Ärzte Zeitung online, 20.12.2017

Praxisübergabe

"Investition in Anlagevermögen kritisch hinterfragen"

Wer im Zuge der Praxisabgabe falsch investiert, kann mögliche Nachfolger abschrecken, sagt Praxisberaterin Yvonne Bender im Interview und erklärt, wie die Abgabe zum Erfolg wird.

Von Marco Hübner

Ärzte Zeitung: Welche Trends lassen sich aktuell unter Ärzten beobachten, wenn es um die Praxisabgabe geht?

Yvonne Bender

"Investition in Anlagevermögen kritisch hinterfragen"

© KVHessen / Bendrich

Yvonne Bender: In den zurückliegenden Jahren haben sich die Vorstellungen der niedergelassenen Ärzte spürbar gewandelt. Insgesamt sind sie aufgeschlossener. Immer weniger Inhaber verfolgen starre Pläne dazu, wie es mit der Praxis weiter gehen soll. Das liegt sicher auch daran, dass sich die Ärzte ihrer Situation heute viel bewusster sind.

Was genau meinen Sie damit?

Die Ärzte sind dafür sensibilisiert, dass die Suche nach niederlassungswilligen Medizinern mitunter ein zeitaufwendiges Unterfangen ist – gerade in den ländlichen Teilen der Republik. In den Medien wird heute schließlich in vielfältiger Form über dieses Thema berichtet. Der Trend geht eher dahin, Kompromisse bei der Abgabe zu machen. Beispielsweise, wenn der Nachfolger aus der traditionsreichen Einzelpraxis dann doch eine Berufsausübungsgemeinschaft machen möchte.

Wie reagieren die Ärzte auf diese Umstände?

Meiner Erfahrung nach setzen sich die meisten unter ihnen zeitiger mit ihrem Ruhestand auseinander als zuvor und nehmen Kontakt mit ihrer zuständigen KV auf, um sich beispielsweise über das Prozedere des Abgabeverfahrens zu informieren.

Wie viel zeitlichen Vorlauf sollten Abgeber einer Praxis einkalkulieren?

Das ist schwer zu sagen, weil dies im hohen Maße von den individuellen Gegebenheiten in der Praxis abhängt. Läuft der Betrieb in der Praxis gut und auf modernem Niveau ist weniger Zeit nötig als bei einer Einrichtung, die viele Jahre kaum modernisiert wurde. Aber im Grunde sollten Mediziner drei bis fünf Jahre vor dem geplanten Abgabetermin beginnen, sich darüber Gedanken zu machen, was sie genau für ihre Nachfolge wollen. Außerdem sollten Ärzte nicht vergessen, dass das Nachbesetzungsverfahren der KV auch etwas Zeit beansprucht. In der Regel dauert es mindestens sechs bis neun Monate von Beginn des Verfahrens bis zu dem Zeitpunkt, an dem der Nachfolger seinen ersten Patienten behandeln kann.

Was sind aus ihrer Sicht die wichtigsten Schritte, um die Praxis "abgabefit" zu machen?

Zunächst empfiehlt es sich, das Vorhaben mit den Praxismitarbeitern im Team zu besprechen. Klärungsbedarf gibt es oft bei der Frage, ob Teile des Teams in der Praxis bleiben oder gehen wollen. Außerdem sollte in einem nächsten Schritt der Steuerberater gebeten werden, eine betriebswirtschaftliche Auswertung zu erstellen.

Die zeigt möglichen Nachfolgern, wo die Praxis wirtschaftlich steht, wenn es um Kennzahlen, wie etwa die Entwicklung der Fallzahlen, Erlösen und der Kostenstruktur, geht. Das sorgt für Vertrauen und ist eine gute Basis für erfolgreiche Verhandlungen zur Abgabe. Außerdem sollten Ärzte auf ihre KV zugehen, die berät etwa zu den Abgabemodalitäten und hilft bei der Nachfolgersuche. Vorsicht ist allerdings bei voreiligen Modernisierungsmaßnahmen geboten. Denn hier kann man schnell über das Ziel hinausschießen.

Was bedeutet über das Ziel hinausschießen? An welcher Stelle sollten Ärzte wie viel investieren, um Ihre Praxis attraktiv zu gestalten?

Alle Investition in das Anlagevermögen der Praxis, wie Möbel, EDV und medizinische Geräte sollten kritisch hinterfragt werden. Wenn große Summen investiert werden, kann das die Nachfolgersuche erheblich erschweren. Denn potenzielle Nachfolger müssen auch bereit sein, eine entsprechende Ablösesumme zu zahlen.

