Ärzte Zeitung, 04.02.2011

Whisky, Wodka, Bier: Noch immer kennen viele Jugendliche ihr Limit nicht

Der Alkoholkonsum von Jugendlichen ist weiter rückläufig, so eine Studie. Entwarnung wollen Experten aber nicht geben. Vor allem das Rauschtrinken bereitet ihnen Sorge.

Von Thomas Hommel

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Kenn Dein Limit! Anti-Alkohol-Kampagne von BZgA und PKV will sensibilisieren.

© BZgA

BERLIN. Die gute Nachricht: Der regelmäßige Alkoholkonsum Jugendlicher in Deutschland hat 2010 den niedrigsten Stand seit den 70er Jahren erreicht.

Die schlechte Nachricht: Binge-Trinken, auch Rauschtrinken genannt, ist unter Mädchen und Jungen nach wie vor weit verbreitet. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA).

Befragt wurden 7000 Personen im Alter von 12 bis 25 Jahren nach ihren Trinkgewohnheiten. Jeder sechste Jugendliche gab demnach an, im letzten Monat Binge-Trinken betrieben zu haben - also mindestens fünf alkoholische Getränke bei einem Anlass zu sich genommen zu haben.

Vor allem bei Jungen liegt das Phänomen des Trinkens bis zum Umfallen hoch im Kurs. Laut Studie praktizierte vergangenes Jahr jeder fünfte 12- bis 17-Jährige mindestens einmal im Monat Binge-Trinken, bei den 18- bis 25-Jährigen war es jeder Zweite.

Für die Krankenkassen stellt das Komatrinken ein wachsendes Problem dar, da es in vielen Fällen mit einem teuren Klinikaufenthalt verbunden ist.

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans, sagte, trotz einer leicht rückläufigen Zahl von Klinikeinweisungen aufgrund von Alkoholvergiftungen bei 10- bis 15-Jährigen, dürften Politik und Kassen mit ihren Präventionsbemühungen nicht nachlassen.

Aufklärungskampagnen müssten jedoch zielgerichteter auf die Risikogruppen zugeschnitten werden. Dazu zählten auch Mädchen, die beim Trinken mit den Jungen "mithalten" wollten, dabei aber häufig unterschätzten, dass sie weniger Alkohol vertragen.

Jungen Frauen wiederum müsse vor Augen geführt werden, dass häufiger Alkoholkonsum gesundheitliche Gefahren auch in der Schwangerschaft mit sich bringen könne.

BZgA-Präsidentin Professor Elisabeth Pott sagte, die Studie zeige, dass vor allem soziale Faktoren den Alkoholkonsum Jugendlicher beeinflussen. "Sie trinken, um Spaß zu haben, Hemmungen zu überwinden, weniger schüchtern zu sein."

Entscheidend sei auch das direkte Umfeld der Jugendlichen. Je mehr Alkohol im Freundeskreis getrunken werde, desto höher sei der eigene Alkoholkonsum.

Lesen Sie dazu auch:
Nicht wegsehen, wenn Kinder trinken!

[07.02.2011, 17:43:46]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
"Alkohol ist dein Sanitäter in der Not, Alkohol ist dein Fallschirm und dein Rettungsboot" (H. Grönemeyer)
Beim exzessiven Alkoholkonsum ("Whisky, Wodka, Bier") müssen auch und besonders die Erwachsenen (als Vorbilder?) befragt werden.

1. Bei den männlichen GKV-Versicherten von 30-50 Jahren sind bis zu 80% der stationären Krankenhauseinweisungen durch alkoholbedingte Krankheiten mit verursacht.
2. Jedes Wochenende haben wir weit über 2 Millionen Erwachsene, die fußballbedingt feiern, sich betrinken oder als marodierende Fans z. T. volltrunken durch die Stadien ihrem Verein hinterher reisen.
3. In der Politik (Bundeswirtschaftsminister Brüderle, Wein- und Bierzeltveranstaltungen der Parteien), in der Öffentlichkeit (Saufen bis der Arzt kommt) und in den Familien wird der Alkoholkonsum bagatellisiert.
4. In der Werbung wird immer jüngeres Zielpublikum angesprochen: Alkohol als Lebensbegleiter, Tröster, Konfliktlöser, Spaßmacher, Aufmunterer, Partykracher, Antdepressivum.

Die Endstrecke will wie beim raucherbedingten Bronchialkarzinom niemand sehen: Alkoholdelir, Vereinsamung, sozialer Abstieg, Korsakow-Demenz, Leberzirrhose und Verbluten an Ösophagusvarizen.

Prävention von Alkoholmissbrauch tut Not. Denn das bestehende Alkoholverkaufsverbot für Kinder und Jugendliche ist zwar justiziabel. Doch Minderjährige bedienen sich zu leicht an den elterlichen Vorräten zu Hause besorgen sich "den Stoff" über Dritte oder bekommen ihn in jeder zweiten Kneipe doch ausgeschenkt.

Mit kollegialen Grüßen, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM in Dortmund zum Beitrag »

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