Ärzte Zeitung online, 05.07.2018

Barmer-Report

Polypharmazie ist ein Massenproblem

Jeder fünfte Bundesbürger nimmt fünf oder mehr Arzneimittel ein, berichtet die Barmer in ihrem Arzneimittelreport. Die Kasse warnt vor den Gefahren.

BERLIN. Jeder vierte Barmer-Versicherte ab 65 Jahren hat im Jahr 2016 ein für ihn ungeeignetes Arzneimittel erhalten. Das geht aus dem Arzneimittelreport 2018 der Kasse hervor, der am Donnerstag in Berlin vorgestellt wurde.

Generell ist Polypharmazie ein Problem, das große Teile der Bevölkerung betrifft: Laut aktueller Analyse hat jeder fünfte Bundesbürger im Jahr 2016 fünf oder mehr Arzneimittel eingenommen.

Wenn wichtige Informationen für Behandlungsentscheidungen fehlten, Sprachbarrieren zu Missverständnissen führten oder Medikationspläne unvollständig seien, könnte das zu Risiken bei der Arzneimitteltherapie führen, die eigentlich vermeidbar wären, hieß es.

"Angesichts der Sicherheitslücken in der Arzneimitteltherapie geht es nicht um Schuldzuweisungen in Richtung Ärzte", betonte der Vorstandsvorsitzende Professor Christoph Straub. Er forderte aber auch: "Die Patientinnen und Patienten müssen besser vor diesen Risiken geschützt werden." (aze)

Lesen Sie dazu auch:
Arzneimittelmanagement AdAM: Sicherheit für Polypharmazie-Patienten
Kommentar zur Polypharmazie: Auf den Anreiz kommt es an

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[05.07.2018, 15:43:31]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Multimorbidität ist das Problem, nicht Polypharmazie!
Nicht die Polypharmazie ist das Problem für große Teile der alternden Bevölkerung in Deutschland: Der Barmer-Arzneimittelreport verwechselt Ursache und Wirkung.

Wenn laut aktueller Analyse jeder fünfte Bundesbürger im Jahr 2016 fünf oder mehr Arzneimittel eingenommen hat, liegt das an der zunehmenden Krankheitslast, die wir Ärztinnen und Ärzte in Deutschland ohne flankierende Maßnahmen seitens der Politik und den Gesetzlichen Krankenkassen kaum noch bewältigen können.

Übergewicht, Bewegungsmangel, Fehlhaltung, passiver Medienkonsum, Falsch- und Fehlernährung, Rauchen, Alkohol-, Drogen- und Genussmittelabusus, mangelhafte körperliche Belastbarkeit in Beruf und Freizeit, Stressfaktoren bzw. metabolisches Syndrom führen gemeinsam mit höherer Lebenserwartung und Anspruch auf weitgehende bio-psycho-soziale Rehabilitation geradewegs in eine nur noch medikamentös zu bewältigende, multimorbide Lebenssituation.

Nur als Beispiele:
- Eine koronare Herzkrankheit (KHK) mit akutem Koronarsyndrom (ACS) führt unabhängig von einer zusätzlichen Koronarintervention mindestens zur Medikation mit ASS, Cholesterin- und Blutdrucksenkern.
- Ein Typ-2-Diabetes mellitus wird häufig mit Metformin und 1-2 weiteren Medikamenten und ggf. mit Injektionen behandelt.
- Degenerativ und Fehlbelastungs-bedingte (Poly-)Arthrosen bzw. Wirbelsäulensyndrome bedingen häufig eine multimodale, medikamentengestützte Schmerztherapie.
- Die chronische Rheumatoide Arthritis (RA), die Multiple Sklerose (MS) der Morbus Parkinson, eine Fülle von Kollagenosen, Tumor- und Systemkrankheiten bzw. auch die Hepatitis C können nur durch den Einsatz von "Biologicals" und mehrdimensionale adjuvante Therapien beherrscht werden.

Demgegenüber steht, dass Prävention, Frühdetektion und Basistherapien von Zivilisationskrankheiten bisher weder von Politik, Sozialversicherungen, Medien und Öffentlichkeit auf der Agenda stehen.

Im Gegenteil: Indem niedergelassene Vertragsärzte der GKV als Haus- und Fachärzte an keiner einzigen Stelle für Schulung und Behandlung bei Übergewicht, Bewegungsmangel, Fehlhaltung, passiven Medienkonsum, Falsch- und Fehlernährung, Rauchen, Alkohol-, Drogen- und Genussmittelabusus, mangelhafte körperliche Belastbarkeit in Beruf und Freizeit, Stressfaktoren aufwandsentschädigende Honorare bekommen und Gebührenordnungspunkte (GOP) nach EBM für derartige Problembereiche nicht existent sind, können in Deutschland keine systematischen epidemiologischen, diagnostischen und therapeutischen Evaluationen für eine risikoadaptierte Primärprävention stattfinden.

Mit einem irrational argumentierenden Barmer-Arzneimittelreport zu lamentieren und vor angeblichen Gesundheitsgefahren durch Polypharmazie zu warnen, ist angesichts stetig steigender durchschnittlicher Lebenserwartung mehr m. E. als scheinheilig und unbedarft!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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