Kongress, 08.04.2013
 

DGIM-Plenarsitzung

Medizinische Versorgung unter der Lupe

Im Jahr 2011 wurden in deutschen Krankenhäusern 18,8 Millionen Patienten behandelt. Eine Behandlung kostete durchschnittlich fast 4000 Euro und damit 2,5 Prozent mehr als im Jahr zuvor.

Um das deutsche Gesundheitssystem nicht zu überfordern, dürfen diese Kosten nicht weiter steigen. Gleichzeitig gelte es, eine bedarfsgerechte und gleichmäßige Patientenversorgung zu sichern, betont die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM).

Angesichts dessen dürfe die Politik nicht vor einer Diskussion über die Priorisierung medizinischer Leistungen zurückschrecken. Denn Prioritäten schützen nicht zuletzt auch vor Verschwendung von Mitteln.Seit Jahrzehnten richten andere europäische Nationen ihr Handeln im Gesundheitswesen am abstufbaren medizinischen Bedarf, am Nutzen medizinischer Leistungen und an deren Kosten aus.

"Eine offene, konstruktive Auseinandersetzung über Wege der Priorisierung in der Medizin ist hierzulande überfällig", sagt Professor Heiner Raspe. Andernfalls werde unser Gesundheitssystem zunehmend ungerecht und durch ein Nebeneinander von Über- und Unterversorgung geprägt, so der Bevölkerungsmediziner von der Universität Lübeck im Vorfeld des Internistenkongresses.

In Dänemark, Norwegen, Holland und Schweden hat diese Diskussion schon in den 1980er Jahren begonnen. In Deutschland hingegen setzten viele den Begriff ‚Priorisierung‘ mit dem der allein negativ verstandenen ‚Rationierung‘ gleich.

"Das erschwert die Diskussion zusätzlich", wird Raspe in der Mitteilung der DGIM zitiert. Prioritäten in der medizinischen Versorgung können sich beispielsweise am Bedarf für eine Therapie orientieren.

Hierfür seien einerseits die Schwere und Gefahr zu beurteilen, die von einem bestimmten Krankheitszustand ausgehen, so die DGIM in ihrer Mitteilung. Zudem sei nicht nur bei Operationen die Dringlichkeit eines Eingriffs zu beachten.

Andererseits seien auch der zu erwartende medizinische Nutzen und das Schadenpotenzial der Behandlung zu berücksichtigen, erläutert Raspe: "Der Schweregrad und die Prognose der Erkrankung sind ebenso abstufbar wie die Nutzenchancen und Risiken ihrer Behandlung."

Beides lässt sich in einem systematisch-methodischen Verfahren kombinieren.Den so gebildeten Indikationen lassen sich Ränge zuordnen -von 1, absolut notwendig, bis 10, eher unnötig. "Diese Ränge haben in erster Linie empfehlenden Charakter", erklärt Raspe.

"Sie unterstützen medizinische Einrichtungen im Versorgungsmanagement." Der Spielraum des jeweiligen Entscheidungsträgers bleibe erhalten, betont der Sozialmediziner, Internist und Rheumatologe.

Im schwedischen Modell beruht Priorisierung in der Medizin auf drei ethischen Prinzipien: Menschenwürde und Diskriminierungsverbot, Bedarf und Solidarität und Kosteneffizienz.

Um auch in unserem System eine sichere ethische Basis zu schaffen, bedürfe es eines organisierten, gesamtgesellschaftlichen Diskussionsforums, das auch Patienten und Bürger beteiligt, so die DGIM.

In diesem Rahmen sei die Priorisierung einzelner medizinischer Leistungen Sache klinischer Fachleute, begleitet von Medizinethikern und Gesundheitsökonomen: "Bei knapper werdenden finanziellen, materiellen und personellen Ressourcen ist Priorisierung vor allem auch ein Zeichen für ethisch reflektiertes Handeln."

Darin läge auch eine Chance, Mittel sinnvoll einzusetzen, anstatt zulasten von Patienten unnötige Ausgaben zu generieren. Priorisierung böte auch die Chance, neue Verfahren in vorhandene Listen einzuordnen und ihnen so den gebührenden Rang zuzuweisen. (mal)

"Versorgungsforschung in der Inneren Medizin", Montag, 14:00-15:30 Uhr, Halle 1

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