Gerade junge Ärzte wollen aber finanzielle Risiken, die sie beim Kauf einer Praxis eingehen, überschaubar halten. Eine durchschnittliche Investitionssumme zu nennen, ist schwierig. Das kann bei 5000 Euro anfangen und muss nicht bei 100.000 Euro enden.

Ich rate dazu, die Praxis regelmäßig zu renovieren. Also Wände zu streichen und Wartezimmer und Behandlungs- und Sprechzimmer frisch und ordentlich ausgestattet zu halten. Die Praxis-EDV sollte funktional sein und der Betrieb laufen. Da müssen nicht immer gleich große Investitionssummen bewegt werden. Wenn doch, dann sollte das bestenfalls direkt mit Übernahmekandidaten verhandelt werden, die dann auch bereit sind, das mitzutragen.

Welche anderen häufigen Fehler sollten Ärzte bei der Praxisübergabe vermeiden?

Auch wenn der Ruhestand schon in Sichtweite ist, sollten Ärzte ihre Arbeit und damit den Betrieb in ihrer Praxis nicht zu früh runterfahren. Besser ist, aktiv zu sein, bis ein Nachfolger gefunden ist, der den Staffelstab in der Versorgung übernehmen will. Wenn die Patienten merken, dass ihr Arzt den Kittel bald an den Nagel hängt und die Nachfolge-Situation unklar ist, interpretieren sie das gegebenenfalls als Signal, sich einen anderen Arzt zu suchen. Das drückt die Fallzahlen und damit auch das Interesse von potenziellen Übernahmekandidaten. Schließlich wollen diese eine gut laufende Praxis übernehmen.

Einer anderer Fehler ist Passivität im Abgabeprozess. Ärzte sollten nicht darauf bauen, dass allein mit der Ausschreibung des Arztsitzes alles getan ist. Sie müssen auf mehreren Ebenen aktiv werden, um erfolgreich zu sein. Kollegen können zum Beispiel kontaktiert werden, es können Anzeigen in Fachzeitschriften geschaltet werden und andere Wege genutzt werden, um Nachfolger auf die Praxis aufmerksam zu machen. Ein guter Ansatz ist auch, in der Ausbildung von jungen Ärzten aktiv zu werden. Die Anstellung von Weiterbildungsassistenten beinhaltet auch immer die Chance, lange vor dem Ruhestand eine Nachfolgelösung zu finden.

Insbesondere auf dem Land ist die Suche nach Nachfolgern schwer. Was können Ärzte dort tun, um ihre Chancen zu verbessern?

Es kann beispielsweise helfen, Interesseninhaber vor Ort in den Prozess der Praxisabgabe einzubeziehen. Ärzte können zum Beispiel auf den Bürgermeister oder die Gemeinde zugehen und gemeinsam nach einer Lösung suchen, um die Arztpraxis vor Ort am Leben zu erhalten. Ich selbst erlebe immer öfter, dass dies viel bewegen kann. Da werden etwa neue Möglichkeiten zur Kinderbetreuung geschaffen oder Räumlichkeiten und Gebäude gestellt, damit ein neuer Arzt aufs Land kommt.

Außerdem hilft es, eine positive Haltung gegenüber der Arbeit auf dem Land zu vermitteln und Interessenten passende Wege aufzuzeigen. Die Tätigkeit kann heute individueller organisiert werden als früher. Es gibt beispielsweise heute keine Residenzpflicht mehr. Das heißt, wer seinen Patienten nicht morgens beim Bäcker begegnen möchte kann auch in der Stadt leben und zur Arbeit aufs Land pendeln. Außerdem ist die Arbeit auf dem Land nicht selten erfüllender als in der Stadt. Landärzte sind häufig die ersten Ansprechpartner für ihre Patienten – gleich um welches gesundheitliche Problem es geht. In der Stadt führt der Weg der Patienten hingegen häufig direkt zum Facharzt. Mediziner können also eine größere Bandbreite in der Versorgung auf dem Land abdecken. Das ist auch wirtschaftlich betrachtet ein großer Vorteil.

Praxisberaterin Yvonne Bender

 Diplom-Betriebswirtin mit dem Schwerpunkt Krankenhauswesen, Gesundheits- und Sozialökonomie.

 Seit 2013 als Beraterin im BeratungsCenter Frankfurt der KV Hessen beschäftigt.

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