Ärzte Zeitung online, 10.07.2018

Gutachter

Es gibt ein Land-Stadt-Gefälle im RSA

Haus- und Fachärzte spielen eine Rolle, wenn es darum geht, das Geld der Versicherten regional fair unter den Kassen zu verteilen. Ausländer und Arbeitslose jedoch eher nicht. So steht es in einem neuen Gutachten zum Risikostrukturausgleich.

Von Anno Fricke

Regionale Merkmale in RSA aufnehmen

Der Morbi-RSA soll auch regionalstatistische Merkmale einbeziehen, um das Geld gerechter zu verteilen – so der Wissenschaftliche Beirat zur Weiterentwicklung des Risikostrukturausgleichs.

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BERLIN. Der Finanzausgleich der Krankenkassen untereinander führt zu Verzerrungen im Wettbewerb der Kassen. Grund sind regional unterschiedliche Deckungsbeiträge.

Das stellt der Wissenschaftliche Beirat zur Weiterentwicklung des Risikostrukturausgleichs (RSA) in seinem am Dienstag vorgelegten Gutachten zu regionalen Verteilungswirkungen des RSA fest.

In Großstädten und ihren Speckgürteln erhalten die Kassen demnach weniger Geld je Versicherten aus dem Gesundheitsfonds als auf dem Land, im Durchschnitt 50 Euro weniger pro Kopf. Der Beirat empfiehlt daher, den Finanzausgleich um regionalstatistische Merkmale zu ergänzen.

Die Wissenschaftler um Professor Jürgen Wasem favorisieren ein Modell, mit dem zusätzliche Indikatoren direkt in die Berechnung aufgenommen werden sollen. Dazu gehören auch die Haus- und die Facharztdichte.

Die Pflegestatistik, die Sterbekosten und -raten sowie der Wanderungssaldo zwischen den Kassen sollen ebenfalls dazu beitragen, regionale Unwuchten auszugleichen.

Als statistisch weniger relevant betrachtet der Beirat soziale Faktoren wie die Erwerbsquote, den Anteil arbeitsloser Frauen, den Ausländeranteil oder auch die Zahl der Krankenhausbetten.

 "Gutachten zeigt Notwendigkeit einer Reform auf"

Einen Ausgleich der Deckungsbeiträge von Landkreis zu Landkreis hält der Beirat für nicht zielführend. Das stößt auf Zustimmung im AOK-Lager.

"Ein Regionalfaktor darf Über-, Unter- und Fehlversorgung nicht zementieren beziehungsweise Geld aus ländlichen Regionen in überversorgte Städte lenken", sagte der Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbands Martin Litsch am Dienstag der "Ärzte Zeitung". Darin sei der Beirat sehr klar und lehne einen Ist-Kosten-Ausgleich ab.

Darauf, dass es regional unterschiedliche Über- und Unterdeckungen gebe, heben die Ersatzkassen ab. Sie zählen sich wie auch Teile der Betriebs- und Innungskrankenkassen zu den Benachteiligten des aktuellen Ausgleichsverfahrens.

"Aus Sicht des Verbandes der Ersatzkassen zeige das Gutachten die Notwendigkeit einer Reform auf, die regionale Versorgungs- und Kostenstrukturen abbilde", hieß es dazu am Dienstag in einer Stellungnehme gegenüber der "Ärzte Zeitung".

Regionalisierung der Zusatzbeiträge eine Option

Nach der Reform ist vor der Reform. Auch nach dem Beirats-Modell würden weiterhin "relativ hohe" Unterschiede zwischen den Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds und den Ausgaben bestehen.

Mittelfristig seien daher das Zusammenfassen der Landkreise zu Vergleichs-Clustern und eine Regionalisierung der Zusatzbeiträge weitere Reformoptionen, denken die Gutachter bereits voraus.

Das jetzt vorgelegte Gutachten ist Teil einer umfassenden wissenschaftlichen Überprüfung des Finanzausgleichssystems der Kassen untereinander. 2017 hat der Beirat bereits ein Vollmodell eines Ausgleichs über alle Krankheiten vorgeschlagen.

Bislang werden die Zuweisungen anhand von Alter und Geschlecht der Versicherten, dem Erwerbsminderungsstatus und 80 jährlich festzulegenden Krankheiten ermittelt. Weitere Ausgleichsmechanismen flankieren diese Maßnahmen.

Union und SPD haben die Reform des Finanzausgleichs und die von Gesundheitsminister Jens Spahn angekündigte Verpflichtung der Kassen miteinander verknüpft, Finanzreserven zugunsten der Versicherten abzubauen. Bis zum 31. Dezember 2019 soll die Architektur des Morbi-RSA demnach umgebaut sein.

Der Artikel wurde aktualisiert am 10.7.2018 um 16:03 Uhr.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
RSA-Gutachten: Steilvorlage für die Politik

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