert. Derzeit müssen Hilfesuchende noch eine Wartezeit von bis zu zwei Monaten auf sich nehmen, durch weitere Therapeuten soll sich der Zeitraum bald verkürzen.

Syrer, Afghanen, Iraker oder Eritreer

Unter den jungen Patienten sind viele aus Syrien geflüchtete Menschen, aber auch Afghanen, Iraker oder Eritreer, berichtet Möller. Die erste Patientengruppe waren vor allem unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Sie werden besonders eng betreut.

Ihre Bezugspersonen erkennen daher schnell, wenn es therapeutischen Handlungsbedarf gibt, erklärt die Psychologin.

Mittlerweile kommen aber auch immer mehr Kinder und Jugendliche, die mit ihren Familien geflohen sind. Die Lehrer oder der schulpsychologische Dienst, Behörden oder Ärzte – es gibt viele mögliche Stellen, die die Not eines Kindes erkennen können.

Auffälliges Verhalten entwickeln die Minderjährigen aber oft erst eine längere Zeit nach der Flucht. "Die Menschen sind erst einmal mit dem nackten Überleben beschäftigt. Ihre seelischen Wunden kommen erst später zum Vorschein", so Möller.

"Sie müssen die Erfahrung machen, dass Sprechen hilft."

Haben sie den Weg in die Spezialambulanz gefunden, warten noch weitere Hürden: Das Berufsbild des Psychotherapeuten ist vielen Patienten aus ihrer Heimat nicht bekannt.

"Sie erwarten einen Arzt im weißen Kittel, der ihnen eine Tablette gibt und damit alles heilt", erläutert Birgit Möller. "Wir müssen dann viel erklären, und sie müssen die Erfahrung machen, dass Sprechen hilft."

Bis zu zehn Sitzungen bietet die Ambulanz an, bei weitergehendem Bedarf überweist die Klinik an niedergelassene Ärzte und Psychotherapeuten oder aktiviert die Jugendhilfe. "Wir können diese Arbeit nur im Verbund stemmen", weiß sie. Deshalb hat die Ambulanz frühzeitig Vernetzungstreffen aller Beteiligten initiiert.

Eingeladen sind alle, die bei Behörden oder Wohlfahrtsorganisationen mit den Flüchtlingskindern und ihren Familien zu tun haben, aber auch Kinderärzte und Jugendpsychiater aus Münster. (kab)

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Der kleine Unterschied ist größer als gedacht

Krankheiten verlaufen bei Männern und Frauen unterschiedlich, das ist bekannt. Die Gendermedizin deckt immer mehr die geschlechtsspezifischen Besonderheiten auf. mehr »

Prä-Op-Labor - Kein Einfluss auf den Bonus

Mit der Laborreform hat sich der Blick verstärkt auf das Prä-Op-Labor gerichtet. Das soll nicht auf die Laborkosten angerechnet werden. mehr »

So sieht die Gesundheitsversorgung in den 32 WM-Ländern aus

Bei der Fußball-WM in Russland sind die teilnehmenden Nationen mit hochkarätigen medizinischen Betreuerstäben am Start. Doch wie sieht es mit der Gesundheitsversorgung in der Heimat aus? mehr »