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Ärzte Zeitung, 15.01.2013

Leitartikel zu Patientenrechten

Patientenwohl oder Autonomie?

Im Prinzipienkatalog der Ethik in der Medizin steht das Selbstbestimmungsrecht der Patienten ganz vorne. Oberstes Gebot für Ärzte ist es jedoch, ihre Patienten gesund zu erhalten. Beides leuchtet ein - und kann zu ethischen Konflikten führen.

Von Robert Bublak

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Wichtig im Aufklärungsgespräch: Fürsorge und Respekt vor Autonomie.

© endostock / fotolia.com

In der modernen Medizinethik gilt der Respekt vor der Autonomie der Patienten als einer der vier Grundsätze neben den Forderungen nach Schadensvermeidung, Fürsorge und der gerechten Verteilung von Leistungen.

Neu sind dabei weniger die Prinzipien, von denen zumindest die Fürsorge ("beneficere") und das Vermeiden von Schaden ("non nocere") schon in der Antike akzeptiert waren.

Vielmehr ist es die herausgehobene, in der Menschenwürde wurzelnde Stellung der Patientenautonomie, welche die moderne medizinische Ethik von ihren früheren, auf Fürsorge und ärztlichen Paternalismus ausgerichteten Varianten unterscheidet.

Autonome Entscheidungen von Patienten setzen eine umfassende ärztliche Aufklärung voraus. Die Muster-Berufsordnung für Ärztinnen und Ärzte betont denn auch in Paragraf 7 die Achtung des Patientenwillens; gleich danach, in Paragraf 8, wird die Aufklärungspflicht geregelt.

Das erste Gebot ärztlichen Handelns ist in der Berufsordnung freilich ohne Bezug auf die Patientenautonomie formuliert und hebt stark auf die Fürsorge ab. Und was der Gesundheit des Patienten nach ärztlicher Ansicht dient, muss mit dem, was der autonome Patient will, nicht zwangsläufig in eins fallen ...

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[15.01.2013, 16:27:26]
Dr. Karlheinz Bayer 
warum meinen manche Ärzte, alles besser zu wissen?

Verehrter Herr Bublak,

Sie kennen die Geschichte von dem Hund, der seinem Herrchen das Leben gerettet hat? Es war so, daß der Hund niemand ans Bett des Herrn gelassen hat, als der so krank war. Nicht einmal den Arzt.

Ist es wirklich ein "oberstes Gebot", einen Patient "gesund zu halten"? Und wenn ja, sind wir dazu überhaupt in der Lage? Gesundheit ist doch die Abwesenheit von allen möglichen Dingen, nicht nur von dem sehr eng gefaßten nosokomen Krankheitsbegriff. ??s??, die Krankheit, wir "pflegen", ??µe??, es geht hier um eine sehr um uns selbst sich drehende Art von Krankheitsbegriff.

Julius Hackethal hat nicht nur die Urologen, sondern auch die Geister geschieden. Soll man, oder sollte man besser nicht? Ich kenne vielleicht nicht hunderte, aber sicherlich an die hundert Männer, die Hackethal vertraut haben und - anders - gesund alt geworden sind, trotz eines Prostata-Karzinom. Sicher! es gibt auch die Gegenbeispiele, so wie es nicht für das Rauchen spricht, daß Helmut Schmidt sehr alt geworden ist. Aber selbst das ist seine Entscheidung.

Die Homöopathie hat wahnsinnige Erfolge. Die einen sehen den Erfolg, die andern den Wahnsinn. Gäbe es jetzt ein staatliches Gesetz, daß sich allein am Patientenwillen orientiert und allein den Erfolg zur Basis macht (" §1: Wer heilt habe Recht."), dann müßten sich viele Schulmediziner sagen lassen, sie handelten falsch, nur wenn Sie Methoden anwenden, die nicht signifikant wirksamer sind als die der Homöopathie. Unvorstellbar? Sehr ähnlich dürften es die Homöopathen sehen, denen man genau so und nicht anders begegnet.

Leitlinien sollen uns angeblich helfen in der Therapie. Leitlinien helfen für gewöhnlich dort, wo man sie garnicht bräuchte und wo es genügend Alternativen gäbe. Die Therapiefreiheit gründet auf dem. Leitlinien versagen aber genau bei den Problemfällen, in denen die Leitlinienmedizin nichts genutzt hat. Bei den Allergien, der Non-Compliance oder der versehentlich falschen Anwendung einer richtigen Leitlinie - auch das gibt es ja.

Außenseitermethoden sind Außenseitermethoden. Aber was ist die Innenseite? Sind wir Insider, wenn wir uns nach einem Kodex Verhalten, der in der Überschrift als "Patientenwohl" bezeichnet wird - oder machen wir uns zu Outsidern, wenn wir die Autonomie nicht respektieren?
Viel zu oft denken wir Ärzte in einem Kastensystem. Wir benutzen sogar eine Sprache, die die da draußen nicht verstehen, manchmal wir selbst nicht. "Kollege" heißt nichts anderes, als daß der Kollege des Co-Lesens unserer Welt fähig ist. Hoffen wir jedenfalls.

Und dann passieren Dinge, die Kollegen entzweien. Ich bin beispielsweise ein Verfechter der Sterbehilfe, die vermutlich eine der weitgehendsten Formen der Patientenautonomie ist. Warum? Weil ich selbst für mich den Selbstmord als letzte Entscheidung nicht ausschließen kann. Mit anderen Worten: ich nehme mir diese Autonomie heraus, und ich tue das reiflich überlegt und fern einer akut anstehenden tödlichen Krankheit. Kollege Montgomery ist da bekanntlich anderer Meinung, aber ich lasse ihm seine Autonomie in der Frage. Und in anderen.

Es ist kein Widerspruch zwischen Autonomie und Patientenwohl. Der Widerspruch liegt eher in dem, was Sie enmal im Text nur kurz angerissen haben, der paternistischen Denkweise. Die Medizingeschichte ist voll von Irrtümern, die zu ihrer Zeit bis zur Aufdeckung des Irrtums immer eine Art "Patienten-Wohl-Medizin" waren. Etwas mehr Offenheit hätte in den meisten Fällen früher für Abhilfe geschaffen.

Wenn Sie nicht schon haben, sollten Sie sich einen Hund zulegen.
Ihr
Karlheinz Bayer, Bad Peterstal

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